Stand: 15.08.2020 21:00 Uhr

Ausstellung: "Nasse" Plakat-Kunst in Hamburg

von Franziska Storch

Klaus Staeck ist der König der Plakate-Kunst. Seit den 1970er-Jahren macht er Plakate, die für bezahlbaren Wohnraum, Arbeitsplätze oder Umweltschutz eintreten. Er ist Schirmherr eines Plakate-Wettbewerbs, der nun schon das 4. Mal in Hamburg stattfindet. Dieses Jahr geht es um Umweltschutz, genauer Wasser. Am Geländer der Kennedybrücke, mit Blick auf die Außenalster, werden die 25 Gewinnerplakate des Wettbewerbs ausgestellt.

Plakate hängen an einem Geländer der Hamburger Kennedybrücke. © NDR Foto: Franziska Storch
Unter anderem auf der Kennedybrücke sind die Plakate des Wettbewerbs derzeit ausgestellt.

Einfache Bilder, wenig Text: Die Plakate wirken, sogar, wenn man nur schnell an ihnen vorbeiläuft. "Ich bin heute beim Laufen an den Plakaten vorbeigekommen", erzählt eine Läuferin. "Weil ich ziemlich geschwitzt habe, ist mir besonders das Plakat aufgefallen, wo die ausgetrocknete Erde ist", erzählt sie. Das Bild zeigt braunen Lehmboden, der so trocken ist, dass er viele Risse hat. Das Foto ist bearbeitet, sodass die Risse ein Gesicht bilden, mit geschlossenen Augen und offenem Mund: Der Boden verdurstet.

"In Ländern gibt es Kriege wegen Wasser", sagt Julia Melzer, die der Kopf hinter der Plakate-Ausstellung ist. "In der Wendland-Elbe-Region gab es immer Probleme mit Hochwasser, und jetzt ist genau das Gegenteil der Fall. Die Elbe hat zu wenig Wasser, und das ist tatsächlich ein großes Problem."

Wasser als Thema für den diesjährigen Wettbewerb

Plakate hängen an der Ecke Kirchenallee/Hachmannplatz in Hamburg. © NDR Foto: Franziska Storch
Auch an der Ecke Kirchenallee/Hachmannplatz sind Werke zu sehen.

Julia Melzer hat Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt eingeladen, ein kritisches Plakat zum Thema Wasser zu gestalten. Aus den mehr als 400 digitalen Einsendungen hat eine Jury 25 Gewinner-Plakate ausgewählt, darunter auch das der Hamburgerin Simone Karl. "Mein diesjähriges Plakat zeigt 16 Pfandmarken, die zusammengebügelt sind", erzählt sie. "Das sind so kleine Pfandmarken, wie wir sie von Eineinhalb-Liter-Wasserflaschen kennen, zusammen ergeben sie den Wert von vier Euro." Auf die Idee zu diesem Motiv sei sie gekommen, als sie eine Pfandsammlerin sah, die eine Wasserflasche ausgeschüttet hat, um das Pfand für die Plastikflasche zu bekommen. Die Künstlerin war irritiert, "dass es uns nicht auf das Wasser ankommt, sondern auf das Plastik drumherum. Und dass wir dem Plastik mehr Wert zuschreiben als dem Wasser." Diese Haltung sei sehr paradox, "weil wir das Wasser eigentlich zum Überleben brauchen, aber das mehr wertschätzen, das uns das Wasser früher oder später zerstören oder verschmutzen wird."

Kunstwerke der Straße

Plakate sind Kunstwerke der Straße. Am Geländer der Brücke, mit Blick auf die Alster, wirkt das Thema Wasser natürlich besonders eindringlich - wie wäre zum Beispiel Hamburg ohne Alsterwasser? Auch einen Touristen, der langsam vorbeiradelt und dabei den Kopf nach den Plakaten umdreht, bringen die Werke zum Nachdenken. "Ich selber lebe in Spanien und ich weiß, dass Wasser eines der Hauptprobleme ist", sagt er. "Wir haben von allem genug, aber nie genug vom Wasser." Dem Mann gefällt ein blaues Plakat mit einem gezeichneten Mann, auf dessen Oberteil ganz häufig "2.200 Liter" steht, der Wasserverbrauch für die Produktion eines einzigen T-Shirts.

Plakate sollen zum Nachdenken anregen

Plakate auf einem Plateau der Hamburger Kunsthalle. © NDR Foto: Franziska Storch
Viele engagierte Helfer stecken hinter der Plakat-Aktion, die auch an der Kunsthalle zu bewundern ist.

Hinter dem Plakatwettbewerb stecken viele engagierte Menschen, allen voran die Initiatorin Julia Melzer, die auch Anträge schreibt und Sponsoren sucht. So würden unter anderem Gelder benötigt, um die Plakate drucken zu lassen und sie aufzuhängen. "Das ist alles viel Arbeit, und wir haben auch viel ehrenamtliche Arbeit." Melzer hat den Wettbewerb vor vier Jahren ins Leben gerufen, weil sie zum Nachdenken über Gesellschaft und Umwelt anregen möchte. Jedes Jahr sucht sie andere Orte für die Galerie im Freien aus, die immer einen Bezug zum Thema haben. Wie ein schwarzweißes Pinocchio-Plakat, das einen Passanten beeindruckt. Auf dem Plakat schauen sich zwei Strichmännchen-Köpfe an. Die Nase des einen ist so lang geworden, dass sie nun in das Auge des anderen ragt. Ein blauer Tropfen Wasser rollt als Träne aus dem Auge. Das Bild sage ihm, "dass Lügen wehtun und dass unser Klima in Gefahr ist", erzählt der Spaziergänger.

Die Hoffnung der Initiatorin und aller Künstlerinnen und Künstler ist, dass ihre Plakate nicht nur toll aussehen, sondern dass ihre Botschaften sogar Menschen dazu bringen, sich anders zu verhalten.

An vier Orten in Hamburg sind noch bis Ende August die Plakate zu sehen: Auf der Kennedybrücke, auf dem Plateau der Kunsthalle, an der Ecke Kirchenallee/Hachmannplatz und Am Neumarkt in Wandsbek.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.08.2020 | 19:00 Uhr

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