Stand: 08.08.2020 06:00 Uhr

Neuer Künstler-Hotspot: Carlshöhe in Eckernförde

Viel erinnert nicht mehr an die Kasernenanlage der Marine von damals. Heute ist die Carlshöhe in Eckernförde ein lebendiger Stadtteil mit schicken, neuen Wohnungen und Häusern zum Teil mit Blick auf das Windebyer Noor: mit Cafés, Büros, einem Fitnesscenter - und vor allem mit vielen Künstlerateliers. 55 sind es, alle sind vermietet und heiß begehrt. Eines gehört dem Künstler Sebastian Libuda. Ein junger Wilder sozusagen, 36 Jahre alt, aufgewachsen in einer Künstlerfamilie in Eckernförde, nach Hamburg gegangen, um Fotograf zu lernen, nun zurückgekehrt auf die Carlshöhe. Hier lebt er seinen Künstlertraum und versucht, seine Leidenschaft nach und nach zu seinem Beruf zu machen. Er werkelt mit Farbe und Spachtel auf großflächigen Leinwänden, und jeder kann ihm bei seinem Schaffen zusehen. Die Atelierwände sind gläsern, die Tür steht oft offen. Hereinspaziert - so lautet das Motto bei den Künstlern auf der Carlshöhe.

Spachteln mit Eisenfarbe

Auf Sebastian Libudas Leinwand sind schon einige Schichten oxidierter Eisenfarbe drauf. Jetzt kommt noch mehr Farbe. Der hochgewachsene junge Mann hockt sich auf den Boden und bearbeitet sein Werk mit Spachteln. Das sieht nach Arbeit aus. "Aber auch nach Spaß", lacht der Eckernförder. Wann das Bild fertig ist? "Schwer zu sagen", sagt er und muss wieder grinsen. "Bei mir ist es so: Ich wohne hier ja auf der Carlshöhe und dann bringe ich die Arbeit rüber in meine Wohnung. Wenn die Bilder das da einen Monat überstehen, ohne weitergemalt zu werden, dann sind sie fertig."

In Gläsern und Tassen stehen vor einem Fenster Pinsel und Stifte. © Andrea Schmidt Foto: Andrea Schmidt
AUDIO: Carlshöhe Eckernförde: Wo Künstler zusammenkommen (4 Min)

Carlshöhe: Größte Künstlerkolonie im Land

Sebastian Libuda ist nun also Teil der größten Künstlerkolonie Schleswig-Holsteins. Die hat sich hier tatsächlich in den vergangenen Jahren ganz heimlich, still und leise entwickelt, ohne dass weite Teile der Bevölkerung es mitbekommen haben. Hier auf der Carlshöhe gibt es mittlerweile auch die nach Angaben der Betreiber größte private Galerie Schleswig-Holsteins, die Carls Art 78.

Auch das dürfte vielen unbekannt sein - allerdings nicht in der Künstlerszene, denn hier ist der Andrang riesig: "Bei uns bewerben sich die Künstler, um auf den insgesamt 600 Quadratmetern auszustellen", sagt eine der drei ehrenamtlichen Leiterinnen der Galerie, Margit Buß. "Wir sind ausgebucht bis 2025 und wir haben Künstler sowohl aus der Region als auch aus ganz Deutschland, Dänemark oder der Schweiz." Zeitgenössische Kunst kann der Besucher hier bewundern. Ölgemälde, Skulpturen, Bilder mit Holz oder Papier - die Ausstellungen wechseln mehrmals jährlich.

Kunst unter die Leute bringen

Zwei Personen stehen in einem Flur und unterhalten sich. © Andrea Schmidt Foto: Andrea Schmidt
Künstlerin Margit Buß (r.) liebt die lockere Stimmung auf der Carlshöhe und freut sich über jeden einzelnen Besucher.

