Stand: 04.03.2019 09:50 Uhr

Orchester: Selten Dirigentinnen an der Spitze

von Marcus Stäbler

Fast die Hälfte der Studenten im Fach Dirigieren in Deutschland sind weiblich. Das sagt eine Statistik der deutschen Hochschulen aus dem Jahr 2017. Auf der anderen Seite werden aber nur etwa vier bis fünf Prozent der Konzerte im internationalen Musikbetrieb von Frauen geleitet. Nur sehr langsam fängt dieses krasse Missverhältnis an, sich zu ändern.

Anfang Februar in Hamburg: Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester und begeistert das Publikum mit farbenreichen und temperamentvollen Interpretationen. Mit Anfang 30 gehört die Litauerin zu den Shooting-Stars des Klassik-Betriebs.

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Mirga Gražinytė-Tyla wurde bereits im Alter von 29 Jahren Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Während ihres Hamburg-Aufenthalts unterzeichnete Mirga Gražinytė-Tyla einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon. Damit ist sie 121 Jahre nach dessen Gründung die erste Dirigentin, die das traditionsreiche Schallplattenlabel fest an sich bindet. Das Beispiel Mirga Gražinytė-Tyla zeigt, dass sich endlich etwas verändert, macht aber auch deutlich, wie weit die Entwicklung am Dirigentenpult dem Wandel in der modernen Gesellschaft und in anderen Musikbereichen noch hinterherhinkt.

Autoritär und chauvinistisch

Der Dirigentenberuf wurde lange mit einem strengen Maestro gleichgesetzt, der das Orchester beherrscht und wenn nötig auch mit fast militärischer Strenge zum Einklang zwingt. Zu welchen Problemen diese Vorstellung führen kann, zeigen auch die jüngsten Diskussionen um Daniel Barenboim. Das Bild vom Pultherrscher mit Taktstock entsprach dem alten Rollenklischee des autoritären Mannes, eine Frau passte da nicht rein. "Gehen Sie dahin, wo sie hingehören - in die Küche", fauchte etwa der prominente Dirigierlehrer Hans Swarowsky noch in den 1970er-Jahren eine Schülerin an.

Ganz so unverschämt wird heute kaum noch ein Professor ausrasten. Doch manche Vorurteile halten sich hartnäckig. Der legendäre Dirigentenmentor Jorma Panula behauptete noch 2014 im finnischen Fernsehen, Frauen könnten keine männliche Musik - für ihn etwa Bruckner und Strawinsky - dirigieren. Und auch der lettische Dirigent Mariss Jansons ließ erst 2017 verlauten, dass Dirigentinnen nicht so seine Sache seien.

Der Klassikbetrieb ist endlich im Wandel

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Marin Alsop dirigierte bereits drei Mal die "Last Night of the Proms".

Dabei gibt es zahlreiche Belege dafür, dass natürlich auch Frauen hervorragende Orchester- und Chorleiterinnen sein können. Die Italienerin Francesca Caccini war im Frühbarock nicht nur die erste Frau, die eine Oper schrieb, sondern hat am Hof der Medici auch Aufführungen vom Cembalo aus geleitet. Aktuell sind die US-Amerikanerin Marin Alsop und die Australierin Simone Young die vielleicht prominentesten Vorreiterinnen. Simone Young war von 2005 bis 2015 Generalmusikdirektorin und Intendantin an der Staatsoper in Hamburg. Marin Alsop leitet seit 2007 das Baltimore Symphony Orchestra und wird zur nächsten Saison Chefin beim ORF-Radiosinfonieorchester in Wien.

Beide Dirigentinnen würden sich wünschen, dass es in Zukunft keine Schlagzeile mehr ist, wenn eine Frau dirigiert, weil erst dann ihre künstlerische Handschrift im Vordergrund stünde. Und es besteht Hoffnung, dass wir das in absehbarer Zeit erleben: Der Klassikbetrieb ist endlich im Wandel. Mirga Gražinytė-Tyla ist nur eine von vielen erstklassigen Dirigentinnen, denen die Zukunft gehört. Gemeinsam mit Kolleginnen wie der Mexikanerin Alondra de la Parra, Chefin beim Queensland Symphony Orchestra, oder der 32-jährigen Hildesheimerin Joanna Mallwitz, Generalmusikdirektorin in Nürnberg, gehört sie zu den Galionsfiguren einer Generation, die das Geschlechterverhältnis am Pult allmählich normalisieren dürfte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.03.2019 | 07:20 Uhr