Stand: 28.04.2020 08:47 Uhr

Kunststätte Bossard: Streit um NS-Verstrickung

In der Lüneburger Heide bei Jesteburg steht ein Gesamtkunstwerk des Expressionismus. Gebaut wurde die Anlage mit Kunst-Tempel, Wohnhaus und Klostergarten ab 1911 vom Künstler Johann Bossard und seiner Frau Jutta. Bisher ist sie wenig bekannt. Das soll sich durch ein elf Millionen Euro teures neues Kunstmuseum ändern, das direkt daneben entstehen soll. Doch nun gibt es Streit um die Frage: Wie sehr war Johann Bossard in den Nationalsozialismus verstrickt? Kritiker sehen in ihm einen völkischen Nationalisten, der in der NS-Zeit Karriere machen wollte. Die Befürworter des Projekts verteidigen den Expressionisten.

Das letzte Stück Straße, das zur Kunststätte Bossard führt, ist bis heute nicht asphaltiert. Dann liegt es da, das Gesamtkunstwerk aus roten Ziegeln inmitten der Heide. Die Gebäude erinnern an eine Klosteranlage oder eine Trutzburg. Hans Heinrich Aldag sieht noch etwas anderes: "Ich erlebe Bossard als einen Rohdiamanten und ein Stück weit ungeschliffen. Ich wäre sehr begeistert, wenn wir das ein bisschen größer aufziehen könnten, um ihm die Attraktion zu gewähren, die er eigentlich verdient."

VIDEO: Kunststätte Bossard: Streit um geplanten Neubau (3 Min)

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Harburger Kreistag blickt in die Zukunft. Bisher hat sich Aldag erfolgreich für die neue Kunsthalle eingesetzt, auch der Bund hat Millionen zugesagt. Doch nun holt ihn Johann Bossards Vergangenheit ein: "Eine Demokratie finanziert kein Denkmal für ihre Feinde. Und Bossard war zumindest in dieser Zeit ein Feind der Demokratie, weil er für ihre Feinde eine Weihe- und Ruhmeshalle für viertausend Leute bauen wollte."

Unklare Vergangenheit

Jörn Lütjohann sitzt ebenfalls für die CDU im Kreistag. Er meint, hätte sich Johann Bossards Entwurf bei einem Wettbewerb im Jahr 1934 durchgesetzt und wäre dann realisiert worden, dann wäre auf der Moorweide in Hamburg eine Halle für den Kult um getötete Nationalsozialisten errichtet worden.

Interview
Kunststätte Bossard © picture-alliance Foto: Kunststätte Bossard

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"So jemand ist zunächst mal ein Künstler, der auf der Suche nach einem Auftrag ist", sagt Gudula Mayr, Leiterin der Kunststätte. Bossard sei nie Parteimitglied gewesen. Ab 1934 habe er gemerkt, dass seine Vorstellungen mit dem NS-Regime nicht kompatibel waren, das habe die Forschungsarbeit mehrerer Historiker ergeben, die die Kunststätte in Auftrag gegeben hat. "Die Nationalsozialisten wollten ganz einfache Botschaften. Er wollte das vielschichtige, das beziehungs- und anspielungsreiche."

Erst Nähe zum Faschismus und dann Distanz?

Ingo Engelmann, Psychologe und Kunstkenner aus Buchholz hat die von der Kunststätte vorgelegten Dokumente studiert, doch er kommt zu anderen Schlüssen: "Es gibt die Vermutung vonseiten der Kunststätte, Bossard habe sich innerlich distanziert vom Nationalsozialismus. Es gibt allerdings dafür keinen Beleg. Das scheint mir doch eine interessierte Verzerrung zu sein. Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, einen Schlussstrich zu ziehen, das alles auf ein Podest zu stellen und schön anzulackieren."

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Wenn Schulklassen die Wand- und Deckengemälde mit germanischen Recken im Eddasaal der Kunststätte sehen, fühlen sie sich nicht selten an die Ästhetik erinnert, die sie aus Schulbüchern zur NS-Zeit kennen. Doch Hinweise, wie das alles zusammenhängt, fehlen. Kunststätten-Leiterin Mayr verspricht nun mehr kritische Auseinandersetzung - in der neuen Kunsthalle: "Ich denke das so eine Dauerausstellung auch immer eine Chance ist, Dinge anders aufzubreiten, auch auf der Grundlage der Diskussion, die wir jetzt führen."

Das Museum in der Nordheide bauen, um mehr Platz zu haben für andere Künster der Region, vor allem aber für die Aufarbeitung von Bossard im Nationalsozialismus? Über diese Brücke würde Jörn Lütjohann gehen: "Damit die Kunsthalle, wenn wir sie denn bekommen, auch eine richtig schöne Kunsthalle wird und keine, wo es dunkle oder feuchte Ecken gibt. Das wäre mein Wunsch."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.04.2020 | 06:40 Uhr