Stand: 13.03.2019 14:50 Uhr

Gabriele Andretta erinnert an Marie Juchacz

von Stephanie Pieper

"Werde, die du bist!" - dieses Zitat der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm ist der Titel unserer aktuellen Reihe auf NDR Kultur über besondere Frauen des Jahres 1919. Vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland erstmals wählen und gewählt werden - und eine der ersten 37 weiblichen Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung in Weimar und später des Reichstags in Berlin war die Sozialdemokratin Marie Juchacz. Am 19. Februar 1919 hielt sie eine Rede im Parlament, als erste Frau in Deutschland überhaupt. Ist Juchacz immer noch ein Vorbild für die Frauenbewegung - und wofür würde sie heute kämpfen? NDR Kultur hat mit der Präsidentin des Niedersächsischen Landtags, der SPD-Parlamentarierin Gabriele Andretta, über Marie Juchacz gesprochen.

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Gehörte 1919 zu den ersten weiblichen Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung: Marie Juchacz.

"Wer zweifelt heute daran, dass die Frauen in der Industrie, in Handel und Verkehr, als Staatsbeamte und Angestellte, im freien künstlerischen und wissenschaftlichen Beruf eine wichtige Rolle spielen", sagt Marie Juchacz im Jahr 1928 bei einem Auftritt vor Sozialdemokraten. Die 1879 geborene Tochter eines Zimmermanns - geschieden und alleinerziehend, in Berlin lebend - engagiert sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg politisch - und gilt rasch als gefragte Rednerin.

Erste Rede mehrmals gestört

Gabriele Andretta (SPD) © SPD

Gabriele Andretta erinnert an Marie Juchacz

NDR Kultur

In den zehn Folgen unserer Reihe "Werde, die du bist!" spricht jeweils eine Frau von heute über eine Frau, die im Jahr 1919 auf besondere Weise in Erscheinung getreten ist.

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"Sie war eine Hoffnungsträgerin der Demokratie und eine Sozialreformerin", findet Gabriele Andretta. Authentisch, energiegeladen, mutig und mit Kampfgeist - so charakterisiert Andretta ihr Vorbild Marie Juchacz. Die Wahl der Sozialdemokratin in die Weimarer Nationalversammlung, zusammen mit 36 anderen Frauen, ist für SPD-Frau Andretta im Rückblick ein historischer, ein bewegender Moment: "Die gesellschaftspolitische Bedeutung kann nicht groß genug eingeschätzt werden: Es ist das erste Mal, dass die Frau als Staatsbürgerin die politische Bühne betrat."

Als Juchacz ihre erste Rede hält, hat sie indes nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Herren Abgeordneten, die der Parlamentspräsident - wie das Protokoll verzeichnet - mehrmals zur Ruhe ermahnen muss. Andretta bewundert an Juchacz' Debüt am Rednerpult: "Dass sie darauf insistierte, dass die politischen Rechte der Frauen - wählen zu gehen, sich zu beteiligen -, dass diese Rechte ihr zu Unrecht vorenthalten worden seien und dass sie sich jetzt nicht zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet sah."

"Juchacz habe DNA der Arbeiterbewegung verkörpert"

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Dr. Gabriele Andretta ist seit 1998 Mitglied des Niedersächsischen Landtages.

Ende 1919 gründet Juchacz schließlich die Arbeiterwohlfahrt und appelliert immer wieder an ihre Parteigenossen, die Frauen und die Frauenrechte nicht zu vergessen: "Durch die Abgabe seiner Stimme am Wahltage kann jeder Staatsbürger politisch mitwirken. Die Tatsache des Frauenwahlrechts sollte jeden Freund der Sozialdemokratie zwingen, um die Frauenstimmen zu werben."

Auch Andretta stammt aus einer Arbeiterfamilie: der Vater Sozialdemokrat, die Mutter bei der AWO. Juchacz habe die DNA der Arbeiterbewegung verkörpert, sagt sie: keine Almosen annehmen, sondern den Anspruch auf Rechte, auf Hilfe zur Selbsthilfe durchsetzen. Wofür sie sich heute einsetzen würde? Andretta vermutet, Juchacz wäre etwa am "Equal Pay Day" auf der Straße: "Für sie war die gleiche Entlohnung von Frauen schon damals ein großes Anliegen. Sie würde im Parlament auf jeden Fall das Wort ergreifen, wenn es um die Situation der Pflegekräfte ginge. Sie würde aber auch auf den Parteitagen der SPD für eine Wahlrechtsreform im Sinne des Parité-Gesetzes streiten."

Frauenquote im niedersächsischen Landtag geht zurück

Dieses würde Parteien verpflichten, auf den Wahllisten abwechselnd Frauen und Männer aufzustellen. Andretta beklagt, dass der Anteil weiblicher Abgeordneter auch im niedersächsischen Landtag zuletzt zurückgegangen sei - sie setzt sich deshalb für ein Parité-Gesetz ein, wie es Brandenburg bereits beschlossen hat: "Ja, ich bin dafür - weil die Erfahrung zeigt, dass die Wege der freiwilligen Quoten, der Selbstverpflichtungen nicht dazu geführt haben, dass wir mehr Gleichstellung in den Parlamenten erreicht haben."

Juchacz, die Kämpferin für das Frauenwahlrecht, muss 1933 vor den Nazis fliehen und landet im Exil in New York. 1949 kehrt sie nach Deutschland zurück, wird Ehrenvorsitzende der AWO und stirbt 1956 in Düsseldorf. Die Politikerin Gabriele Andretta hat dies von Marie Juchacz gelernt: grundlegende Veränderungen anstreben, sich langfristige Ziele setzen - und einen langen Atem haben.

Sendung
NDR Kultur

Werde, die du bist! Frauen 2019 über Frauen 1919

NDR Kultur

In den zehn Folgen unserer neuen Reihe "Werde, die du bist!" spricht jeweils eine Frau von heute über eine Frau, die im Jahr 1919 auf besondere Weise in Erscheinung getreten ist. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 12.03.2019 | 09:20 Uhr

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