Stand: 25.03.2020 17:39 Uhr  - NDR Kultur

Pest und Seuchen in der Bildenden Kunst

von Anette Schneider

Krankheiten und Seuchen beeinflussen die Menschen seit Jahrtausenden. Doch eine zieht sich durch die Menschheitsgeschichte und prägt unsere Sprache bis heute: die Pest in all ihren Formen, die zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert allein in Europa zig Millionen Menschen das Leben raubte und immer wieder ganze Landstriche verwüstete. Sie wurde Thema der Literatur - man denke nur an Boccaccios "Decamerone" aus dem 14. Jahrhundert - und fand auch Eingang in die Bildende Kunst und die Architektur.

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Dieser Ausschnitt des im zweiten Weltkrieg zerstörten Totentanzes in der Lübecker Marienkirche zeigt König, Bischof, Abt und Ritter.

Über viele Jahrhunderte verheerte der "Schwarze Tod" immer wieder ganze Landstriche. Besonders schrecklich wütete er um 1346, als er erstmals ganz Europa befiel und über ein Drittel der Bevölkerung starb, gleich welchen Alters und welchen Standes. Nach diesem verstörenden, unerklärlichen Massensterben entstanden vielerorts umfangreiche Totentanz-Zyklen. Die Malereien zogen sich friesartig an den Wänden von Kirchen und Klöstern entlang und zeigten den Sieg des Todes über das Leben: Lachend, feixend, tanzend und die Trommel schlagend holt sich da ein Skelett erst den Papst, dann den Kaiser, dann Edelleute, Bauer, Bettler und Kind.

Die Schrecken der Seuchen als Thema in der Kunst

In den folgenden Jahrhunderten fand der Schrecken vor Seuchen immer häufiger Eingang in die Kunst. Weil diese fast ausschließlich im Auftrag der Kirche entstand, bedeutete das: Alle bereits in der Antike begonnenen Versuche, die Ursachen von Epidemien herauszufinden, wurden durch die Deutungshoheit der Kirche verdrängt. Epidemien galten - wie auch Kriege und Naturkatastrophen - als Strafe Gottes. Und die wurde den Menschen auf Altären und Heiligenbildern nun drastisch vor Augen geführt: Hieronymus Bosch etwa malte gewaltige Strafgerichte, Feuersbrünste und Höllenstürze, mittendrin feixende Teufel und albtraumhafte Mischwesen, die Menschen folterten, kochten und fraßen.

"Die Menschen des Mittelalters lebten in einer ganz konkreten und sehr stark empfundenen Angst vor der Hölle. Dass es die Hölle gibt, war für sie eine Gewissheit", erklärt Kunstwissenschaftler Phillipp Müller. "Was Bosch gemalt hat in seinen Höllendarstellungen ist die Aktualisierung, die Zuspitzung all dieser Ängste. Er habe dem, was gepredigt wurde und was die Menschen fühlten und fürchteten, Gestalt verliehen."

Albrecht Dürer greift Bild der Apokalypse auf

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"Die vier apokalyptischen Reiter" gehört zu Dürers berühmtesten Werken. Mit seinem Holzschnitt greift er unter anderem die Themen Krankheit, Pest und Tod auf.

Andere Künstler wie Albrecht Dürer griffen das alttestamentarische Bild der Apokalyptischen Reiter auf, die das Unglück über die Menschheit bringen. Unter ihnen gibt es einen Bogenschützen, der mit seinen Pestpfeilen jedermann treffen konnte. Natürlich versprach die Kirche auch Abhilfe von allem Übel. Wenn man nur tief genug glaubte und büßte, gelangte man - vielleicht - ins Himmelsreich, das den Höllendarstellungen auf den Altären strahlend gegenübergestellt wurde.

Bis dahin galt als wirksamste Maßnahme gegen die Pest, die Schutzheiligen Sebastian und Rochus anzubeten, deren Bildnisse bis ins 17. Jahrhundert hinein Hochkonjunktur hatten. Dem Heiligen Rochus, den man an einer Pestbeule am Oberschenkel erkennt, wurde in Venedig sogar die prachtvolle Scuola Grande di San Rocco mitsamt Kirche geweiht. Ausgemalt von Tintoretto, dem damals bedeutendsten Maler der Stadt, zeigt das Hauptbild Rochus in einem großen dunklen Saal, der den nackten Pestkranken die Hand auflegt.

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Dem Heiligen Rochus ist die Scuola Grande di San Rocco in Venedig geweiht. Er gilt als Schutzpatron der Pesterkrankten.

Auch in Süddeutschland wurden die beiden Heiligen verehrt, so der Kurator einer Pestausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Archäologie Stefan Leenen. "Wenn man durchs Bergische Land fährt, kommt man an zahlreichen, kleinen Kapellen vorbei, die dann auch Sebastian oder Rochus geweiht sind. Und es gibt tatsächlich noch die Tradition, dass z.B. durch Gelübde versprochene Wallfahrten oder Prozessionen bis zum heutigen Tag Bestand haben, über viele Jahrhunderte hinweg", erzählt der Historiker.

Wissenschaften verdrängen den irrationalen Blick auf Krankheiten

Die Herausbildung des Bürgertums und die Etablierung der Wissenschaften beendete die Deutungshoheit der Kirche und damit den irrationalen Blick auf Krankheiten. Das Pest-Motiv verschwand aus der Malerei. Lediglich Anfang des 18. Jahrhunderts hielten noch einmal einige Maler fast dokumentarisch genau fest, wie Totengräber in Neapel und Marseille Sterbende und Tote auf große Plätze schleppten.

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Sogenannte Pestmasken sind heute beliebte Verkleidungen beim Karneval von Venedig.

Im 20. Jahrhundert wurde die Pest dann zur Metapher, so Doreen Mölders, Direktorin des LWL-Museums, das gerade eine Ausstellung über die Pest zeigt. "Die Pest ist im Prinzip Sinnbild für etwas Katastrophales, Schreckliches und begegnet uns immer wieder: Albert Camus mit der 'Pest', symbolisch, dann aber eher angesprochen auf den Nationalsozialismus, der wie im Prinzip ja auch wie die Pest gewirkt hat und Millionen Menschen das Leben gekostet hat", erläutert Mölders.

Den "Bewältigungsstrategien" von oben wurden stets einige von unten entgegengesetzt: In Venedig etwa eigneten sich die Menschen die Kleidung der Pestärzte für den Karneval an, um dem Tod in langen Umhängen und mit Vogelmasken ein Schnippchen zu schlagen. Unter "Angstlust" dürfte auch fallen, dass aktuell so viele Spielfilme über Seuchen gestreamt werden, wie noch nie. Und der US-amerikanische Maler David Hockney, der seit Ausbruch der Corona-Krise in der Normandie festsitzt, versucht es auf die naive Art: Er versieht im Netz ein Narzissen-Bild mit dem eher schlichten Hinweis: Das Leben mag still liegen, der Frühling aber lässt sich nicht aufhalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.03.2020 | 19:00 Uhr

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