Stand: 17.07.2018 14:10 Uhr

Warnemünde erstickt im Trubel

von Jürgen Opel

Im Sommer verändern sich einige Orte in Norddeutschland. Durch viele Gäste und Touristen. Ein solcher Ort ist Rostock-Warnemünde.

Viel mehr geht nicht: Touristen stehen in Warnemünde auf der Seepromenade.

Entweder man hat's oder man hat's nicht. Warnemünde hat's: Durchschnittlich acht Sonnenstunden je Sommertag stehen für Sonnenbrandgarantie, der protzig ausgelegte Feinsandstrand ist Tummelplatz für Kind und Kegel, die Schiffe und Schiffchen zwischen den Molen, der Alte Strom, die Promenade zu Füßen des ehrwürdigen Leuchtturms sind als Selfie-Kulisse kaum zu toppen. Erich Kästner reichte schon 1914 ein kurzer erschrockener Blick, um sofort auf dem Hacken kehrtzumachen.

"Wir borgten uns Räder und fuhren durch die Rostocker Heide nach Warnemünde, wo die Menschenherde auf der Ferienweide noch viel, viel größer war als in Müritz. Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. Wie freiwillige Koteletts. Es roch, zwei Kilometer lang, nach Menschenbraten. Da wendeten wir die Räder und fuhren in die einsame Heide zurück." Aus "Zwischen hier und dort. Reisen mit Erich Kästner"

Keine Spur von Beschaulichkeit

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Warnemünde als Anlaufhafen für Kreuzfahrtschiffe: 2018 sind insgesamt 205 Anläufe von 43 Schiffen geplant.

Mehr als eine Million gezählte Übernachtungsgäste und sicherlich weit mehr als das Doppelte an Tagesgästen pro Jahr kommen auf rund 8.000 Einwohner mit Hauptwohnsitz. Von den etwa 450.000 Kreuzfahrtpassagieren, die in Warnemünde auf- oder absteigen und den etwa 50.000 Crewmitgliedern, die im Ort nach freiem WLAN suchen, mal ganz abgesehen. Wer da noch von "Beschaulichkeit" redet, bei dem stimmt etwas nicht, findet die Galeristin Ulrike Möller.

Massentourismus sei schlecht für die Galerie, meint sie. Die Leute seinen auf "billig" und "Ramsch" programmiert. "Wir machen uns selbst kaputt", sagt sie. Die Galerie Möller am Alten Strom ist mit 35 Jahren mittlerweile die älteste Geschäftsadresse in Warnemünde. Darauf ist die Kunstwissenschaftlerin sichtlich stolz und scheint es selbst kaum glauben zu können. "Zum Glück gibt es viele Leute, die die Galerie als Oase sehen", sagt sie. "Und von denen leben wir natürlich auch."

Wenig junge Menschen unter den Warnemündern

Die Warnemünder sind im Durchschnitt 55 Jahre alt und damit zehn Jahre älter als die Rostocker insgesamt. Mehr als ein Drittel der Einwohner bezieht Renten oder Pensionen. Jünger als 25 sind weniger als zehn Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt unter vier Prozent. Für den Quadratmeter zur Miete zahlen die Warnemünder etwa das Doppelte wie in einem der DDR-Neubaugebiete.

Dem Chef des Ortsbeirates, Alexander Prechtel, geht das gehörig auf die Nerven. Der Ex-Generalstaatsanwalt ist seit 1990 in Warnemünde, hier sind seine Kinder groß geworden. Er sieht sich als Warnemünder und fühlt sich verantwortlich. "Wenn der Wohnraum knapp wird, weil er für Ferienwohnungen 'umgenutzt' wird, dann steigen bei hoher Nachfrage die Preise. Das können junge Menschen nicht mehr bezahlen. Der Ort überaltert", erklärt er. "Das Verhältnis Urlauber zu Einwohner muss stimmen."

"Man kann hier im Grunde gar nicht mehr wohnen!"

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Viele Touristen, große Nachfrage: Viele Wohnungen in Warnemünde werden zu Ferienwohnungen gemacht.

Uwe Heimhardt wurde Anfang der 60er-Jahre in Warnemünde geboren. Der Elektroingenieur ist Vorsitzender des Museumsvereins und ihm wird nachgesagt, dass er von der Geschichte des Seebades mehr vergessen hat, als andere je lernen werden. "Wenn hier auf dem Strom über vier Leute auf dem Quadratmeter rumlaufen, dann fühle ich mich als Schaufensterdekoration", meint er knapp. "Wenn so viel Trubel ist, kann man hier im Grunde gar nicht mehr wohnen!"

Ab wann geht dem Ort unter dem Druck der sommerlaunigen Gäste die Luft aus? Warnemünde kann diese Sorgen nicht delegieren und wird sich auf absehbare Zeit damit herumschlagen müssen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.07.2018 | 11:20 Uhr