Jörn-Peter Boll und Kevin Winiker sitzen auf einem Sofa. © NDR Foto: Anina Pommerenke

"Kultur hält zusammen": Das Liedermacherlabor

Stand: 05.01.2021 10:29 Uhr

NDR Kultur stellt Kulturprojekte vor, die zurzeit von der Dorit & Alexander Otto Stiftung gemeinsam mit der Hamburgischen Kulturstiftung gefördert werden.

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von Anina Pommerenke

So haben Sie die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten sicherlich noch nicht gehört: In seinem Liedermacherlabor knöpft sich Jörn-Peter Boll Texte aller Art vor und verleiht ihnen ein neues Gewand. Normalerweise kommen die Texte aus seinem Publikum: Tagebucheinträge, der Wetterbericht - alles ist möglich. Über ein großes Glücksrad wird dann der Stil bestimmt, in dem der Text vorgetragen werden soll.

"Dann kann es halt sein, dass es ein Punk-Song ist. Oder es kann auch sein, dass es so typischer Singer-Songwriter - so richtig schöner Deutsch-Pop wird", erklärt Jörn-Peter Boll. "Und was immer am Lustigsten war: 'Sounds like Helene'. Also richtig schöne Schlagerakkorde und dann haben wir den Text absichtlich noch ein bisschen stumpfer gemacht und ganz schlimme Refrains dazu."

Im Liedermacherlabor wird jede Art von Text zu einem Song

Das Projekt bringt der in der Musikszene einfach als "Jörn" bekannte Singer-Songwriter seit mehreren Jahren mit einer Band auf die Bühnen von verschiedenen Hamburger Clubs. Seit die wegen Corona geschlossen sind, streamt er das Format im Netz und schreibt Songs aus den Kommentaren der Zuschauerinnen und Zuschauer. So bekommt er auch endlich mal wieder Reaktionen von seinem Publikum:

"Streaming ist immer so: Man singt da irgendwas in ein gefühlt schwarzes Loch. Du stehst da und kriegst null Feedback und das ist für einen Musiker einfach die Hölle auf Erden. Ich bin einfach so ein Live-Mensch. Ich will mit Leuten agieren, ich will Scheiße bauen, ich will Witze machen. Ich will, dass da Gefühle passieren", sagt Boll.

Das Liedermacherlabor ist aufwendiges Teamwork

Einen Verbündeten hat er in Kevin Winiker gefunden. Der passionierte Musiker mit einer Schwäche für Rock-Konzerte hatte sich im vergangenen Februar mit einem eigenen Fotostudio in Hamburg-Ottensen selbstständig gemacht - und konnte es im März direkt wieder schließen. Qualitativ hochwertige Streaming-Angebote zu schaffen, für ihn eine Chance aber auch gravierende Umstellung:

"Ich musste auch richtig Geld in die Hand nehmen, um Material anzuschaffen, was dann auch noch schwierig war, weil nicht lieferbar", berichtet Winiker. "Es wollten ja plötzlich alle das Zeugs haben. Da mussten neue Videokameras her, da musste ein Schnittpult her - so ein Streamingschnittpult, davon gibt es jetzt zwei. Wir mussten ja sozusagen erstmal das Werkzeug zusammenstellen. Das hat bestimmt ein halbes Jahr gedauert, bis alles so war, wie es jetzt ist."

Sind Streaming-Angebote ohnehin die Zukunft?

Kevin Winiker filmt mit einer alten Kamera Jörn-Peter Boll, der auf einer Akustikgitarre spielt. © NDR Foto: Anina Pommerenke
Kevin Winiker und Jörn-Peter Boll sind die Macher des Liedermacherlabors.

In seinem Fotostudio ist ausreichend Platz für die Technik, Jörn und einen Gast, der jeweils bei drei geplanten Konzerten mit von der Partie sein soll. Winiker glaubt, dass sich Streaming-Angebote auch über die Pandemie hinaus durchsetzen werden. In seinen Augen ist es ein gutes Marketing-Tool, von dem nicht nur die großen Bands und Festivals, die ohnehin ins Fernsehen übertragen werden, profitieren könnten.

"Wenn wir alle wieder dürfen, wird es immer noch ausreichend Leute geben, die kein Ticket bekommen haben oder auf die Kinder aufpassen müssen. Oder sich ein Bein gebrochen haben und sauer sind, weil sie das Konzert nicht gucken können, obwohl sie das total gerne wollten. Zumindest können sie es dann gucken und mit ihren Freunden zusammen im Wohnzimmer sitzen und interagieren. Und das ist immer noch ein Live-Konzert."

Die Förderung ersetzt das fehlende Eintrittsgeld

Das durchaus mit genauso großem Aufwand verbunden ist, wie ein Auftritt in einem Club. Immerhin erreichen die beiden mit den Streams auch ein genauso großes Publikum, wie vorher in den Clubs - nur fehlt das Eintrittsgeld. Die Förderung durch die Hamburgische Kulturstiftung ermöglicht es Jörn-Peter Boll und Kevin Winiker nun immerhin drei Konzerte mit Gast gegen ein faires Honorar zu spielen.

"Das war das erste Mal, dass ich ein Fördergeld beantragt habe, weil ich immer so denke 'Nö, dann muss ich wieder irgendwo reinpassen', darauf hab ich gar keinen Bock. Aber dieses Mal habe ich gedacht: 'Das klingt ja doch ganz sympathisch und ist einfach ein super Moment dafür'", sagt Boll lachend. Denn bis die Clubs wieder öffnen, kann es ja doch noch eine ganze Weile dauern.

Die drei Konzerte werden im Januar, Februar und März immer am vorletzten Freitag des Monats um 19 Uhr stattfinden. Den Stream finden Sie zum Beispiel auf der Facebook-Seite "Jörn macht Musik". Und das ist nur eine von vielen Ideen, die jetzt mit Hilfe der Aktion "Kultur hält zusammen" gefördert wurden. Eine zweite Förderrunde für freischaffende Künstlerinnen und Künstler soll bald starten. Mehr Infos dazu finden Sie auf der Seite der Hamburgischen Kulturstiftung. Der Hilfsfonds ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der Dorit & Alexander Otto Stiftung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.01.2021 | 11:20 Uhr