Stand: 28.02.2020 16:47 Uhr  - NDR Kultur

Umweltschonend touren - geht das überhaupt?

von Miriam Stolzenwald

In vielen Bereichen stellen sich Menschen die Frage, wie sie nachhaltiger und umweltschonender agieren können. So auch in der Musik- und Festivalbranche. Die Band Haión aus Hannover hat im vergangenen Jahr auf ihrer Tour versucht, ihre Konzerte möglichst nachhaltig zu gestalten. Auf was muss man verzichten und wo gibt es bereits Alternativen? Zu diesen Fragen hat die Band während der Tour Material gesammelt und nun ein Road Movie daraus gemacht, das ab dem 13. März zu sehen ist.

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Technoider Elektro-Pop, morgenländische Sounds und Dubstep-Elemente - so charakterisiert die Band ihre Musik auf der Webseite (rechts im Bild Jasmine Klewinghaus).

"Den größten CO2-Fußabdruck eines Konzertes macht die Anreise der Besucher und der Stromverbrauch für das Konzert selbst aus", erklärt Jasmine Klewinghaus. Sie ist Sängerin in der Band Haión. Für ihr Road Movie hat die Gruppe versucht, alle Details ihrer Tour im Sommer 2019 nachhaltig zu gestalten. Dazu haben die Musiker auch andere befragt, wie zum Beispiel die Band Milky Chance oder Veranstalter vom SNNTG-Festival. Nachhaltig unterwegs zu sein ist nämlich gar nicht so leicht – angefangen bei Utensilien, die nicht aus fairer Herstellung kommen.

Das Equipment ist ein Problem

Das Equipment sei ein großes Problem. Da gebe es bisher noch keine nachhaltigen Lösungen. Auch die Verpflegung auf der Reise sie nicht nachhaltig, denn man müsse manchmal auswärtig essen. Das sei eine Herausforderung, denn das heißt: wenig Plastik zu produzieren und nachhaltige Lebensmittel zu konsumieren, fasst Klewinghaus die Erkenntnisse zusammen.

Das Road-Movie von Haión

Sowohl der Trailer (ab 28.02.2020) als auch das Road-Movie (ab 13.05.2020) ist zu finden auf YouTube unter dem Stichwort "nachhaltig Touren und Veranstalten" und auch auf der Seite der Band Haión: haionmusic.de

Das gilt auch für das Künstler-Catering auf Festivals: Trotz vorheriger Nachfrage konnte die Band nur teilweise wieder abwaschbares Geschirr und regionales Essen bekommen. Insgesamt konnte sie aber auf der Tour beobachten, dass sich die Musikbranche in Puncto Nachhaltigkeit stark verändert.

Jasmine dazu: "Wir haben auf zwei Festivals gespielt, wo fahrradbetriebene Bühnen eingesetzt wurden. Das heißt, die Band spielt auf der Bühne und es gibt acht Fahrräder vor der Bühne, auf denen Menschen strampeln und den Strom erzeugen müssen, damit unsere Musik auch weiterläuft. Schön ist auch zu sehen, dass ab diesem Jahr Prototypen von Wasserstoff-Generatoren auf Festivals eingesetzt werden, denn derzeit ist es noch so, dass die meisten Festivals zu 90 Prozent ausschließlich durch Generatoren betrieben werden."

Viele Alternativen ausprobiert

Um umweltschonend zu touren, haben Jasmine Klewinghaus und ihre Band versucht, auf herkömmliche Produkte zu verzichten und viele Alternativen ausprobiert, zum Beispiel bei eigenen Fan-Artikeln: etwa mit upgecycleten Bauchtaschen, T-Shirts aus Fairtrade-Bio-Baumwolle. Die Band versuchte auch immer mit lokalen Künstlern zusammenzuarbeiten, etwa einer Siebdruck-Werkstatt aus Hannover.

Ebenso wichtig: soziale Nachhaltigkeit

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Im März 2017 sich das fünfköpfige Sound Kollektiv am Institut für Musik in Osnabrück zum ersten Mal.

Auch zum Aspekt soziale Nachhaltigkeit hat die Band für den Film recherchiert, denn die Gagen, gerade für neue Musiker, sind oftmals niedrig und Künstler können kaum davon leben.

"Uns war wichtig, dass auch die Bezahlung fair ist und die Tour gut organisiert ist, dass sowohl der finanzielle Aspekt stimmt als auch der gesundheitliche Aspekt und der Stressfaktor minimiert wird. Wir hatten das Glück, dass wir eine Förderung der Initiative Musik bekommen haben. Und weil es uns wichtig war, die Beteiligten an der Tour fair zu bezahlen, konnten wir, aber auch nur durch Bezuschussung und Förderung der Initiative Musik, allen Beteiligten ein faires Gehalt zahlen."

Kein komplett nachhaltiges Festival

Arne Mertens organisiert das SNNTG Festival in Hannover. Für die Veranstalter ist es schwer, in allen Bereichen nachhaltig zu arbeiten. Einige Vorstöße gäbe es aber schon, etwa bei der Mülltrennung auf dem Campingplatz, bei den Materialien, die verbaut würden, und auch die Anreise der Gäste mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird so gestaltet, dass es für Besucher attraktiv sei. Aber Mertens weiß auch: "Man kommt schon immer wieder an den Punkt, wo man merkt: Ein komplett nachhaltiges Festival ist einfach kaum möglich."

Ein großes Potenzial sieht Jasmine von Haión noch: Die Festivals böten in dieser positiv-aufgeladenen Stimmung eine unfassbar große Chance, das Thema Nachhaltigkeit auf positive Art und Weise den Fans zu vermitteln. "Und deshalb sind Festivals sehr wichtig und müssen uns erhalten bleiben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.02.2020 | 06:00 Uhr