Stand: 25.06.2020 17:59 Uhr

Kultursommer am Kanal - unter Corona-Bedingungen

von Thorsten Philipps

Rund 20.000 Kunstfreundinnen und -freunde sind in den vergangenen Jahren bei den Ausstellungen, Konzerten und Aufführungen des Kultursommers am Kanal gewesen. In diesem Jahr werden wohl nicht einmal halb so viele Menschen den Weg ins Herzogtum Lauenburg finden. Trotzdem macht das Kleinkunstfestival weiter. Bis zum 6. Juli gibt es nicht nur Gedichte und Musik im Internet, sondern auch in den Gärten der Künstlerinnen und Künstler: unter dem Motto "Musik und Kunst am Wegesrand".

Teilnehmer einer Lesung vor einem Privathaus beim Kultursommer am Kanal im Herzogtum Lauenburg. © NDR Foto: Thorsten Philipps
"Musik und Kunst am Wegesrand" ist im Corona-Jahr das Motto beim Kultursommer am Kanal.

Ulrike Bausch liest vor der Haustür ihres Bungalows in Groß Grönau Gedichte von Theodor Fontane. Vor ihr sitzen immerhin zehn Zuhörerinnen und Zuhörer auf Holzklappstühlen, jeweils 1,50 Meter voneinander entfernt. Für die Künstlerin ist es eine große Erleichterung, dem Coronavirus mit Kunst trotzen zu dürfen. "Es macht mir einfach Spaß, Gedichte vorzulesen," so Bausch, "und gerade Gedichte, die mir am Herzen liegen und die ich weitertragen kann. Das macht mich einfach fröhlich!"

Ihr Mann Siegfried Bausch stellt im Garten rund 25 Installationen und Skulpturen aus Holz und Metall aus. Bunte Farben dominieren. Hier zu Hause zeigt er diesmal mehr Objekte als zu Nicht-Coronazeiten, weil er die teilweise schweren und metergroßen Installationen nicht so weit in die Halle der Gemeinde transportieren muss. Er erklärt: "Das ist die Gelegenheit, alles auf einer grünen Fläche zu präsentieren - besser geht es im Moment nicht."

Kunst und Kultur zwischen Hamburg und Lübeck

Kunst am Wegesrand kann man auch in Borstorf bei Mölln erleben, mit 800 Metern die wohl längste Installation zwischen zwei Bäumen, von Heidrun und Hans Kuretzky. Türkisfarbene und weiße Kreamikplatten nebeneinander, darauf zu lesen: "Marx- und Heine-Kalligraphien". Titel: "Kapitalverdichtung". Ein Konzert am Wegesrand soll es geben: Klangwolken in der Alten Schule in Klein Zecher, ebenfalls bei Mölln.

Das Kunstwerk "ANIMAE" beim Kultursommer am Kanal im Herzogtum Lauenburg © NDR Foto: Thorsten Philipps
Anja Franksens Installation "Animae" in der Ratzeburger St. Petrikirche.

Besonderes Highlight in Ratzeburg: Die Installation "Animae" von Anja Franksen. In dem Stacheldrahtknäuel am Boden in der St. Petrikirche haben sich weiße Federn verfangen - darüber hängen an einer Leine weiße Hemden und T-Shirts auf Kleiderbügeln. Die Künstlerin will damit die Frage stellen: Was ist charakteristisch für den Kontinent Europa mit seinen Bewohnern? Franksen: "Hat Europa überhaupt eine Seele, einen Atem, einen Geist, ein Gemüt? Aber auch: Was verbindet Europa, was hält es zusammen? Was spaltet und trennt, was tröstet und tötet?"

Was macht Europa aus?

Für den Intendanten Frank Düwel war die Absage der geplanten Veranstaltungen in diesem Jahr zunächst ein Schock: "Die Nähe suchen ist wirklich ein wichtiger Teil von Kunst und Kultur, das Sich-Austauschen. Und das bleibt gerade zurück." Dann aber entstand ein neues Programm mit Online-Kunst und Veranstaltungen am Wegesrand. Das soll auch im kommenden Jahr erhalten bleiben. Dann - so hoffen die Veranstalter - wieder mit mehr Veranstaltungen, wie früher auch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.06.2020 | 06:40 Uhr