Stand: 23.04.2019 16:28 Uhr

Pro und Kontra: Lesepflicht für den Nachwuchs

Viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland verlassen die Grundschule, ohne lesen zu können. Laut einer Studie kann ein Fünftel der Viertklässler zwar Wörter entziffern, liest aber sehr langsam und weiß am Ende nicht mehr, wie der ganze Satz lautete - der Sinn des Gelesenen wird also nicht aufgenommen und verarbeitet.

Muss man das hinnehmen? Gibt es Abhilfestrategien? Muss man Kinder womöglich schlicht zum Lesen zwingen? Katharina Mahrenholtz von NDR Info und Stefan Forth von NDR Kultur haben unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung zu einer "Lesepflicht für den Nachwuchs"? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

"Lesen muss wieder mehr Gewicht bekommen", meint Katharina Mahrenholtz von NDR Info.

Bild vergrößern
"Zwingen wir unsere Kinder zum Lesen. Wir geben ihnen damit Chancen", meint Katharina Mahrenholtz.

"Lernen soll Spaß machen!" - dieser Satz steht ganz groß über allen vier Grundschuljahren. Und ist möglicherweise eine Ursache für vielerlei Übel. Klar, je mehr Spaß man hat, desto leichter lernt es sich. Aber erstens machen viele Dinge erst dann Spaß, wenn man sich - völlig spaßfrei - die Grundlagen erarbeitet hat. Und zweitens machen viele Dinge einfach gar keinen Spaß - und man muss sie trotzdem lernen. Sicher gibt es Kinder, die super gerne zu Hause sitzen und das Einmaleins aufsagen, aber viele eben auch nicht. Sie sehen den Sinn nicht, sie können sich einfach nicht merken, wie viel 6 mal 7 ist - und haben überhaupt keine Lust, Geteilt-Aufgaben mit Rest auszurechnen. Trotzdem müssen sie es machen. Und je schwerer es ihnen fällt, umso mehr langweilige Aufgaben müssen sie rechnen. Denn: Manches lernt man nur durch Übung. Durch langweiliges, ständiges Wiederholen.

Mit dem Lesen ist es genauso. "Hey, toll, bald kommst Du in die Schule und lernst lesen! Dann kannst Du alle deine Bücher selbst lesen!" - So wird Sechsjährigen die Einschulung schmackhaft gemacht. Die meisten freuen sich auf die Schule, die meisten lernen auch relativ schnell, wie aus Buchstaben Worte werden. Aber nur einige Wenige fangen dann direkt an, sich in der Freizeit durch ganze Bücher zu arbeiten. Denn genau das ist Lesen am Anfang: Arbeit. Erst wenn das Entziffern einzelner Wörter nicht mehr mit einer ungeheuren Anstrengung verbunden ist, besteht überhaupt die Möglichkeit, dass Lesen Spaß macht. Es gibt ehrgeizige Kinder, die das selbst schaffen wollen, alle anderen muss man zwingen. Und zwar nicht, indem man eine Wochenstunde zur Lesezeit deklariert, in der sich die Kinder irgendein Buch nehmen und 40 Minuten darin herum lesen. Im besten Fall. Im schlechtesten Fall gucken sie nur die Bilder an. Weil ihnen das Lesen nämlich zu anstrengend ist. Oft mogeln sich die Kinder bis zur vierten Klasse so durch. Sie können Wörter entziffern, aber es dauert viel zu lange. Komplexe Texte können sie nicht bewältigen. Für komplexe Texte fehlt in der Grundschule aber oft die Zeit, sodass Lehrer mitunter gar nicht merken, wie mangelhaft die Lesekompetenz einiger Kinder ist. Lesen muss wieder mehr Gewicht bekommen. Die Grundschule darf sich hier nicht in einem Wohlfühlkurs an Lernangeboten verzetteln. Mehr Deutschstunden wären eine Maßnahme, das Lesen auch langer Texte als Hausaufgabe eine andere. Und warum nicht eine Liste von Büchern vorgeben, die innerhalb eines Halbjahrs von allen gelesen werden müssen? Wie es zum Beispiel in England und den USA üblich ist.

Es geht übrigens gar nicht darum, dass alle zu begeisterten Romanlesern werden (obwohl auch das - aus anderen Gründen - wünschenswert ist), sondern darum, dass alle eine Chance auf Bildung, also auf Ausbildung haben. Nur wer nach der Grundschule flüssig lesen kann, ist an der weiterführenden Schule in der Lage, in allen Fächern mitzukommen. Denn ab Klasse 5 gilt der Satz "Lernen soll Spaß machen" plötzlich nicht mehr. Da muss man plötzlich lange und langweilige Texte über den Klerus im Mittelalter lesen, selbst im Internet zu Fragen der Philosophie recherchieren, in eigenen Worten den Stockwerkbau des Regenwalds erklären und seitenlange Erläuterungen über Brennweiten durcharbeiten. Wer hier nicht flüssig lesen kann, hat keine Chance, in irgendeinem Fach mitzukommen. Und daran ändert übrigens auch die Digitalisierung nichts. Vielleicht kann man sich in nicht allzu ferner Zukunft alle Texte vorlesen lassen. Aber das wird niemals die Fähigkeit ersetzen, selbst lesen zu können. Genauso wenig, wie man es jemals schaffen wird, jeglichen Lernzwang durch Spaß zu ersetzen. Zwingen wir unsere Kinder zum Lesen. Jeden Tag eine halbe Stunde, mindestens. Wir geben ihnen damit Chancen.

