"Der Sportler" von Margret Middell vor dem Zeiss-Großplanetarium in Berlin. © picture-alliance/Berliner Zeitung Foto: Wulf Olm

Kunstmuseum Ahrenshoop plant Margret-Middell-Ausstellung

Stand: 13.11.2020 14:45 Uhr

Das Kunstmuseum Ahrenshoop bereitet gemeinsam mit der Bildhauerin Margret Middell eine Ausstellung vor: "Der Körper als Ereignis" soll nach dem Corona-"Lockdown" eröffnet werden.

von Kathrin Klein

Margret Middell steht in ihrem Atelier, einer elf Meter hohen Backsteinscheune am Rande von Barth. Mit ihren starken Händen formt sie Malerkrepp um ein Drahtgeflecht, angefeuchtet mit Leim. Eine neue Skulptur soll entstehen. Der Name steht schon fest: "Das Floß". Inspiriert haben die 80-Jährige die vielen Menschen, die in abenteuerlicher Weise versuchen, über das Mittelmeer in eine bessere Welt zu kommen, wie sie sagt.

Werke von Margret Middell im Besitz vieler Museen

Margret Middell ist umgeben von Gipsplastiken und Bronzestatuen, die zum Teil lebensgroß sind. Es sind Abbildungen des menschlichen Körpers, ihr Lebensthema. Sie erschafft einen Körper mit ihren Händen, mit all seinen Äußerlichkeiten, aber auch Empfindungen und Befindlichkeiten. Oft bleibt bei dem Körper nur der Torso - eine Reduzierung auf das Wesentliche. Die Künstlerin zählt schon seit Jahrzehnten zu den besten ihrer Zunft in Norddeutschland. Ihre Werke sind im Besitz vieler Museen und wichtiger Kunstsammlungen in Deutschland. Auch das Land Mecklenburg-Vorpommern hat mehrere ihrer Werke angekauft, um sie zu bewahren.

Studium an der Kunsthochschule Weißensee

Margret Middell, aufgenommen im Sommer 2020 in der Galerie im Kloster Ribnitz. © NDR Foto: Kathrin Klein
Die freischaffende Künstlerin lebt seit vielen Jahren in Barth.

Margret Middell wird vor 80 Jahren im westpreußischen Marienwerder geboren. Mit ihrer Mutter und drei Geschwistern flieht sie vor der Roten Armee. Eigentlich wollen sie zur Schwester des Vaters an den Rhein. Doch die Flucht endet im Januar 1945 in Schwerin. Die Mutter hat keine Kraft mehr. Schon als Kind zeichnet Margret Middell gern und gestaltet mit Knete Dinge. Vor dem Studium an der Kunsthochschule Weißensee muss sie ein praktisches Jahr machen. Eigentlich soll sie in eine Likörfabrik, um Flaschen zu etikettieren. Das ist ihr zu blöd. Sie sucht sich eine Stelle in einer Tischlerei: Anpacken, gestalten, das ist genau ihr Ding, allerdings auch harte Schichtarbeit. Es sei eine gute Schule, sagt die Künstlerin heute.

Freischaffende Künstlerin in Berlin

Nach dem Studium arbeitet Margret Middell in Berlin als freischaffende Künstlerin und beteiligt sich an Wettbewerben. Ihre Werke stehen noch heute im öffentlichen Raum: Zwei liegende Männerfiguren und eine sitzende Frau in Potsdam auf der Freundschaftsinsel, "Die große Sitzende" vor der Kunsthalle Rostock, eine hängende Plastik in der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald, "Der Sportler" vor dem Zeiss-Großplanetarium in der Prenzlauer Allee in Berlin. Im Winter wird er oft mit einer Jacke verhüllt oder mit einem Schal. Das gefällt Margret Middell, zeigt es für sie doch die Liebe der Menschen zu ihrem Werk.

Ein Dreiseitenhof in Barth als Domizil für die Familie

Das Jahr 1976: Mittlerweile ist Margret Middell mit dem Bildhauer Karl Lemke verheiratet. Sie haben zwei Töchter, wohnen im Prenzlauer Berg. Ihr Atelier ist in Niederschönhausen, das ihres Mannes in Friedrichshagen. Ein Leben - schwer zu organisieren. Dazu kommt ein Auftrag für das spätere Marx-Engels-Forum in Berlin. Zwei lebensgroße Bronze-Reliefs soll Margret Middell zuliefern. Ein neues Atelier muss her - ein großes und möglichst nah am Wohnort. In Berlin ist an so etwas nicht zu denken. Sie gehen auf die Suche und finden einen alten Dreiseitenhof in Barth. Mit Wohnhaus und Scheune ist er ideal für die junge Familie.

In Barth beendet Margret Middell auch ihr Bronzerelief, für das sie später gemeinsam mit ihren Bildhauerkollegen den Nationalpreis der DDR bekommt. Es ist ein Werk, mit dem sie nie ganz zufrieden war. Körper ohne Kopf wollte sie machen, doch das missfiel dem Auftraggeber. Die Künstlerin beugte sich und war unzufrieden. Bis heute überlegt sie, ob sie zumindest hätte versuchen sollen, ihre Idee durchzusetzen.

Sehnsucht nach der Großstadt

Barth ist gut für die junge Familie, aber nicht für die Künstlerin Margret Middell. Sie vermisst die Großstadt, die Menschen, die doch ihr Thema sind. Vor allem das anonyme Beobachten fehlt ihr. Bis 2014 behält sie deshalb eine Wohnung in Berlin, lässt sich auf den Reisen dorthin und in der Großstadt für ihr Werk inspirieren.

Seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren ist es einsam geworden in Barth. Die Arbeit ist es, die Margret Middell am meisten über den Verlust hinweg hilft. So steht sie auch mit 80 Jahren noch täglich in ihrem Atelier, umgeben von lebensgroßen Skulpturen. Sie beklebt Drahtgestelle, die später zur Bronzegießerei gehen, zeichnet, bearbeitet Holz. Und sie bereitet gemeinsam mit dem Kunstmuseum Ahrenshoop eine neue Ausstellung vor: "Der Körper als Ereignis". Sobald der Corona-"Lockdown" für die Kulturszene beendet wird, soll sie eröffnet werden. Zehn Plastiken und 30 grafische Arbeiten von Margret Middell sollen gezeigt werden - ein Querschnitt durch das Schaffen der Künstlerin nach 1990.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 15.11.2020 | 19:00 Uhr