Stand: 03.09.2020 05:00 Uhr

"Literatur und Kulturorte müssen offene Orte sein"

Ein Schlagwort erobert die Debatten: "Cancel Culture" - die Kultur des Absagens. Gemeint ist damit, dass politisch scheinbar oder tatsächlich unliebsame Auftritte, Texte, Filme, lieber abgesagt werden, als dass Veranstalter und Publikum andere Meinungen diskutieren und gelten lassen. So hatte es Anfang August viel Wirbel um einen Auftritt der Kabarettistin Lisa Eckhart beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg gegeben. Der Veranstalter hatte sie erst ausgeladen, ruderte dann zurück und lud sie wieder ein - doch daraufhin wollte Eckhart nicht mehr kommen. Und eine aufgeregte Diskussion um "Cancel Culture" entbrannte. Seither ist Lisa Eckharts erster Roman "Omama" erscheinen, den sie am Donnerstag bei einer Lesung im Literaturhaus Hamburg vorstellen wird. Die Aufmerksamkeit für diese Lesung ist groß. Ein Gespräch mit dem Leiter des Literaturhauses, Rainer Moritz, über die Veranstaltung und die "Cancel Culture".

Herr Moritz, ist Ihnen die ganze Aufmerksamkeit womöglich sogar recht?Aufmerksamkeit wünscht sich doch jeder Kultur-Veranstalter ...

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg. © Gunter Glücklich 2013_2 Foto: Gunter Glücklich
Der Chef des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, warnt vor einer zunehmenden Intoleranz.

Rainer Moritz: Ich hatte mich sehr früh mit dem Text beschäftigt, kannte Lisa Eckhart auch als Kabarettistin, habe sie aber wegen des Romans "Omama" eingeladen. Ich glaube, das muss man ganz klar unterscheiden. Wir wollen diesen Roman vorstellen, den ich für einen sehr originellen Dorf- und Familienroman halte. Das Interesse für unsere Veranstaltung ist jetzt natürlich überbordend. Wir haben zum Glück von Lisa Eckhart die Genehmigung bekommen, die Veranstaltung zu streamen.

Das heißt, Menschen, die die wenigen Tickets nicht ergattert haben, können sich jetzt für wenige Euro zuschalten, können die Lesung zu Hause vom Sessel aus verfolgen, sodass eben nicht nur 40 Menschen im Literaturhaus sich das ansehen werden. Aber ich warne alle schon jetzt: Wir werden fast ausschließlich über den Roman sprechen! Man hat ja unglaublich merkwürdig auf ihre Kabarett-Darbietungen, auf ihre satirischen Auftritte reagiert. Das war ein ganz merkwürdiges Verfahren, wie man sie aus- und wieder eingeladen hatte. Ich kann sie sehr gut verstehen, dass sie am Ende gesagt hat, sie wolle in keiner Form an diesem Festival teilnehmen.

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Was denken Sie - wann wäre es nötig, dass sich die Kulturveranstalter selbst beschränken, etwas nicht tun oder jemanden nicht einladen?

Moritz: Sie sollten das sehr gut und sehr lange überlegen. Kultur und Literatur im Speziellen lebt davon, dass sie sich nicht festlegen lässt. Natürlich will niemand jemandem eine Bühne gehen, der offensichtlich etwas Verfassungsfeindliches äußert. Aber ich finde, ein Kulturveranstalter muss viel aushalten. Er darf Meinungen haben, aber sollte nicht von Anfang an davon ausgehen, dass die eigene Meinung die letztgültige Meinung ist. Ich habe den Verdacht, seit einigen Monaten oder vielleicht sogar Jahren, dass man auch im Kulturbereich weniger an abweichenden Meinungen zulässt. Dass man versucht, Autorinnen und Autoren aus dem Literaturbetrieb auszugrenzen.

Sie können das auf vielen Feldern verfolgen: Wenn plötzlich Literaturgeschichte umgeschrieben werden soll, wenn bestimmte Ausdrücke aus alten Kinderbüchern gestrichen werden sollen, wenn man gar nicht mehr akzeptiert, dass das ein historischer Text ist. Ein Beispiel: Uwe Tellkamp hat damals den Deutschen Buchpreis gewonnen für seinen Roman "Der Turm". In den letzten zwei, drei Jahren hat sich dieser Autor durch eigenwillige Äußerungen im politischen Umfeld hervorgetan.

Natürlich werden wir Uwe Tellkamp ins Literaturhaus Hamburg einladen! Wenn er einen Roman geschrieben hat, der uns als Roman überzeugt, dann interessiert mich nicht in erster Linie, was der Staatsbürger Tellkamp denkt, solange er auf dem Boden der Verfassung steht. Dann darf er natürlich bei uns lesen. Und genau das scheint mir nicht mehr überall selbstverständlich zu sein.

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Es gibt da diese Haltung: "Wir verstehen die Welt so gut, wie sie noch niemand anderes vor uns verstanden hat." Man sollte gelegentlich berücksichtigen, dass Menschen in 50 Jahren vielleicht über unsere heutigen Standpunkte ähnlich denken und sagen, "da müssen wir ja was rausschneiden". Literatur und Kulturorte müssen offene Orte seien. Sie müssen ganz unterschiedliche Meinungen zulassen, sonst sind wir verloren.

Es gibt kritische Stimmen, die sagen: Der Ausdruck sei Quatsch, "Cancel Culture" sei nur ein Schlagwort . Was meinen Sie, gibt es diese "Kultur der Absagen" womöglich nicht?

Moritz: Also direkte Auftrittsverbote sehe ich an sehr wenigen Stellen. Es gibt Störungen, es gibt Intoleranz, vor allem natürlich im Netz. Und es gibt bestimmte Denkverbote, bestimmte Haltungen, die sagen: "Das ist falsch, das darf nicht gesagt werden." Ob ich gendern muss, ob ich jedes Wort auf seine rassistischen Untertöne untersuchen muss - ich glaube, da sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Da müssen wir tolerant sein.

Natürlich müssen wir auch darauf achten, wo beispielsweise Sprache in der Vergangenheit Dinge etwas gedankenverloren transportiert hat. Aber ich warne davor, in vorauseilendem Eifer, in vorauseilendem Gehorsam, sofort immer von der eigenen Überzeugung auszugehen und Abweichendes nicht mehr zuzulassen. Das gilt auch für die großen politischen, gesellschaftlichen Diskussionen in unserem Lande. Eine Tendenz zu solchen Scheren im Kopf sehe ich allemal.

Das Gespräch führte NDR Kultur Redakteur Guido Pauling.

 

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