Stand: 15.05.2018 15:12 Uhr

Auf dem Feld des Kitsches

von Alexander Solloch

Recep Tayyip Erdogan ist, so darf man annehmen, zurzeit ein ganz zufriedener Mensch. Wieder einmal schafft der türkische Präsident es, die Schlagzeilen in Deutschland zu bestimmen. Die Nation diskutiert erregt darüber, was die beiden deutschen Fußball-Nationalspieler Özil und Gündogan geritten hat, sich mit Erdogan in einem Hotel in London zu treffen und ihm anerkennend Trikots ihrer jeweiligen Vereine zu überreichen. Bundestrainer Löw hat die beiden heute unverdrossen für die bevorstehende WM in Russland nominiert. Darf denn das sein?

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Feingeist und Fußballfan in einer Person: Alexander Solloch

Sie spucken und sie treten, sie fluchen und sie rüpeln, sie betrügen und sie lügen. Ist dies Werk vollbracht, fahren sie am Ende ihres harten Zwei-Stunden-Tages im obszön teuren Auto nach Hause, für das eine Fahrberechtigung zu erlangen sie bei all dem Stress leider vergaßen. Sie mogeln sich so durch. Wer sind sie? Die Vorbilder der Nation: deutsche Fußballprofis.

Eine Mannschaft, die Claudia Roth wählt

Tief stecken wir im Jahr 1954. Mögen uns auch alle sonstigen Gewissheiten und Überzeugungen verlassen haben - an dieser Idee halten wir seit über 60 Jahren unverdrossen fest: Der Fußballer hat Vorbild zu sein, so wie die '54er-Helden um Fritz Walter Vorbilder waren, fair und kameradschaftlich und aufopferungsvoll auf dem Feld der Ehre kämpfend, das damals seit einem knappen Jahrzehnt ein grüner Rasen war. Über kaum ein Ereignis sind kitschigere Bücher geschrieben und schmalzigere Filme gedreht worden. Als sie den WM-Pokal dann hatten, sangen die Helden "Deutschland, Deutschland, über alles", und DFB-Präsident Bauwens meinte, nach diesem Triumph könnten "keine Schlacken mehr am deutschen Volk" sein. Da fing das an mit dem Vorbildswahn.

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Man kann das natürlich so machen, und es deutet sich ja seit einiger Zeit schon an, dass der moderne Mensch es so machen will: nur noch Filme jener Regisseure zu gucken, die ein nachweisbar astreines Frauenbild haben; nur noch Gemälde jener Maler zu betrachten, deren polizeiliches Führungszeugnis zu keinen Bedenken Anlass gibt; nur noch Bücher sympathischer Autoren mit sympathischen Figuren zu lesen - man selbst ist ja schließlich auch sympathisch. Man muss dann nur ästhetisch zu einigem Verzicht bereit sein. Klar wäre es prima, wenn man künftig von allen Nationalspielern sagen könnte, dass sie Claudia Roth wählen; aber ob sich auf Grundlage dieses Auswahlkriteriums eine Mannschaft formen ließe, die durch Spielkunst verzückt, ist doch sehr die Frage. Man müsste mit diesem Anspruch dann außerdem dazu bereit und in der Lage sein, sich selbst und seine eigene Widersprüchlichkeit auszudribbeln. Widersprüchlichkeit heißt hier: Verlogenheit.

"So ein Foto ist gerade nicht gewünscht"

Was ist es denn, was all die Wütenden und Erregten konkret anprangern? Mesut Özil und Ilkay Gündogan, heißt es, machten sich zu Handlangern eines Despoten. Da muss man mal hoffen, dass die weiteren Ermittlungen sich nicht noch auf Volksheld Thomas Müller erstrecken, der sich schon oft mit dem orbanen Despotenfreund Seehofer hat ablichten lassen. Wer das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trägt, heißt es jetzt weiter, müsse sich zu den Werten unseres Landes bekennen. Welche sind das denn? Der heilige Wert Wirtschaftswachstum schwebt jedenfalls einstweilen nicht in größerer Gefahr, solange Deutschland - das Land zur MANNSCHAFT™©® - hinreichend Waffen in die Türkei liefert, die Erdogans Macht sichern. Aber davon gibt es keine Fotos im Sportteil.    

"So ein Foto ist gerade nicht gewünscht", sagt, tadelnd in Richtung Özil und Gündogan, der Marketing-, äh, Sportdirektor des DFB, Oliver Bierhoff, immer bereit, der Welt die gerade gewünschten Fotos zu liefern. Zum Ausgleich wird er die beiden Übeltäter vielleicht mit sanftem Druck dazu überreden, vorm nächsten Spiel die Hymne mitzusingen. Das gibt Bilder, so recht dazu angetan, die aufgebrachte Nation zu befrieden.

Dann folgt der Anpfiff. Sie spucken und sie treten, sie fluchen und sie rüpeln, und manchmal gelingt ihnen gar auch etwas Hübsches. Wer sind sie? Keine Vorbilder. Nur: Fußballer.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 15.05.2018 | 14:00 Uhr