Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen sind bei einem Konzert in der Elbphilharmonie nur wenige Zuschauer. © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken

Förderung der Kultur - Reicht das um die Kultur zu retten?

Stand: 24.10.2020 06:00 Uhr

Gefördert wurden Teile der Kultur schon immer, doch durch die Corona-Pandemie ist der Förderbedarf mittlerweile in allen Bereichen groß. Wie lange funktioniert das noch?

von Susanne Birkner

"Gerade aus Kunst und Kultur entsteht ganz viel Wissen, Bildung und Wertschätzung. Und da ist der Staat auch verpflichtet dazu beizutragen", meint Marion Schael, die Vorsitzende des Landeskulturrats Mecklenburg-Vorpommern, der das zuständige Ministerium berät. Aber: "Ich finde, Kultur kann man auch nicht nur mit Förderung übergießen. Natürlich müssen wir Kunst- und Kulturschaffenden auch Gedanken machen über Wirtschaftlichkeit und gesunde, solide Füße, auf denen man steht."

Unfaire Verteilung der Fördergelder

Ein Dilemma. Denn: Wirtschaftlichkeit ist in der aktuellen Lage schwierig. Stephan Thanscheidt, der Geschäftsführer von FKP Scorpio, kritisiert das Corona-Fördersystem. "Dass diverse Häuser, die das Jahr über sowieso schon sehr, sehr stark subventioniert werden, auch in der Krise doppelt und dreifach subventioniert werden, und die Privatwirtschaft hintenansteht, ist in den Augen vieler nicht fair", erklärt er.

Bis auf das Kurzarbeitergeld hat der große Hamburger Konzertveranstalter, der auch viele Festivals wie das Hurricane stemmt, noch keine Hilfen vom Staat in Anspruch genommen. Kein Förderprogramm passte. "Die Live-Branche kannte niemand, weil wir nie Hilfe brauchten", berichtet er. "Wir haben uns auch zu Zeiten diverser Wirtschaftskrisen immer selbst geholfen. Wir waren immer kreativ und haben diese Unabhängigkeit ja auch ein Stück weit geliebt", so Thanscheidt.

Kulturförderung wird nachgebessert

Ein Problem, das auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda sieht. "Wir müssen, das ist die größte Neuaufstellung, nicht nur in den Bereichen helfen, in denen wir schon vor der Krise auf dem Platz waren und in denen es vergleichsweise einfach war, die Fördersätze zu erhöhen", so Brosda. "Wir müssen auch gucken, wie wir eigentlich denen helfen, die normalerweise klarkommen, ohne dass es eine kulturelle Förderung braucht. Und das ist schon der Bereich, in dem wir immer noch nicht fertig sind, ehrlicherweise." Aber: man ist im Gespräch. Und man ist sich näher gekommen in dieser Krise.

Die Bühne des Hurricane virtuell 2020 in Scheeßel.  Foto: Benjamin Hüllenkremer
Das vom Konzertveranstalter FKP Scorpio organisierte Hurricane Festival konnte 2020 nur virtuell stattfinden.

Ständig wird die Kulturförderung nachgebessert, auch in Niedersachsen. Hannah Jacob vom niedersächsischen Landesverband freier Theater lobt, dass es jetzt im Herbst in Niedersachsen endlich ein passendes Förderprogramm für die freie Kultur gibt, mit dem Honorarkosten für Künstlerinnen, Künstler, und auch Technikerinnen und Techniker beantragt werden können. "Das soll die Szene stärken, vitalisieren und vor allem den Soloselbständigen zugute kommen, die ja in Niedersachsen ansonsten ALG2, die Grundsicherung, beantragen konnten, wenn sie nicht laufende Betriebskosten haben", erläutert sie.

Reicht das Geld, um die Kultur zu retten?

Neun Milliarden für die Lufthansa - und die Kultur? Das ist ein viel gehörtes Argument. Ja, sagt Carsten Brosda - aber immerhin eine Milliarde vom Bund für den "Neustart Kultur", und allein in Hamburg nochmal 90 Millionen zusätzlich zum normalen Kulturhaushalt. Man müsse bei aller berechtigter Kritik an bürokratischer Behäbigkeit anerkennen, dass diesmal besser als in den vorigen Krisen die Kultur früh mit in den Blick genommen worden sei. "Normalerweise war es immer so, dass man die Wirtschaftsprogramme aufgelegt hat und dann musste man die Kultur hinten reinfummeln, weil die ein paar Besonderheiten hat, die nicht von Anfang an berücksichtigt worden sind. Das war diesmal erfreulicherweise etwas anders und etwas konzentrierter", meint er.

Carsten Brosda © dpa Foto: Maja Hitij
Carsten Brosda hofft, dass die Kulturbetriebe nach der Corona-Pandemie wieder schnell an die gute Zeit davor anknüpfen können.

Aber wird es reichen, um die Kultur zu retten? Die Prognose des Hamburger Kultursenators: "Wir kommen gut ins nächste Jahr, wir kommen auch noch durchs nächste Jahr, wir schaffen sicherlich auch noch im übernächsten Jahr zu helfen, wenn wir durch die Krise einen Niveauversatz haben, dass die Leute am Tag 1 danach nicht wieder genauso ins Konzert gehen wie das vor der Krise der Fall war", sagt Brosda. "Aber wir müssen schon gucken, wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dass wir im kommenden Jahr einen Impfstoff haben, dass wir es dann auch im Laufe der nächsten zwei Jahre schaffen, an die sehr gute und reichhaltige Entwicklung anzuknüpfen, die wir vorher hatten", ergänzt er.

Der Konzertveranstalter FKP Scorpio hat aus dem Neustart Kultur-Paket jetzt auch Hilfen beantragt. Förderung - die muss in Corona-Zeiten in alle Richtungen verteilt werden. "Denn ansonsten sollte es, wenn es in der ersten Jahreshälfte noch nichts wieder geben wird und erst so ganz langsam im Herbst wieder losgeht, einen echten Kahlschlag in der Live-Landschaft und der Kulturlandschaft generell in Deutschland geben", vermutet Stephan Thanscheidt. Dass sich das Publikum bis dahin von Kultur entwöhnen könnte, daran glaubt der Konzertveranstalter nicht: "Die jungen Menschen werden uns, sobald wir die Türen auf machen, die Bude einrennen, wie Hunde, die lange angekettet waren und jetzt von der Leine gelassen werden."

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