Stand: 08.07.2019 17:05 Uhr

Alicja Kwades Spiel mit Wahrnehmungen

von Benedikt Scheper

Alicja Kwade ist bildende Künstlerin und wurde 1979 in Katowice in Polen geboren. Sie lebt mittlerweile seit vielen Jahren in Berlin. Ihr jüngstes Kunstwerk ist zurzeit auf der Dachterrasse des Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt. Ein Atelierbesuch.

Handwerker schleppen verschiedene Werkzeuge durch das Treppenhaus eines Altbaus in Berlin-Mitte. Auf den hölzernen Stufen schlängeln sich ein paar hellblaue Schläuche von unten nach oben. Einer führt zu Alicja Kwades Wohnung. Die Künstlerin kann heute nicht in ihr Studio fahren, weil eine Gasleitung in ihrem Haus undicht ist und repariert werden muss. Mitten im Chaos erzählt sie, was sie zur ihrer Kunst inspiriert: "Ich glaube, das Leben an sich, also meine Umwelt, die Alltäglichkeit, und natürlich alles, was in der Kunstgeschichte bis jetzt gemacht worden ist und was auch an Wissenschaft erfunden ist, also die Welt: Das inspiriert mich."

Im Atelier von Alicja Kwade

Spiel mit Realitäten, Wahrheiten und Wahrnehmungen

Die Kunst Alicja Kwades ist ein Spiel mit Realitäten, Wahrheiten und Wahrnehmungen des Publikums. Mal zerbröselt sie 500 Champagnerflaschen, sodass ein Haufen feiner, grüner Staub übrig bleibt. Mal beklebt sie Kohlebriketts mit Blattgold. Mal veredelt sie Berliner Kiesel- zu Edelsteinen, indem sie diese "Bordsteinjuwelen" wie Diamanten schleift: "Es geht um sozial verhaftete Erkennungsmuster, nicht um die Oberfläche eines Edelsteins, sondern um die Erkennung einer Form, die gewisse gesellschaftliche Codes hat. Und bei diesen Kohlebriketts geht es nicht um die Oberfläche selber, sondern um die Verbindung, um zwei Wertesysteme und Mächte. Also einmal um das energieerzeugende Produkt Kohle und das wertprägende Produkt Gold und die Sehnsüchte, die hinter beiden stecken."

Eine Stunde von Alicja Kwades Wohnung entfernt befindet sich ihr Studio. Auf einem ehemaligen Köpenicker Industrie-Gelände stehen große Hallen. Einige aus rotem Backstein, andere aus hellgrau verputztem Beton. Aus einer Halle tönen leise Techno-Beats. Mit Folie verpackte Kisten stehen im Entrée des Ateliers. Es sind allesamt Kunstwerke, die darauf warten, an Galerien, Museen und private Sammler verschickt zu werden. Alicja Kwade ist international gefragt. Sie fasziniert die Besucher der Art Basel ebenso wie die der Biennale in Venedig. Noch bis Ende Oktober ist eine Skulptur von ihr auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York ausgestellt.

Ein neues Werk entsteht

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In ihrem Atelier steht eine neue Arbeit. Aus Steinen ragen glänzende Stahlringe empor und in einem der silbernen Kreise thront ein klassischer Barhocker, wie man ihn aus alten Filmen kennt. Doch dieser besteht nicht aus Holz, sondern aus Bronze. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Alicja Kwade in ihrer Kunst mit Materialien und Erwartungshaltungen spielt.

Dass sie überhaupt nach Deutschland kam, hatte auch etwas mit falschen Erwartungen zu tun. Ihre Eltern flohen 1986 aus Polen in den Westen, wohnten schließlich in Hannover. Den Mauerfall erlebte Kwade als Zehnjährige: "Deswegen war mir die emotionale Tragweite im Vergleich zu meiner damaligen eigenen Problematik, in diesem Land hier zurecht zu kommen, gar nicht so vor Augen. Aber was ich da in Erinnerung habe, ist, dass meine Eltern permanent fassungslos vor dem Fernseher saßen, da die natürlich niemals Polen fluchtartig verlassen hätten, das war ja eine Flucht ohne irgendetwas, wenn man in irgendeiner Weise hätte absehen können, dass dieses System so schnell zu Fall kommt."

Berlin: Ort der Entfaltung

Nach dem Abitur zog Alicja Kwade nach Berlin, studierte an der Universität der Künste: "Es gab unglaublich viele Projekt-Räume, illegale Bars und besetzte Häuser und irgendwelche alten Läden. Ich hatte einen kleinen Kunstraum mit Studentenfreunden, da gab es kein Licht, keine Heizung, gar nichts, aber es war eine Stadt von unzähligen Möglichkeiten auch ohne finanzielle Mittel, sondern mit genügend jugendlicher Energie und der Euphorie des Auf-eigenen-Füßen-Stehens."

In Berlin hat Alicja Kwade sich künstlerisch entfaltet. Mittlerweile zeigt sie ihre Werke in der ganzen Welt. Sie sind ihr teilweise kritischer, teilweise aber auch etwas hermetischer Beitrag zu gesellschaftlichem Wandel. Denn der hat 1989 nicht aufgehört: "Also ich sehe das eigentlich als einen Anfang einer Entwicklung, die hoffentlich weiter stattfindet. Im Moment leider gar nicht, weil es eine Abkehr dazu gibt und ich meine eigentlich die Aufhebung jeglicher Grenzen in diesem wunderschönen Land namens Europa. Das wäre sozusagen meine Hoffnung, wo das mal hingehen könnte, und was auch die einzige Chance ist für Europa, für uns alle und auch für Deutschland."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.07.2019 | 06:20 Uhr

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