Stand: 18.03.2019 14:37 Uhr

Kerstin Preiwuß erinnert an Else Lasker-Schüler

von Anna Hartwich
Bild vergrößern
Else Lasker-Schüler wurde durch ihren 1902 erschienenen Gedichtband "Styx" bekannt.

"Werde, die du bist!" Dieses Zitat der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm ist der Titel unserer aktuellen Reihe in NDR Kultur Wissen über besondere Frauen des Jahres 1919. Die Dichterin Else Lasker-Schüler ist die einzige Frau, die in die lyrisch-expressionistische Anthologie "Menschheitsdämmerung" von Kurt Pinthus aufgenommen wurde, die vor genau 100 Jahren erschienen ist. Diesen Jahrestag würdigt die Zeitschrift für Literatur "Schreibheft" in ihrer neuesten Ausgabe. Unter den darin vertretenen Autorinnen ist auch die Lyrikerin Kerstin Preiwuß. Anna Hartwich hat sie gefragt, welche Bedeutung Else Lasker-Schüler für sie und ihr eigenes Werk hat.

Mein Volk
(Meinem geliebten Sohn Paul)

Der Fels wird morsch
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe...
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu
Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
Zu Gott schreit. Aus: Else Lasker-Schüler - "Der Siebte Tag", Gedichte, 1905

"Es kann ein Gefühl der Freiheit erzeugen, das Ich in verschiedenste Rollen schlüpfen zu lassen und dabei auch Erwartungen zu unterlaufen", meint Kerstin Preiwuß. "Was mich nach wie vor fasziniert, ist die Fähigkeit, eigene ganze Welten zu erfinden und die Autarkie, zu tun und zu gestalten, was und wie sie wollte."

"Die einen verehren sie, die anderen finden sie furchtbar"

Else Lasker-Schüler, geboren am 11. Februar 1869 in Wuppertal, ist 36 Jahre alt, ihr Sohn Paul ist sechs. 1902 ist ihr erster Gedichtband erschienen, "Styx", der sie bekannt gemacht hat. Sie ist nicht die einzige dichtende Frau der Jahrhundertwende, aber eine der wenigen, die man heute noch kennt. 

Bild vergrößern
Für ihren zweiten Roman "Nach Onkalo" war Kerstin Preiwuß 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

"Ich denke, dass sie bis heute polarisiert", so Preiwuß. "Die einen verehren sie schwärmerisch, die anderen finden sie furchtbar. Es ist leicht, ihr ins Bild zu fallen oder auch dem Bild von ihr zu verfallen, aber man sollte dann auch schon die Gedichte betrachten." Die Lyrikerin Kerstin Preiwuß, Jahrgang 1980, tut dies sehr genau: "Es sind großartige Bewegungen, die sie da vollzieht gegenüber ihrem Volk, die sie sich ja als Hebräerin versteht, und wenn es endet mit 'wenn schauerlich gen Ost das morsche Felsgebein mein Volk zu Gott schreit', dann ist das ein großer Schluss."

Radikale Gedankenfreiheit

Else Lasker-Schüler ist Jüdin und führt, auch wenn sie aus einer bürgerlichen Familie stammt, ein antibürgerliches Leben in der Berliner Bohème. Karl Kraus nennt sie schon 1910 "die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland". 1919 wird ihr Schauspiel "Die Wupper" uraufgeführt.

"Man muss sich auch Else Lasker-Schülers Leben vor Augen halten, die emigrieren musste, die auf offener Straße zusammengeschlagen wurde im Deutschland der Nazizeit und die am Ende auch aus dem Schweizer Exil vertrieben wurde und im Jerusalemer Exil landete", erzählt Preiwuß. Sie schätzt die radikale Gedankenfreiheit in den Gedichten von Else-Lasker-Schüler - und ihre Schönheit: "Ich hänge in meinen eigenen Gedichten auch der Schönheit an. Ich schreibe keine hässlichen Gedichte (...) und versuche auch, mir die Freiheit zu nehmen, mir die Bezüge dort herzuholen, wo ich sie will, und die verschiedensten Welten zu vereinbaren."

Ein "schäbiger Umhang"

Sie hat dem Gedicht "Mein Volk" "einen Umhang umgelegt, der schäbig ist": "Ich habe versucht, den Klang nachzuempfinden oder nachzudichten, den Klang wiederzugeben, aber es ist wesentlich ärmer in der Tiefe als das Gedicht, das sie geschrieben hat":

Ein Volk

Die Terz ist hoch
die sie erzwingt
mit sotto voce in die Worte bringt ...
Unstet und zäh bewegt sie sich
anstelle eines Riesentanz' ums Tier
seltsam vorbei an allem Selbstmitleid
ins Eingeborensein.
Sie hat sich nie daran gestört
inmitten stupender Gehässigkeit
allein zu sein.
Tut’s immer wieder doch es hallt
ihr nach
wenn säuerlich trotz Kost
entherrscht im Verein
ein Volk
nur noch schreit. Kerstin Preiwuß

Else Lasker-Schüler stirbt am 22. Januar 1945 in Jerusalem. "Sie war nicht nur die bedeutendste expressionistische Dichterin, sondern sie ist es bis heute geblieben - sie altert nicht", sagt Preiwuß.

 

Kerstin Preiwuß © picture alliance / dpa Foto: Gert Eggenberger

Kerstin Preiwuß erinnert an Else Lasker-Schüler

NDR Kultur - NDR Kultur Wissen -

In der Reihe "Werde, die du bist!" sprechen Frauen von heute über Frauen, die im Jahr 1919 in Erscheinung getreten sind. Diesmal: Kerstin Preiwuß über Else Lasker-Schüler.

4 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

 

Sendungsübersicht
NDR Kultur

Werde, die du bist! Frauen 2019 über Frauen 1919

NDR Kultur

In den zehn Folgen unserer neuen Reihe "Werde, die du bist!" spricht jeweils eine Frau von heute über eine Frau, die im Jahr 1919 auf besondere Weise in Erscheinung getreten ist. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 19.03.2019 | 09:20 Uhr

Mehr Kultur

83:44
NDR Info

Album (2/2)

NDR Info
02:35
Hamburg Journal