Künstler in MV kritisieren Corona-Hilfen des Landes

Stand: 27.10.2020 07:17 Uhr

Die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie haben heftige Folgen für Kulturschaffende. Mecklenburg-Vorpommerns Kultusministerin stellte mehr Hilfen in Aussicht.

von Gritt Kockot

Die Corona-Krise bringt viele Kunst- und Kulturschaffende in Mecklenburg-Vorpommern in existenzielle Schwierigkeiten. Die finanziellen Hilfsmaßnahmen des Landes reichen ihrer Ansicht nach nicht aus. Die allermeisten Künstlerinnen und Künstler sind nicht irgendwo fest angestellt und werden in Kurzarbeit geschickt. Sie sind eher freischaffend, leben von Auftrag zu Auftrag, von einem Auftritt zum nächsten. Reich werden sie damit oft nicht. Deshalb hat das Land Hilfsmaßnahmen angeboten: Überbrückungsstipendien etwa. Doch die Alltags- und Lebensrealität wurde dabei nicht ausreichend berücksichtigt, meinen die Betroffenen und fordern Nachbesserungen der Hilfspakete.

Erster offener Brief schon im April

Schon im April haben mehr als 200 Künstler einen offenen Brief geschrieben - an die Landesregierung und speziell an die Kultusministerin. Sie beklagen ein Ausbluten der freien Kulturszene im Land. Eine der Initiatoren ist die Künstlerin und Kuratorin Miro Zahra. Die Malerin hat 2015 den Kulturpreis des Landes erhalten. "Als die Stipendien kamen, war ich entsetzt und habe mich wirklich geschämt für das Land", sagt Miro Zahra. "Denn 2.000 Euro - damals hieß es: für drei Monate - würde ja bedeuten: pro Monat 700 Euro. Das ist ja natürlich unter jeglichem Existenzminimumsatz. Auch wenn man es, wie es dann später nachkommuniziert wurde, auch für Lebenserhaltungskosten nutzen dürfe."

Neben Überbrückungsstipendien ist Hartz IV möglich

Drei Millionen Euro hat das Land für Überbrückungsstipendien bereitgestellt. Beantragt wurde diese Unterstützung inzwischen von 686 Künstlern. Anders als die Grundsicherung soll das Stipendium das künstlerische Arbeiten und Wirken fördern. Und: Beides schließt sich nicht aus. Künstler können also neben einem Stipendium auch noch Hartz IV beantragen. Das versuchte auch der Band-Musiker René Kusserow. "Es war schon sehr abenteuerlich", schildert er. "Zuerst kommen zwei Seiten. Nach den zwei Seiten kommen die nächsten 15. Und es geht immer so weiter. Am Ende wollen sie wirklich alles wissen, alles - und dazu bin ich nicht bereit. Ich bin nicht durch mein Verschulden in diese Situation gekommen."

Weitere Informationen
Mit Absperrband blockierte Sitze in einem Kinosaal. © picture alliance/dpa Foto: Christiane Bosch

Ihre Meinung: Wie viel Kultur können wir uns noch leisten?

Trotz Corona-Krise soll die Kulturvielfalt in Deutschland erhalten bleiben. Doch, wie viel Kultur können wir uns noch leisten? mehr

"Gute Grundidee - aber nicht weitgehend genug"

Die Band, in der René Kusserow spielt, heißt Störtebeker. Eine Coverband von Santiano. Ihr brechen in diesem Jahr - Corona-bedingt - die meisten Auftritte weg. Dadurch entstehen Kusserow Einnahmeausfälle von mehr als 20.000 Euro. Seit einer Woche hat er jetzt einen Nebenjob: Er geht kellnern auf 450-Euro-Basis. Er wünscht sich von der Politik vor allem, mal genauer hinzusehen und mehr Fragen zu stellen zum Beispiel: Wie sieht die Welt eines Musikers aus? Was hat er für Anschaffungen für das Geschäft? "Das würde ich mir wünschen, dass mal Klarheit entsteht und nicht gesagt wird: Ja, wir unterstützen sie alle, wir geben Ihnen was. Die Grundidee ist ja in Ordnung, find ich ja vollkommen korrekt so. Aber es geht nicht weit genug."

"Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit"

Christine Jacob aus Schwerin ist freischaffende Kostümbildnerin für verschiedene Theater. Drei Aufträge sind ihr geplatzt. Ihr Verlust: 7.000 Euro. Hartz IV kann sie nicht beantragen, denn sie ist verheiratet. Dafür hat sie vom Land ein Überbrückungsstipendium erhalten. "Meine Betriebskosten, meine Krankenversicherung und meine Rentenversicherung zahle ich alles von dem Geld, was ich gespart habe für den Moment, in dem ich in Rente gehe, um dort ein bisschen mehr Geld zu haben, als die ohnehin kleine Rente", erklärt sie. "Ich lebe von meinem Ersparten. Und bei den Lebenshaltungskosten, da trägt mein Mann eine ganz große Last. Ich finde, das geht nicht. Ich fühle mich sehr schlecht behandelt, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!"

Dies spreche auch für den Stellenwert, den Kunst in der Gesellschaft habe, meint Miro Zahra. "Kunst, Kultur ist etwas Existenzielles", sagt sie. "Das ist das, was diese Gesellschaft auch ausmacht. Die Qualität einer Demokratie könnte man auch an dem Grad der Freiheit von Kunst und Kultur messen. Sie ist einfach Indikator. Und gerade aus diesem Grund ist sie natürlich unverzichtbar - gerade in den Krisenzeiten, die wir gerade erleben."

Kultusministerin sagt weitere Unterstützung zu

Mecklenburg-Vorpommerns Kultusministerin Bettina Martin (SPD) hat unterdessen weitere Hilfen für freie Künstler im Land in Aussicht gestellt. Es gebe weitere Gespräche auf Bundes- und auf Landesebene. Martin sagte im NDR Nordmagazin, das Land müsse und werde die Künstler weiter unterstützen. Konkrete Summen nannte die Ministerin aber nicht. Die Pandemie werde weitergehen und die Künstler sehr betreffen. Sie werde sich dafür einsetzen die bereits in der ersten Welle beschlossenen Überbückungsstipendien weiter zu führen - auf Landesebene. Zum anderen werde sie sich beim Bund dafür stark machen, dass in einem möglichen neuen Programm für Solo-Selbstständige die Künstler mit einbezogen werden, so Martin. Im ersten Programm seien sie maximal über die Betriebskosten beteiligt gewesen, die Hilfe müsse höher ausfallen.

Weitere Informationen
Eine Frau mit rotem Kleid hält die Hände ans Gesicht und schreit in ein Mikrofon. © picture alliance/xim.gs/Philipp Szyza Foto: Philipp Szyza

Kultur trotz Corona - Mach mal laut

Die Sendereihe und Initiative soll norddeutschen Künstlern einen Platz einräumen und um ihre Stimme zu erheben, wie die Sängerin Sarajane. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 27.10.2020 | 06:30 Uhr

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt und Karoline Schuch © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020

"Göhrde-Morde": Die Hintergründe des wahren Kriminalfalls

Die "Göhrde-Morde" sorgten Ende der 80er-Jahre für Aufsehen. Um den für das Erste verfilmten Kriminalfall gibt es ein großes Angebot. mehr

Amanda Seyfried als Marion Davies und Gary Oldman als Herman Mankievicz - Szene aus dem Spielfilm "Mank" von David Fincher © Netflix

"Mank" - Finchers Reflektion über Hollywoods Goldene Ära

David Fincher klärt im Netflix-Film "Mank", wer das Drehbuch zu "Citizen Kane" schrieb: Orson Welles oder Herman J. Mankiewicz? mehr

Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin © NDR Foto: Marco Maas

Usedomer Literaturtage 2020 starten - Lesungen im Stream

Neben Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ist auch Saša Stanišić zu Gast. Die Lesungen werden ab Donnerstag per Stream übertragen. mehr

Sopranistin Christine Süßmuth bei der Probe des Balthasar-Neumann-Chores © Büro für internationale Kulturprojekte

Profisport-Konzept ermöglicht gemeinsames Proben

"Was Fußballer können, muss in der Kultur auch gehen", dachte sich der Balthasar-Neumann-Chor. Ein Bericht aus der Gruppenquarantäne. mehr