Stand: 22.01.2018 00:01 Uhr

Musikunterricht: Mangelfach im Norden

von Susanne Birkner
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Wie ist es um den Musikunterricht an norddeutschen Schulen bestellt? Unser Thema in der NDR Debatte.

Wird Musikbildung zukünftig Privatsache? An vielen Schulen ist Musik eines der ersten Fächer, das ausfällt. Lehrer unterrichten oft fachfremd, weil der Nachwuchs ausbleibt. Wie steht es um den Musikunterricht an norddeutschen Schulen? Das ist das Thema der Debatte der NDR Kulturredaktionen in dieser Woche. Eine Bestandsaufnahme - unter anderem an einer Schule in Hamburg.

"Das ist ja einfach nur ein raufgeschobenes zweigestrichenes C, also heißt es als Cis dann auch zweigestrichenes Cis. Und der Kerl da oben, was ist das?" Musiklehrer Willie Jakob zeigt auf das Kreuz, das er an die Tafel gemalt hat. "Hashtag!", rufen einige Viertklässler sofort. Willie Jakob muss schmunzeln. Dann erzählt er seinen Schülern, dass das Zeichen eigentlich aus der Musik kommt, und hier Kreuz heißt - nicht Hashtag. Auf dem Stundenplan der 4b der Schule Bahrenfelder Straße in Hamburg Altona stehen heute die Vorzeichen.

"Das rote Pferd" als Beispiel

"Wenn ihr auf euren Liederzettel schaut, gleich am Anfang vom ersten vollständigen Takt, steht über der Notenzeile ein großes B, seht ihr das? Das bedeutet, dass der erste Akkord, den ich auf der Ukulele gespielt hab, ein B ist." Willie Jakob greift sich die Ukulele und erklärt am Beispiel des Lieds über das rote Pferd ganz praktisch, was er meint. Erst lässt er die Schüler den Karnevalssong in der Originalversion singen. Dann wechselt er die Tonart, und das rote Pferd wirkt plötzlich deutlich trauriger.

"Ich finde es gut, dass wir auch Noten lernen"

Was macht guten Musikunterricht aus? Für die Viertklässler ist das einfach. "Ich finde es gut, dass wir auch Noten lernen", sagt eine Schülerin. "Dann kann man, wenn man groß ist, ein Instrument spielen." Ein anderes Mädchen findet es toll, dass man sich auch mal zu der Musik bewegen kann. Einem Schüler gefällt das Vorführen von Liedern und das Singen besonders gut.

Unterrichtsausfall und Einstufung als Mangelfach

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Fast die Hälfte der Schüler und Schülerinnen in Niedersachsen geben an, dass ihr Musikunterricht regelmäßig ausfällt.

Das Problem: Lehrermangel und dadurch Unterrichtsausfall. In einer vom Rat für kulturelle Bildung initiierten Allensbach-Studie von 2015 gab fast die Hälfte der Schüler und Schülerinnen in Niedersachsen an, dass ihr Musikunterricht regelmäßig ausfällt. Kein Wunder: An einem Viertel der Grundschulen gibt es in dem Bundesland mittlerweile überhaupt keine Musiklehrer mehr. Über alle Schulformen hinweg war es im Schuljahr 2015/2016 ein Fünftel. Das ergab eine Kleine Anfrage im Niedersächsischen Landtag. Und Schleswig-Holstein hat Musik mittlerweile an allen allgemeinbildenden Schulen als Mangelfach eingestuft. Das heißt, es kommen so wenige neue Lehrer nach, dass den wenigen, die es gibt, der Zugang zum Referendariat erleichtert werden soll.

Kein kontinuierlicher Musikunterricht an weiterführenden Schulen

"An weiterführenden Schulen können wir von den ganzen norddeutschen Bundesländern sagen, dass es keinen kontinuierlichen Musikunterricht gibt", fasst es der Hamburger Landespräsident des Bundesverbands Musikunterricht Torsten Allwardt das Problem zusammen. "Musikunterricht gibt es häufig noch in Klasse 5 und 6, aber ab dann wird alles in die Wahlkursbereich abgedrängt." In der Oberstufe kommen deswegen deutlich weniger Leistungskurse zustande. "Haben wir die Leistungskurse nicht mehr, werden auch sehr viel weniger Menschen für eine professionelle Beschäftigung motiviert. Und das schlägt sich wieder in den Schulmusikstudiengängen wieder, dass da kaum noch Leute ankommen", sagt Allwardt weiter.

Kindern aus bildungsfernen Familien bleibt nur die Schule

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Für Kinder aus bildungsfernen Familien ist die Schule häufig die einzige Möglichkeit, um ihr Interesse für Kultur zu wecken.

Eine Abwärtsspirale, die es aufzuhalten gelte, fordert der Bundesverband Musikunterricht. Vor allem, weil gerade Kindern aus bildungsfernen Familien oft nur die Schule bleibt, um mit Instrumenten oder auch Musikgeschichte und unterschiedlichen Stilen in Kontakt zu kommen. Auch das ein Ergebnis der Allensbach-Studie von 2015: 74 Prozent der Akademikerkinder gaben darin an, dass die Eltern ihr Kulturinteresse geweckt haben, dagegen nur 33 Prozent der Kinder aus bildungsfernen Haushalten. "Ich höre immer wieder von anderen Schulen, dass es dort gar keinen Musikunterricht gibt. Das finde ich völlig daneben", sagt Musiklehrer Willie Jakob.

"Musik trainiert Intelligenz und Sozialverhalten"

Man merkt schon an dieser Klassenstunde in der 4b, wie Musik diszipliniert - und inspiriert. Wie gemeinsames Tanzen und rhythmisches Klatschen zum Beispiel Spannungen ab- und ein Gruppengefühl aufbaut. Musiklehrer Willie Jakob sagt: "Ich denke, Musik ist eine günstige Möglichkeit, um bei den Kindern Intelligenz und Sozialverhalten zu trainieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 22.01.2018 | 08:55 Uhr