Stand: 05.03.2020 18:02 Uhr

Hamburger Künstlerin malt in der Dunkelheit

von Peter Helling

Die Nacht war immer schon ein Thema für die bildende Kunst: Ob Caspar David Friedrich oder Vincent Van Gogh -sie hielten Mond und Sterne in ihren Bildern fest. Aber nur ganz selten malten sie nachts direkt im Freien. Die Hamburger Künstlerin Silke Silkeborg tut es. Sie malt Städte, Industriekomplexe und Wälder voller Glühwürmchen. Im Bremer Overbeck-Museum kann man jetzt ihre Bilder sehen.

Silke Silkeborg hat eine Lampe um die Stirn geschnallt. Diese sei ihre "Waffe" sagt sie, denn Blendung schmerze enorm und so könne sie sich gegen ungebetene Nachtschwärmer wehren. Sie sieht aus, als würde sie gleich unter Tage fahren. "Unter Tage" passt, denn die Künstlerin malt im Dunklen.

Zwischen Straßenlärm und Industrie liegt eine Wiese, auf der sich die Künstlerin, eingewickelt in eine Decke, niederlässt. Sie geht in die Hocke, packt ihre Pinsel aus und zündet ihre kleine Petroleumlampe an. Die spendet auch in einer kalten Nacht wie dieser etwas Wärme.

Silke Silkeborg lässt den Blick über das gegenüberliegende Ufer schweifen, das von Fabrikgebäuden gesäumt ist. "Dieses Industriemonster berichtet davon, dass es Nachtschichten in einer nie stillstehenden Fabrik gibt. Man weiß aber trotzdem nicht, was dort drin vorgeht. Es ist wie ein Schloss, aber eher auf der unheimlichen Ebene", erklärt die Künstlerin. Fabriken bekämen ihre Attraktion in gewisser Weise in der Nacht, meint sie. Kleine oder große Monster, je nachdem, ob sie spuckten oder rauchten.

Die Malerei und die Nacht sind Verwandte

Silke Silkeborg malt ihre Kunstwerke nachts. © NDR Foto: NDR/Peter Helling
Etwa zwei Stunden arbeitet die Künstlerin in der Dunkelheit, dann wird sie von der Kälte vertrieben.

Silke Silkeborg lässt sich Zeit, ihr Motiv zu betrachten. "Erstaunlicherweise evoziert Licht eine Lebendigkeit, obwohl es gar nicht lebendig ist. Es ist die Luft, die es lebendig erscheinen lässt. Diese Empfindung von Lebendigkeit zu überführen in Malerei ist einfach eine unglaublich spannende Herausforderung", erklärt Silke Silkeborg begeistert. Malerei und die Nacht sind natürliche Verwandte. "In der Nacht sehe ich vorrangig Flächigkeit. Ich weiß aber, dass dort Tiefe ist. In der Malerei habe ich auch eine Fläche und male in die Tiefe", so Silkenborg.

Am Tag überprüft die Künstlerin das Nacht-Werk

Die Kälte kriecht schnell durch die Kleidung. Zwei Stunden könne sie malen, dann sei sie durchgefroren. Am Tage überprüft sie ihr Werk und kommt am Abend noch einmal zurück. Dann holt sie noch ein paar falsche Dracula-Zähne aus der Tasche, hält sie vor sich und lacht. Die Nacht ist auch eine Zeit der Monster, aber die sind, wenn überhaupt, höchstens menschlich. Im Notfall blendet sie die mit ihrer Kopflampe.

Die Kunst von Silke Silkeborg lädt dazu ein, die Nacht aufzusuchen und sich in ihr zu verlaufen. "Was wir alle brauchen, ist die Ebene des Geheimnisvollen, dafür ist die Nacht auf jeden Fall die beste Zeit des Tages."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.03.2020 | 19:00 Uhr