Stand: 01.07.2019 10:16 Uhr

Ihre Meinung: Wie viel Denkmalschutz brauchen wir?

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Das barocke Schloss Bothmer in Mecklenburg-Vorpommern ist vor wenigen Jahren aufwendig renoviert worden.

Welche Häuser, Scheunen, Jahrhunderte alte Schlösser und Kirchen sind für den Denkmalschutz relevant - und welche nicht? Sollen Schiffe und technische Bauten dazu zählen? Wie viel Denkmalschutz braucht unsere Gesellschaft? Hier sind einige Ihrer Zuschriften zum Thema:

  • Monika Thiele, Bremen

    Natürlich gilt es, Denkmäler zu erhalten und zu schützten. Mich hat aber nachdenklich gemacht, dass für ein Schiff, die Gorch Fock 128,5 Millionen Euro ausgegeben werden, während für einen nachhaltigen Naturschutz (Natur als Denkmal) deutlich weniger aufgewendet wird.
    Der bekannte Vogelkundler Prof. Peter Berthold macht in seinem Buch "Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können" deutlich, dass man auch schon Vögel, die auf der roten Liste stehen, durch eine Initiative "Jeder Gemeinde ihr Biotop" innerhalb von etwa 15 Jahren nicht nur vor dem Aussterben retten kann, sondern Populationen nachhaltig erhalten und vermehren kann. Er nennt dafür eine Summe von 1 Milliarde Euro. Damit könnte man 3000 Biotope finanzieren. Das ist nicht viel, ist doch innerhalb weniger Tage für die Kirche Notre Dame ein Betrag von mehr als 800 Millionen Euro zusammengekommen. Es geht ja dabei nicht nur um Vögel, sondern auch um Insekten. Auch die sind zu schützen, wenn die Bauern nicht auf die Bäume wollen wie in China.

  • Jakob Kayser, Schönfeld

    Zunächst möchte ich Ihnen danken, dass Sie dieses Thema aufgegriffen und die Debatte angestoßen haben, denn aus meiner Sicht ist eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema längst überfällig. Denn zum einen kommt der Denkmalschutz in der Öffentlichkeit und bei Denkmal-Eigentümer oft nicht gut weg, zum anderen wird sie durch politische Maßnahmen (oder unterlassene Maßnahmen) zunehmend unwirksam. Beides hängt eng zusammen und beruht auf einer Vielzahl von gegenseitigen Missverständnissen.
    Ich bin freier Bau- und Kunsthistoriker und Bauforscher und untersuche als solcher historische Bauwerke auf ihre Geschichte. Diese Informationen bilden eine der Grundlagen für die Festlegung, was konkret an einem Bauwerk schützenswert ist. Denn Denkmalschutz beschränkt sich nicht auf die "Wiederherstellung" einer hübschen Fassade, sondern unsere gebaute Umwelt erzählt von den Lebensverhältnissen seiner Erbauer und späterer Nutzer. [...]
    Ein historisches Gebäude ist wie ein aufgeschlagenes Buch oder eine Urkunde im Archiv - man kann aus ihm eine Menge "herauslesen", je nachdem, welche Frage man stellt und welche Methoden man anwendet. Da spätere Generationen andere Fragen stellen und bessere Methoden zur Verfügung haben, ist es fair, ihnen auch diese "Urkunden" möglichst unverfälscht zu hinterlassen und ihnen die Möglichkeit zu geben, eigene Fragen zu stellen. [...]
    Manchmal sagt ein Grundriss oder ein kleiner Rest einer älteren Wand mehr über den Denkmalwert eines Gebäudes, als seine Fassade oder die Farbigkeit seiner Fenster. Auf letzteres ist das Bild der Denkmalpflege in der Öffentlichkeit aber allzu oft beschränkt. Eine der Ursachen dafür ist die oft fehlende oder mangelhafte Vermittlung von Zweck, Zielen und Nutzen der Denkmalpflege gegenüber Eigentümern und der Öffentlichkeit. Dies hängt eng mit der immer weiter ausgedünnten Personaldecke in den Institutionen (Obere und Untere Denkmalschutzbehörden) zusammen, die oft schon aus Zeitmangel dazu nicht in der Lage sind. [...]
    Selbstverständlich müssen und dürfen denkmalgeschützte Bauwerke heutigen Nutzungsanforderungen angepasst werden. Niemand erwartet von einem Denkmaleigentümer, ohne Bad und elektrischen Strom leben zu müssen. Doch für das Ausloten der notwendigen Kompromisse in jedem Einzelfall, für das gemeinsame Suchen von Eigentümern und Behörden nach unkonventionellen und kreativen Lösungen, für das Erklären und Verstehen der Argumente, Wünsche und Zwänge der jeweils anderen Seite fehlt oft die Zeit, die Bereitschaft oder das Hintergrundwissen. [...]

