Stand: 03.03.2020 08:39 Uhr  - NDR Kultur

Askese: Verzicht als spirituelle Kraftquelle

von Jan Ehlert

"Verzichten 2020 - warum eigentlich?" Das ist die Frage unserer NDR Debatte. Wie man nicht nur sieben Wochen, sondern ein ganzes Leben auf vieles verzichtet, das leben Mönche und Nonnen der christlichen Kirchen bereits seit Jahrhunderten vor. Welche Kraft treibt sie an? Und wie wirkt sich der Verzicht auf Eigentum, Konsum und Privatleben aus? Jan Ehlert über den Verzicht als spirituelle Kraftquelle.

Antonios ist jung und wohlhabend, die Welt steht ihm offen. Doch dann, während einer Lebenskrise hört er in einer Kirche eine Geschichte aus der Bibel:

Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? (...) Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du ( ... ) einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. Bibelzitat

Antonios war zutiefst erschüttert - und änderte sein Leben. Er verkaufte seinen Besitz und zog in eine Höhle in der Wüste, wo er als Eremit in Armut lebte. Bis heute wird er, der im 3. Jahrhundert nach Christus lebte, als einer der Wüstenväter verehrt. Ganz so radikal verzichten Nonnen und Mönche heute nicht mehr auf Wohlstand und Privateigentum. Doch dem Weltlichen zu entsagen, gehört noch immer zum Klosterleben dazu.

Ora et labora - Bete und arbeite

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Pater Anselm Grün ist einer der bekanntesten Geistlichen Deutschlands und Bestseller-Autor.

Zwischen Beten und Arbeiten bewegt sich der Tagesablauf der Benediktiner bis heute. Ein Leben, in dem Gott zu dienen wichtiger ist als die eigenen Wünsche. Ein Verzicht, der Kraft bringt, sagt der vielleicht bekannteste Benediktinerpater Anselm Grün: "Mönchtum heißt für mich, dieser Wechsel von Gebet und Arbeit, von Gemeinschaft und Einsamkeit, von Innen und Außen, das hält mich lebendig und hält mich auf der Suche."

Eigentum oder Geld braucht Anselm Grün dafür nicht. Er komme mit 50 Euro im Monat aus, sagt er. Auch andere Glaubensgemeinschaften kennen das Prinzip der Askese. Im Buddhismus etwa dient der Verzicht dazu, sich frei zu machen von überflüssigem Ballast. Im Islam ist es besonders der Sufismus, der Frömmigkeit mit Entsagung verbindet. Das Ziel: Durch das Ausblenden äußerer Reize zu Gott zu finden - und damit zu sich selbst.

Das Wissen um die eigene Fehlbarkeit

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Das Christentum kennt den Verzicht als ethischen Kompass und spirituelle Kraftquelle. Aus dem Nichts, der Leere, der Stille kann durchaus etwas Neues entstehen. Aber wie geht das? mehr

"Ich kann zum Beispiel sagen, ich nehme mir in dieser Woche jeden Tag fünf Minuten und tue nichts und bin still und sag: Wie geht's mir? Was ist los? Was kommt hoch, wenn es still wird?" Das empfiehlt der Theologe Gotthard Fuchs. Eine Erkenntnis: Wir Menschen sind nicht perfekt. Schwächen zu haben, nicht alles erreichen zu können: Genau das mache uns aus. Gläubige könnten dieses Wissen um die eigene Fehlbarkeit in neue Energie umwandeln. Zu verzichten wird so zum Gewinn. "Es muss produktiv sein", so Fuchs, "deswegen heißt es ja schon in der Bergpredigt, wenn ihr fastet, dann macht keine mickrigen Gesichter, sondern seid fröhlich, zeigt, dass es was mit dem lebendigen Gott zu tun hat. Mit mehr Lebensqualität."

Der Glaube trägt durch den Verzicht

Perfekt sei ihr Leben nicht gewesen, erzählt auch die französische Nonne Schwester André. Sie hat zwei Weltkriege überlebt, ist erblindet, sitzt im Rollstuhl. Die Freude am Leben hat sie sich jedoch erhalten. Im Februar feierte sie ihren 116. Geburtstag. Das Geheimnis ihres hohen Alters? Das wisse nur Gott, sagt sie.

Als Mitglied des Ordens der Töchter der christlichen Liebe hat Schwester André bereits mit 19 Jahren ihr Leben der Armen- und Krankenpflege gewidmet. Vermisst habe sie eigentlich nichts, erzählt sie. Der Glaube habe sie getragen. Nur auf eine Sache kann auch sie nicht verzichten: ihr tägliches Stück Schokolade.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.03.2020 | 06:40 Uhr