Die Künstlerin Margit Buß hat hier auch ein eigenes Atelier - und was für eins! Es ist das größte - lichtdurchflutet, einladend und ganz schön beeindruckend. "Dieses Atelier ist einfach grandios", staunt Besucherin Antje Kleine-Weber. Margit Buß arbeitet hier mit Lackfarbe und nutzt häufig das Palettenmesser. "Ich würde es experimentelle informelle Malerei nennen - mit gesteuertem Zufall", sagt die energiegeladene 69-Jährige. Wer ein bisschen Ahnung hat, führt Fachgespräche mit den Künstlern und lässt sich Techniken erklären. "Die Menschen kommen hier ja nicht unbedingt her, um sofort ein Bild zu kaufen. Sie wollen sich Ideen holen. Und ich genieße es, Kunst unter die Leute zu bringen - Kunst in Eckernförde zu etablieren." Einige Eckernförder sind hier quasi Stammgast: "Die Künstler erklären viel. Ich kann die Carlshöhe nur weiterempfehlen", sagt Angelika Träger.

Viele Kreative auf einem Haufen

Eine Person steckt ihren Kopf aus einer offenen Tür. An der Wand neben der Tür hängt ein Karikaturporträt derselben Person. © Andrea Schmidt Foto: Andrea Schmidt
"Komm doch rein". Der Eckernförder Künstler Eckhard Kowalke zeigt gerne sein Atelier auf der Carlshöhe.

Die Besucherzahlen sind zwar nicht gigantisch hoch, doch sie steigen. Zumindest bis Corona kam, aber das ist eine andere Geschichte. Wer hierher kommt, nimmt sich Zeit, stöbert und schaut hinter alle möglichen Türen. Zum Beispiel auch hinter die des Eckernförder Künstlers Eckhard Kowalke, der sein Atelier in einem anderen Haus hat, dem Haus 60. Hier erwartet den Besucher eine ganz andere Stilrichtung. Amy Winehouse schaut einen zum Beispiel an. Kowalke ist - ebenfalls wie Margit Buß - ein Künstler der ersten Stunde hier im Viertel. "Für mich hat sich hier auf der Carlshöhe ein Traum erfüllt, dass man mit ganz vielen anderen Künstlern zusammenleben kann. Ich hatte immer die Hoffnung, dass sich etwas Neues ergibt, wenn so viel Kreative auf einem Haufen sind, und das hat sich hier erfüllt."

Familie Greifenberg gibt Künstlern Raum

Immer wieder fällt übrigens ein Name: die Greifenbergs. Diese Familie, die 2008 die Liegenschaft Carlshöhe erwarb und den Stadtteil Schritt für Schritt aufbaute, hat wohl einfach ein Herz für Künstler. Die Ateliers, so hört man, sollen nicht teuer sein, und wenn Werke und Bilder verkauft werden, fließt nichts in die Kassen der Galerie, sondern der Erlös bleibt bei den Künstlern. Drei Frauen - Margit Buß, Eike Eschholz und Uta Masch - führen im Namen der Greifenbergs die Carls Art 78. Frauenpower sozusagen.

Jung lernt von Alt - Alt von Jung

Diese drei Frauen freuen sich insbesondere, wenn auch die Jungen Wilden die Carlshöhe ein bisschen aufmischen und vielfältiger machen - so wie Sebastian Libuda eben. Auch bei den jüngeren Künstlern kann man sich nämlich das ein oder andere abschauen: wie Libuda zum Beispiel mit dem Eisen experimentiert, wie der Eisengrund mit Oxidationsmittel anfängt zu rosten und wie dadurch unterschiedliche Farben entstehen. "Und ich kann meinerseits von den Künstlern lernen, die hier schon so viel Erfahrung haben", sagt der 36-Jährige. "Ich male erst seit drei Jahren. Wenn ich mal 'ne Frage habe zu irgendeiner Grundierung oder einer Mischung, dann bekomme ich schnell Antworten."

Kein Völkchen für sich

Eine Künstlerblase auf der Carlshöhe? Vielleicht ein bisschen. Aber auf jeden Fall eine, in die gern hineingepiekt werden darf von außen. Wie schon gesagt: Hereinspaziert. Die Galerie hat immer mittwochs und am Wochenende geöffnet. Ein kleiner Tipp: Der Mittwochnachmittag hat sich zum Carlshöhe-Tag entwickelt. Dann sind besonders viele Künstler und Künstlerinnen da.

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Blick über den Hafen von Eckernförde zum historischen Silo. © imago/alimdi

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 06.08.2020 | 20:05 Uhr