  • Andre Scharmer, Bremen

    Der Denkmalschutz sollte weiter ausgebaut und reformiert werden. Gerade in Zeiten, in denen Investoren, aber auch die Städte und Gemeinden mit Immobilien, Grundstücken und Bauvorhaben sehr viel Geld verdienen können, wird der Denkmalschutz zu oft missachtet oder falsch angewendet. Aktuelles Beispiel ist der geplante Abriss der Villa Gross, besser bekannt als das Bremer Medienhaus [...]. Die imposante Villa wurde 1911 als Wohnhaus des Arztes Prof. Dr. Gross gebaut und bis 2018 als Sitz verschiedener Unternehmen aus der Medienbranche genutzt. Das Gebäude ist über die Stadtgrenzen bekannt und beliebt.
    Nun möchte ein privater Investor das historische Gebäude abreißen, um dort einen Komplex mit Wohnungen zu errichten. Die Villa wurde laut Bremer Denkmalschutzbehörde nicht unter Denkmalschutz gestellt, da zu viele gravierende Veränderungen im Inneren stattgefunden haben. Der Stadtteil Schwachhausen ist geprägt von Villen, großen Grundstücken und viel Grün und gerade deshalb sehr beliebt.
    Mit dem Verlust des Medienhauses wird das harmonische Straßenbild und der Charakter der Umgebung nachhaltig zerstört. Diese Tatsache sowie die historische Bedeutung des Gebäudes und seines Erbauers für Bremen werden beim Denkmalschutz komplett außer Acht gelassen.
    Hier sollten die Kriterien der Unterschutzstellung grundlegend reformiert werden. Es gibt Proteste, Petitionen und es gab Interventionen der Behörden gegen den Abriss, doch die juristische Ausgangslage lässt keine Hoffnung. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Gesellschaft, insbesondere der Gesetzgeber muss sensibler mit historischer Bausubstanz umgehen und eine renditeträchtige Nutzung unter Erhalt der bestehenden Gebäude fördern. Es gibt schon genug monotone, unbezahlbare weiße Schuhkartonwürfel in unseren Städten.

  • Hanna Leinemann, Kiel

    Das individuelle Leben auf dieser Welt besteht aus Entstehen und Vergehen, um überzugehen in das nächste Entstehen. Etwas auf Ewigkeit zu erhalten, ist genauso widersinnig wie die Zerstörung durch Wut, Hetze, Mord und Totschlag, sprich: Krieg. Ein Denkmal soll ein Mal, ein Zeichen sein, um nachzudenken, aber nicht, um mit eingebildetem Absolutheitsanspruch zu herrschen. Menschengemachtes (Bauten, Bilder, Musik, Sprache, Schrift = Ausdrucksweisen der Gedanken) kann, muss aber kein Denkmal sein. Das Kräftespiel des Universums, aus dem unser Leben erst entstand, aber muss in all seiner Vielschichtigkeit ein Denkmal sein.

  • Uwe Lembcke, Nordwestmecklenburg

    Denkmalschutz ist Kulturschutz. Denkmalschutz ist so ähnlich wie der Gesundheitsschutz. Beides betrifft die Genesung der Seele. Ich fürchte mich vor der Zerstörung und der Leugnung vergangener Kulturgüter - egal welcher Art. Kulturgüter verkörpern Heimat, Geborgenheit, Harmonie oder auch Identität - eben genau das, was die Suche und die Sehnsucht der meisten Menschen ausmacht.
    Wir brauchen mehr Aufklärung zum Kulturschutz, insbesondere in unseren Schulen. Diese Aufklärung kann sein ein Konstrukt aus Geschichte und Kunst. Den Kindern wird es gut tun, wenn sie erfahren, dass ihre Vorfahren Leistungen vollbracht haben, auf denen das heutige Können, das Denken und Handeln basiert. Sie sollen erfahren, dass die Dinge dieser Welt, alle im Zusammenhang stehen. Auch sollte der Begriff Heimat in diesem Zusammenhang nicht zu kurz kommen.

  • Roland Sievers, Alfeld (Leine)

    In meiner Heimatstadt Alfeld spielt Denkmalschutz leider eine nachrangige Rolle. Es ist unfassbar für mich, wie zum Teil mit historischen Gebäuden oder Gebäuderesten in Alfeld umgegangen wird. So wurden beispielsweise in den letzten Jahren in der Holzer Straße ein Bürgerhaus aus den 1480er-Jahren und eines aus den 1530er-Jahren nach jahrelanger Verwahrlosung abgerissen. An seiner Stelle befindet sich jetzt ein "Pocketpark", was immer das sein mag.
    Ein weiteres Bürgerhaus aus dem frühen 17. Jahrhundert wurde nach einem ominösen Brand zugunsten eines Parkplatzes beseitigt. Das "Alte Dorf", die Ursprungssiedlung meiner Stadt, ein Bodendenkmal aus dem frühen Mittelalter, wurde zugunsten eines Altersheims im stalinistischen Zuckerbäckerstil offenbar ohne jede archäologische Untersuchung weggebaggert. Die Zeitung berichtete von ein paar "Betonresten" die man gefunden und beseitigt habe. Dabei dürfte es sich um die Grundmauern der mittelalterlichen St.Georgskirche gehandelt haben. [...] Der letzte erhaltene Adelshof der Stadt aus dem späten 17.Jahrhundert wurde unter erheblicher Umgestaltung von Dach und Fassade regelrecht bis zur Unkenntlichkeit kaputtsaniert. Das alles mit Billigung und Genehmigung der unteren Denkmalbehörde.

  • Wolfgang Zimmermann, Hamburg

    Denkmalschutz kann dazu dienen, die Monumente früherer Macht und ihrer Selbstdarstellung erhalten. Solche Denkmale gibt es ausreichend, und eher zu viele. Zu wenige Denkmale gibt es für den Fleiß der dennoch Gescheiterten, etwa für den Fleiß der "kleinen Leute" und ihrer gescheiterten Organisationen. Zum Beispiel: Wo sind die Denkmale der GEG, der Produktion, der Neuen Heimat, der Bank für Gemeinwirtschaft? Möglicherweise gibt es sie, (ja, es gibt ein Genossenschaftsmuseum, sogar in Hamburg), aber in der öffentlichen Sichtbarkeit kommen Denkmale für den Fleiß der dennoch Gescheiterten zu selten zur Geltung.

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