Weitere Informationen

Schwerpunkt: Müssen wir Kinder zum Lesen zwingen?

Fast 20 Prozent der Kinder in Deutschland können nicht richtig lesen. Woran liegt das? Was kann man dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die NDR Kulturredaktionen in dieser Woche. mehr

Kontra

Bild vergrößern
Der Spaß am Lesen muss vermittelt werden, er kann nicht erzwungen werden, meint Stefan Forth.

"Eltern, Lehrer und Erzieher sind in der Pflicht", meint Stefan Forth von NDR Kultur.

"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" - dieser Roman von Michael Ende wird für mich immer mit dem Geräusch von Wellen und dem Geruch von Sonnencreme verbunden sein. Nicht weil der Schauplatz der Geschichte eine Insel mitten im Meer ist, sondern weil meine Mutter mir während eines Strandurlaubs aus diesem Buch vorgelesen hat. Sie war es, die in mir die Lust an der Literatur geweckt hat, die bis heute anhält.

Eine sinnliche Angelegenheit natürlich, wenn sie nachhaltig sein soll. Schließlich geht es um Kunst und Kultur, nicht um Karriere und Kapital. Klar: Lesekompetenz ist eine Schlüsselqualifikation in unserer Bildungsgesellschaft. Sie gehört unbedingt gestärkt und gefördert. In der Pflicht sind aber hier nicht die Kinder, sondern ihre Eltern, Lehrer und Erzieher. Sie müssen die Leidenschaft für Bücher wecken, engagierte und glaubwürdige Vorbilder sein - auch wenn sie vielleicht manchmal selbst lieber vor dem Fernseher versacken würden.

Klar ist nämlich auch: Kinder lieben nach wie vor Geschichten. Sie kennen heute vielleicht sogar mehr davon als jede Generation vor ihnen. Nur eben nicht unbedingt aus Büchern. Geschichten werden heute genauso gut in Online-Games erzählt oder in Serien der großen Streamingdienste. Knapp die Hälfte der Zwölf- bis 19-Jährigen hat im vergangenen Jahr regelmäßig Angebote allein des Branchen-Primus Netflix geschaut, hat die renommierte Studie "Jugend, Information, (Multi-)Media" (JIM) gezeigt.

Auch hier sind Eltern und Lehrer in der Pflicht: sich selbst mit diesen teils hochwertigen Erzählformen des 21. Jahrhunderts auseinanderzusetzen - und dabei gelassen zu bleiben. Denn auch das zeigt die JIM-Studie: Der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Bücher lesen, bleibt seit 20 Jahren in etwa gleich, bei um die 40 Prozent. Kein Grund also, einen Kulturkampf zur Rettung des gedruckten Wortes auszurufen. Bücher werden überleben, wenn Menschen weiter Spaß am Lesen haben. Und genau den gilt es zu vermitteln - erzwingen lässt er sich nicht.

Weitere Informationen
NDR Info

Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen

23.04.2019 20:30 Uhr
NDR Info

Lesen gehört zu den Kernkompetenzen, die Kinder erwerben sollen. Dennoch sind nach der IGLU-Studie in der vierten Klasse noch viele Schüler mit längeren Texten überfordert. mehr

NDR Info

Müssen wir die Kinder zum Lesen "zwingen"?

23.04.2019 20:50 Uhr
NDR Info

Trotz aller Unkenrufe: Die Lesefähigkeit in Deutschland nimmt stetig zu. Trotzdem lesen immer weniger Kinder und Jugendliche regelmäßig Bücher. Die Redezeit auf NDR Info. mehr

Was passiert beim Lesenlernen im Gehirn?

20 Prozent der Kinder in Deutschland können nicht richtig lesen. Flüssig lesen zu lernen, schafft man nur durch viel Übung. Eine Psycholinguistin erklärt, was dabei im Gehirn passiert. mehr

04:48
NDR Info

Was passiert beim Lesen im Gehirn?

NDR Info

Schulen klagen, dass Kinder zunehmend Probleme mit komplexen Texten haben. Wie kommt es dazu? Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn man liest? Audio (04:48 min)

Lesen lernen: Wirkt die Hamburger Erklärung?

Autorin Kirsten Boie hat vor drei Wochen die Hamburger Erklärung veröffentlicht. "Jedes Kind muss lesen lernen", so die Forderung der Erstunterzeichner. Was kann diese Erklärung bewirken? mehr

Dieses Thema im Programm:

Kommentar | 23.04.2019 | 17:08 Uhr