Stand: 28.02.2020 14:21 Uhr  - NDR Kultur

Tauschladen in Altona kämpft gegen Fast Fashion

von Anina Pommerenke

Die Kulturredaktionen vom NDR beschäftigen sich zum Beginn der Fastenzeit mit unterschiedlichen Aspekten zum Thema Verzicht. Dabei geht es auch um die Frage, ob es unbedingt immer neue Klamotten sein müssen? Sabine Starke-Wulff sagt nein. Sie arbeitet für "Tauschklimotte" in Hamburg-Altona, einen Laden, der sich mit seinem Konzept gegen den extremen Textilkonsum wendet.

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Sabine Starke-Wulff (links) und die Mitarbeiter der "Tauschklimotte" teilen jedem Gegenstand einen Tauschwert zu.

Hier ein T-Shirt für 9,99 Euro, dort eine neue Hose für 29 Euro: Das Angebot der Modeindustrie ist endlos - und die Preise sind dabei extrem niedrig. Bis zu 24 Kollektionen bringen große Modellabels jedes Jahr heraus. Das Problem: Dieses sogenannte Fast-Fashion-System verursacht Berge von Abfall und CO2. Anfang Januar hat in Hamburg-Altona der Tauschladen "Tauschklimotte" eröffnet. Das Konzept des Ladens ist simpel: Wenn eine Kundin beispielsweise ein Buch loswerden möchte, bekommt es einen Wert, sogenannte Fairsharys, zugeteilt. Die funktionieren wie eine virtuelle Währung. Wer Gegenstände in den Umlauf bringt, kann sich aus dem Laden etwas mitnehmen.

Jeder Tausch spart acht Kilo CO2

Die Projektleiterin Sabine Starke-Wulff ist überzeugt, dass jeder Dinge zu Hause habe, die nicht mehr benutzt würden - insbesondere Kleidung. Tütenweise würden von Kunden Klamotten in den Laden geschleppt, mehr als sie überhaupt annehmen könne. Durch das Tauschen fallen produktionsbedingte Verschmutzung und lange Transportwege weg: "Durch jeden Gegenstand, den man tauscht, spart man im Schnitt acht Kilo CO2 ein. Man kann sich das immer so schlecht vorstellen. Aber ein Kilogramm CO2 sind 250 Luftballons voller CO2", so Starke-Wulff.

60 neue Kleidungsstücke pro Jahr

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Ann-Kristin Krohn von Greenpeace sieht das starke Konsumverhalten in der Modeindustrie kritisch.

In der Klamottenabteilung stöbert Ann-Kristin Krohn von Greenpeace. Sie hat einen bunten Regenmantel entdeckt, mit Schneemännern und Hummeln darauf. "Fast Fashion heißt letztendlich, dass wir immer schneller und immer mehr neue Klamotten produzieren und auch konsumieren. Es gibt dazu erschreckende Zahlen: Jeder Deutsche kauft sich im Schnitt jedes Jahr 60 neue Kleidungsstücke. Wenn man das einmal herunterbricht, ist das mehr als ein neues Kleidungsstück pro Woche, was ich schon sehr viel finde", erklärt Krohn.

Mehr CO2 als alle internationalen Flüge zusammen

Je nach Kleidungsstück werden bei der Produktion mehrere Tausend Liter Wasser verschmutzt. Laut den Vereinten Nationen verursacht die internationale Modeindustrie mehr CO2 als alle internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Ein Wendepunkt in der Textilherstellung war die Entdeckung von Polyester. Der Stoff ist sehr günstig. Das hat den Konsum in die Höhe getrieben.

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Schadstoffe in den Klamotten, Mikroplastikabreibungen beim Waschen - Greenpeace weißt regelmäßig auf immer mehr Probleme in der Modeindustrie hin und fordert die Produzenten zum Umdenken auf. Doch auch Verbraucher können etwas tun - beispielsweise Kleidung aus Baumwolle kaufen. "Je reiner das Material ist, desto eher lässt es sich recyceln und wieder zurückführen", so Krohn.

Klamotten-Tauschpartys in Großstädten

Immerhin gibt es immer mehr Labels, die nachhaltig und zu fairen Bedingungen produzieren. In großen Städten gebe es wöchentlich Klamotten-Tauschpartys, berichtet Ann-Kristin Krohn. Und auch Konzepte wie das des "Tauschklimotten"-Ladens kommen laut Projekleiterin Starke-Wulff gut an: "In Hamburg machen nun schon ungefähr 160 Leute mit. In Bremen sind es schon 1.000 - und in Hannover 200."

Tauschen statt neu kaufen ist für Starke-Wulff eine logischer und überfälliger Beitrag für das Klima: "Es ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist, weil die Menschen daheim sehr viele Dinge haben, die sie gar nicht benötigen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.02.2020 | 14:00 Uhr