Ein Mann beugt sich über ein Buch, im Hintergrund Regale © NDR Foto: Torben Steenbuck
Ein Mann beugt sich über ein Buch, im Hintergrund Regale © NDR Foto: Torben Steenbuck
Ein Mann beugt sich über ein Buch, im Hintergrund Regale © NDR Foto: Torben Steenbuck
AUDIO: Der Meisterfälscher Beltracchi (1/2) (39 Min)

Ralph Jentsch: Den Kunstfälschern auf der Spur

Stand: 05.10.2022 07:49 Uhr

In der Folge des True-Crime-Podcasts "Kunstverbrechen" geht es um den größten Kunstfälschungsskandal der Nachkriegsgeschichte. Mit aufgeklärt hat ihn Kunsthistoriker und Fälscherjäger Ralph Jentsch.

von Torben Steenbuck

Ein Industrie-Gelände in Berlin-Tempelhof. Nicht gerade der erste Ort, an dem ich die Residenz eines renommierten Kunsthistorikers vermutet hätte. Zwischen einer LKW-Spedition und Handwerksbetrieben tut sich eine weiße Lagerhalle auf. Das Tor ist verschlossen, aber die Nebentür steht einen Spalt breit auf.

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Ralph Jentsch: gerissener Jäger von Kunstfälschern

In der weiträumigen Lagerhalle reihen sich meterweise Bücherregale aneinander, dazwischen einzelne Tische mit Aktenbergen darauf. Am Ende des Raums steht ein großer Schreibtisch, dahinter sitzt ein kleiner älterer Herr mit freundlichem Blick: Ralph Jentsch. Doch der harmlose Schein trügt, denn Jentsch ist ein gerissener Jäger von Kunstfälschern. Das Kunstgeheimnis des 78-Jährigen ist lebenslanges Training, wie er verrät.

"Meine Eltern haben mit mir schon als Sechsjährigem Kunstfahrten gemacht, sind in Museen gegangen", erzählt Jentsch. "Bis ich 21 war, habe ich alle Kupferstichkabinette und grafischen Sammlungen in ganz Europa aufgesucht. War im Prado in Madrid, in der Bibliothek National in Paris, war im British Museum in London, selbst im Kupferstichkabinett in Helsinki. Ich habe schon früh angefangen, mein Auge zu schärfen."

Enttarnung von Fälschungen: Ehrensache!

Zu sehen ist ein Bildband mit der Abbildung eines expressionistischen Gemäldes. © NDR Foto: Torben Steenbuck
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Ralph Jentschs Spezialgebiet ist das 20. Jahrhundert. Er verwaltet den privaten Nachlass des Expressionisten George Grosz, hat über Jahrzehnte den Oeuvre-Katalog des Künstlers rausgebracht und in Berlin Das Kleine Grosz Museum mit eröffnet. In seinem Archiv steht ein Bücherregal allein mit Fälschungen. Die erkennt Jentsch meist sehr schnell. Es klingt ganz simpel, wenn er erklärt, das sei in etwa so, "wie wenn eine fremde Frau die Klamotten ihrer Mutter anzieht. Dann sehen Sie zwar die Klamotten ihrer Mutter, aber sehen sofort, dass das nicht ihre Mutter ist, dass das eine fremde Frau ist."

Ralph Jentsch erstellt auf Anfrage kunsthistorische Gutachten zur Echtheit von Kunstwerken. Der Blick auf die "Klamotten" reicht hier aber nicht. Er braucht hieb- und stichfeste Belege und muss dafür in die Tiefenforschung gehen. Taucht das Werk in Katalogen auf? Ist es schon irgendwo abgebildet? Gibt es Informationen zu den Vorbesitzern? Für die Gutachten berechnet Jentsch zwischen 250 bis 500 Euro für Werke auf Papier und 500 bis 1000 Euro für Gemälde. Das gilt allerdings nur, wenn er die Echtheit bestätigt. Für die Enttarnung von Fälschungen verlangt Jentsch keinen Cent. Ehrensache - und Befriedigung seines Jagd-Triebs.

Campendonk-Fälschung: "Was für eine Gurke!"

Ein Mann hält ein Blatt Papier in der Hand, darauf ein gezeichnetes Porträt. Darüber steht "Sammlung Flechtheim". © NDR Foto: Torben Steenbuck
Das Etikett sollte angeblich von Alfred Flechtheim stammen, einem der berühmtesten Kunstsammler seiner Zeit.

Der wird auch geweckt, als er im Jahr 2008 für eine Einschätzung zu einem Gemälde des Malers Heinrich Campendonk angefragt wird. Jentsch bekam eine ziemlich schlechte Abbildung zugeschickt und dachte direkt: "Was für eine Gurke, das ist nie ein Campendonk!"

Auf der Rückseite des Gemäldes: ein Aufkleber. Er soll Alfred Flechtheim zeigen, einen der bedeutendsten Kunstsammler seiner Zeit. Er soll das betreffende Bild angeblich in den 1920er-Jahren besessen haben. Auf der Abbildung des Aufklebers wirkt der jüdische Kunsthändler eher dümmlich, wie eine antisemitische Karikatur. "Also so eine Schlamperei hätten die nie gemacht. Als ich das zum ersten Mal sah, war mir klar, das ist gefälscht. Und dann muss auch die Vorderseite gefälscht sein", schlussfolgert Jentsch.

"Kunstverbrechen": True-Crime-Podcast von NDR Kultur

Und so begibt sich Jentsch damals erneut auf die Suche nach handfesten Beweisen für die Fälschung des Gemäldes. Ohne zu wissen, dass er einem der größten Kunstfälschungsskandale weltweit auf der Spur ist.

Wie es mit dem ominösen Aufkleber und der Suche nach dem "Meisterfälscher" weitergeht, hören Sie in der neuen Folge von "Kunstverbrechen", dem True-Crime-Podcast von NDR Kultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kunstverbrechen - True Crime meets Kultur | 05.10.2022 | 06:00 Uhr

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