Stand: 26.08.2019 08:54 Uhr

Ist das klassische Theater tot?

von Janek Wiechers

Manche sagen es bereits tot - das klassische Theater. Überwiegend seien es doch neue Stoffe und Inszenierungen, die an deutschen Bühnen aufgeführt werden, kritisieren nicht wenige. Die klassischen Autorinnen und Autoren interessierten Regisseurinnen und Regisseure immer weniger, so der Vorwurf. Doch stimmt das so wirklich? Hat das Zeitgenössische die sogenannten Klassiker inzwischen tatsächlich verdrängt? Die Suche nach Antworten am Staatstheater Braunschweig und anderer Theater im Norden.

Schaut man in die letzte Werkstatistik, die der Deutsche Bühnenverein regelmäßig für alle Theater im Land herausgibt, so wird deutlich: Die Klassiker gehören nach wie vor zu den beliebtesten Stücken bei Regie und Publikum. Shakespeare, Brecht, Schiller, Goethe und Lessing sind die mit Abstand meistgespielten Dramatiker im Sprechtheater. Erst dann folgen zeitgenössische Autoren wie Lutz Hübner, Elfriede Jelinek oder Sarah Nemitz. Davon, dass die Klassiker massiv auf dem Rückzug sind, kann also - insgesamt betrachtet - keine Rede sein.

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Dagmar Schlingmann ist seit der Spielzeit 2017/18 Generalintendantin des Staatstheaters Braunschweig.

Das gilt auch für das Staatstheater Braunschweig. Intendantin Dagmar Schlingmann setzt dort auf eine ausgewogene Mischung. "Ich bin tatsächlich Fan der alten, großen Weltliteraturstücke", sagt sie. "Und es geht mir eigentlich gar nicht so sehr um die Titel, sondern um Inhalte und die Themen, die in den Stücken behandelt werden. Es gibt da sehr unterschiedliche Meinungen, aber ich persönlich finde die Mischung aus Klassischem und Zeitgenössischem schön und auch wichtig."

Gewichtung von Jahr zu Jahr unterschiedlich

Wie die Gewichtung ausfällt, ist am Staatstheater Braunschweig von Jahr zu Jahr verschieden. Schlingmann, die jetzt in die dritte Spielzeit in Braunschweig startet, hatte im ersten Jahr etwas weniger klassische Stücke im Programm, im zweiten dann etwas mehr - und jetzt sind es tendenziell wieder mehr neuere Werke. Das Verhältnis von Zeitgenössischem zur Klassik bewege sich etwa im Verhältnis 40 zu 60 bis 30 zu 70 Prozent. "Es ist auch die Frage: Was ist klassisch?", erklärt sie. "'Moby Dick' zum Beispiel: Ist das ein Klassiker oder doch etwas Neues? Ist 'Kleiner Mann, was nun' ein Klassiker? Wahrscheinlich ja."

Von den 25 Schauspielen in der demnächst beginnenden Spielzeit in Braunschweig fallen vielleicht zehn in die Kategorie Klassiker - etwa Lessings "Nathan der Weise", Shakespeares "Sommernachtstraum" und Tschechows "Kirschgarten". Die anderen sind neuere Werke - unter anderem von Edward Albee, Hans Fallada, Christa Wolf und Nathaniel Hawthorne. Zu etwa einem Drittel zeigt das Staatstheater Braunschweig außerdem neuste Werke von Autoren wie Hartmut El Kurdi oder Lukas Pergande sowie vom Schauspiel-Ensemble selbst entwickelte Stücke.

Spielpläne im Norden gemischt

Beide Sphären - die zeitgenössische und die klassische - haben für Intendantin Schlingmann ihre Berechtigung: "Natürlich sind die zeitgenössischen Autorinnen und Autoren sehr nah an den aktuellen Themen dran. Aber, es gibt natürlich in den klassischen oder alten Stücken immer wieder Strukturen, die auch auf das Heute übertragbar sind - oder die auch ganz viel über die heutige Welt erzählen."

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Das Deutsche Theater in Göttingen hatte ein paar Jahre keine Klassiker im Programm.

Auch an anderen Theatern im Norden zeigen sich die Spielpläne ähnlich gemischt - etwa am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin oder am Oldenburgischen Staatstheater. Dass Schauspielhäuser ausschließlich auf Klassiker oder Zeitgenössisches setzen, gibt es zumindest außerhalb von Großstädten eher selten, es kommt aber durchaus vor. Als Beispiel nennt Dagmar Schlingmann das Deutsche Theater Göttingen: "Dort gab es zumindest ein paar Jahre lang ein Programm ohne Klassiker. Inzwischen ist das - glaube ich - nicht mehr ganz so streng. Aber in Göttingen haben sie sehr, sehr viel mehr Stücke von heute als alte Stücke."

"Publikum fordert Stücke, die leichter zu verstehen sind"

Obwohl an vielen Theatern die klassischen Stoffe also weiterhin ihren Platz behaupten, beobachtet die Braunschweiger Theaterleiterin in der deutschen Bühnenlandschaft seit einigen Jahren sehr wohl eine schleichende Tendenz hin zu deutlich mehr neueren Werken. "Das liegt auch daran, dass das Publikum Stücke fordert, die leichter zu verstehen sind und mal eine kleine Geschichte erzählen", sagt Dagmar Schlingmann. "Da hat sich etwas verschoben. Es gibt schon Theater, die sehr wenige Klassiker spielen."

Deutlich unbeweglicher zeigt sich im Gegensatz zum Sprechtheater das Musiktheater. Auf den Orchester- und Opern-Spielplänen in Norddeutschland dominieren nach wie vor die großen, klassischen Werke. Auch am Staatstheater Braunschweig, einem Fünf-Sparten-Haus, stehen Verdi, Beethoven und Puccini hoch in der Gunst des Publikums. "Da ist die Neugier auf Stücke, die noch nicht so bekannt sind oder auf Zeitgenössisches nicht so groß, wie wir uns das wünschen würden", meint Dagmar Schlingmann. "Natürlich müssen wir die Leute auch mit den Titeln, die sie lieben, ins Theater locken. Aber wir sind auch da ziemlich mutig und haben einen Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik. Ich bin ganz sicher, dass sich auch dort was verschieben wird."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 26.08.2019 | 07:20 Uhr