Die undatierte Visualisierung zeigt den Garten auf dem ehemaligen Flakbunker am Heiligengeistfeld in Hamburg. © picture alliance / Planungsbüro Bunker/Visualisierung\ Planungsbüro Bunker/dpa | Planungsbüro Bunker

Zurück zu den Wurzeln beim "Tag der Architektur"

Stand: 27.06.2021 07:43 Uhr

Wie bereits im vergangenen Jahr kann der "Tag der Architektur" an diesem Wochenende nur sehr eingeschränkt stattfinden. Was es trotz Corona im norddeutschen Raum zu entdecken gibt, verrät NDR Kultur.

Die undatierte Visualisierung zeigt den Garten auf dem ehemaligen Flakbunker am Heiligengeistfeld in Hamburg. © picture alliance / Planungsbüro Bunker/Visualisierung\ Planungsbüro Bunker/dpa | Planungsbüro Bunker
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von Alexandra Friedrich

"Architektur gestaltet Zukunft!" - das soll der diesjährige "Tag der Architektur" am 26. und 27. Juni unter Beweis stellen. Wer nun erwartet, vor allem durch spektakuläre futuristische Architekturen geführt zu werden, der könnte enttäuscht werden. Die Architekten-Kammer Mecklenburg-Vorpommern, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert, lädt etwa zur Besichtigung einer Plattenbau-Siedlung in Neubrandenburg ein.

Denkmalschutz auch für unbeliebte Gebäude

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Denkmalgeschützte Platte, für solche Entscheidungen gibt es oft wenig Verständnis. Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein in Hamburg erklärt, warum auch vermeintliche Bausünden erhaltenswert sind: "Denkmalschutz muss dafür sorgen, das zu bewahren, was der heutige Zeitgeist noch nicht annehmen kann, aber was vor 30 Jahren gemocht wurde und vielleicht in zehn Jahren wieder gemocht wird. Wenn man sich zurückversetzt in die jeweilige Zeit, als diese Gebäude entstanden sind, dann versteht man sehr viel mehr, warum sie so gebaut wurden und nicht anders."

Große Wohnkomplexe versus Einfamilienhäuser - darüber wurde in den vergangenen Monaten kontrovers diskutiert. Anton Hofreiter von den Grünen hatte die Debatte im Februar angestoßen mit seiner Kritik am Eigenheim-Bau. Ähnlich argumentiert Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung an der Leibniz Universität Hannover: "Das Wohnen im Einfamilienhaus ist tatsächlich ressourcenintensiver, verbraucht auch mehr Energien als andere Wohnformen, löst auch mehr Verkehrsbewegungen aus, die natürlich wiederum Folgen für die Umwelt haben."

Gemeinschaft statt Eigenheim

Neben Nachhaltigkeit sprechen auch noch weitere Argumente für gemeinschaftliches Wohnen. Eines kennt die Berliner Architektin Ilka Ruby, die sich für eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg mit der "neuen Architektur der Gemeinschaft" befasst hat: "Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Einsamkeit lebensverkürzend wirkt. Deswegen sind gemeinschaftliche Wohnmodelle auch gerade für viele ältere Menschen interessant."

Ein Mehrgenerationen-Wohnungsbauprojekt, das zudem ökologisch, integrativ und inklusiv ist, wurde gerade mit dem Deutschen Architekturpreis geehrt: "Zusammen Wohnen" heißt diese eierlegende Wollmilchsau in Hannovers Südstadt. Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen leben hier gemeinsam mit Senioren, jungen Familien und Geflüchteten aus Syrien.

Aus Bunker wird grüne Oase

Das Schaffen von Begegnungsorten steht weit oben auf der Agenda zeitgenössischer Architektur, ebenso der Punkt: grüne Städte. In Hamburg entsteht hierzu wohl eines der bemerkenswertesten, wenn auch nicht unumstrittenen Projekte: der Stadtgarten auf dem Dach des Bunkers Sankt Pauli. Um fünf pyramidenartige Stockwerke wächst der graue Koloss nach oben und schafft Raum für eine imposante öffentliche grüne Oase.

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Umbau statt Neubau heißt es auch an anderen Orten: In Nordfriesland entsteht ein Schwimmbad in einer ehemaligen Windkraftanlage, in Hannover finden im früheren Königlichen Pferdestall Kammermusikkonzerte statt und in den historischen Güterhallen des Hamburger Oberhafenquartiers arbeiten Künstlerinnen.

Architektonischen Antworten made in Norddeutschland

Diese Umnutzung vorhandener Strukturen ist ein sinnvoller Trend, findet Architekt Tim Rieniets: "Im 20. Jahrhundert hat unsere Disziplin eigentlich das Neubauen zur Königsdisziplin erhoben. Jeder Architekt, jede Architektin, die etwas auf sich hielt, hat sich durch große Neubauprojekte verwirklicht und dargestellt. Ich bin der Überzeugung, dass wir angesichts der großen Aufgaben bezüglich der Nachhaltigkeit wieder das Umbauen mehr in den Blick nehmen müssen, also eine Kulturtechnik, die uns vor dem 20. Jahrhundert eigentlich immer begleitet hat."

Nachhaltigkeit, Vereinsamung, Leerstand - die Architektur in Norddeutschland findet vielfältige, kreative und sehenswerte Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 26.06.2021 | 17:40 Uhr