Stand: 10.09.2018 06:37 Uhr

Gehören Beleidigungen heute zum "guten Ton"?

von Jonas Kühlberg

Viele Menschen stellen sich die Frage, ob der Umgangston in unserer Gesellschaft rauer geworden ist als früher. Inwieweit gehören Beleidigungen, Bedrohungen oder Beschimpfungen eigentlich inzwischen zum Alltag? Wissenschaftler an der Technischen Universität in Dresden versuchen, Antworten zu finden.

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Anonyme Schmähungen sind auf dem Vormarsch.

Wer andere öffentlich beleidigt - so scheint es -, dem ist Aufmerksamkeit sicher. Auf Pegida-Demos in Dresden wünschen sich sogenannte besorgte Bürger Spitzenpolitiker an den Galgen. Darüber hinaus ist mit dem Einzug einer rechtspopulistischen Partei in den Deutschen Bundestag ein neuer Ton eingezogen. Ob in der Politik, auf Demos oder im Internet: Beleidigungen gehören heute zum Alltag.

"Es sollen die Grenzen des Sagbaren verschoben werden", sagt der Berliner Philosoph und Lyriker Jan Skudlarek. Er hat sich bei den Recherchen für sein Buch "Der Aufstieg des Mittelfingers" genauer mit der Frage beschäftigt, ob die Beleidigung heute wieder zum guten Ton gehört.

Besonders rauer Ton im Internet

Besonders deutlich werden Beleidigungen im Internet. Kommentare wie "Idiot", "wie hässlich du bist" und "du bist der größte Dreck" gehören noch zu den harmloseren Kommentaren, die bei Facebook, Twitter und Co. verbreitet werden. Der Ton in den sozialen Netzwerken ist zum Teil so beleidigend, dass es einem die Sprache verschlage, sagt Skudlarek. "Gerade wenn man viel Zeit in Kommentarspalten verbringt, kommt es einem so vor, als würden alle Menschen verrohen. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall ist."

Vielmehr glaubt er, "dass sich insbesondere Leute ausdrücken, die roh sein wollen. Dass aggressive Menschen einen guten Kanal finden und frustrierte und aggressive Menschen dort einfach ihre Wut kanalisieren."

Ein junges Paar brüllt sich an. © dpa picture alliance

Gehören Beleidigungen heute zum "guten Ton"?

NDR Info - Kultur -

In politischen Auseinandersetzungen sowie in vielen Online- und Social-Media-Kommentaren ist der Umgangston rau bis hart. Verändert sich die Kultur der Auseinandersetzung?

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Schmähungen und Beleidigungen als Forschungsobjekt

So komme es vielen in den sozialen Netzwerken hauptsächlich aufs eigene Posting an. An Resonanz und Dialog seien die meisten nicht interessiert. Forscher an der Technischen Universität in Dresden wollen das Phänomen "Schmähungen" und "Beleidigungen" nun genauer unter die Lupe nehmen. In einem groß angelegten Forschungsprojekt stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft dafür 7,5 Millionen Euro zur Verfügung. Unterschiedliche Fakultäten arbeiten hier für vier Jahre zusammen.

Sprecher der Forschergruppe ist der Dresdner Geschichtsprofessor Gerd Schwerhoff. "Wir wollen aus dem Vergleich unterschiedlicher Bereiche systematisch Formen, Funktionen und Folgen von Schmähungen und Herabsetzungen herausarbeiten, um zum Schluss vielleicht so etwas wie eine Theorie zu entwickeln", sagt Schwerhoff.

Phänomen in der Politik altbekannt

Das Phänomen der Beleidigung ist kein neues: Es existiert bei Jugendlichen, in Familien - und nicht zuletzt in der Politik: Ob reich oder arm, alt oder jung - das Phänomen der Schmähung und Beleidigung zieht sich durch alle sozialen Gruppen und Milieus. "Es wird oft behauptet, dass es gerade ein Phänomen des einfachen Volkes ist, der einfachen Leute. Wir sehen, dass Eliten untereinander sich auf eine Weise geschmäht haben, etwa die Humanisten der Renaissance, die wir heute als sehr vulgär und vollkommen unzivilisiert empfinden würden", erklärt Schwerhoff.

Moderne Erfindungen spielen besondere Rolle

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Ausschnitt aus einer Satire, die sich 1529 gegen Martin Luther und die Reformation richtete.

Gerade die Erfindung des modernen Buchdrucks hat hier eine besondere Rolle gespielt, sagen die Wissenschaftler der TU Dresden. Aber auch andere medientechnische Revolutionen haben neue Formen der Schmähung eröffnet und die Art der Beleidigungen verändert. Martin Luther konnte erst durch die Erfindung des Buchdrucks der bekannteste Schmähredner des 16. Jahrhunderts werden. Die Veröffentlichung von Herabsetzungen fällt Menschen anscheinend leichter, als sie persönlich auszusprechen. "Literaten, Künstler, auch Bildende Künstler und Maler haben symbolische Herabsetzungen immer benutzt, um Gegner zu bekämpfen. Die Maler schon früherer Jahrhunderte haben subtile oder auch weniger subtile Schmähungen eingesetzt."

Stilmittel der Kultur, besonders im Theater

Die Schmähung ist Teil und Stilmittel der Kultur: im Theater wie bei der Publikumsbeschimpfung. Oder auch in der Karikatur - und als besondere Form in der Satire. "Nach Kurt Tucholsky kann man verkürzt sagen: Satire will die Welt besser machen. Die Herabsetzung ist sozusagen nur dann legitim, wenn sie auch diesen höheren moralischen Zweck erfüllt. Inwieweit das tatsächlich dann der Fall ist, ist hoch umstritten", erklärt Gerd Schwerhoff.

Beispiel Schmähgedicht von Böhmermann

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Das Schmähgedicht des Moderators Jan Böhmermann löste eine Staatsaffäre aus.

Besonders sichtbar wird das beim Schmähgedicht von Jan Böhmermann, der mit seiner Satire gegen den türkischen Präsidenten Erdogan eine Staatsaffäre auslöste. Schwerhoff sagt: "Das ist eine der zentralen Ausgangsthesen unserer Forschungsprojekte: Dass die Frage, ob etwas eine Schmähung ist, ob etwas herabsetzend ist, nicht im Gebrauch bestimmter Worte liegt, nicht in der Intention des Sprechers liegt, sondern vor allen Dingen eine Frage der Reaktion darauf ist. Fühlt sich jemand beleidigt, wie sieht die Anschlusskommunikation aus, wie reagiert das Publikum?"

Anders als in der Kultur und in den großen politischen Debatten der "Alten Bundesrepublik" habe das Thema Schmähungen und Beleidigungen aber eine neue Qualität, so Geschichtsprofessor Schwerhoff. Er argumentiert, die "hohe Aufmerksamkeit" lade dazu ein, sich "über solche Wege bemerkbar zu machen." Die erhöhte Sprachsensibilität ziehe das Verlangen nach verstärktem Tabubruch nach sich.

Aufruf zu mehr Gelassenheit und Reflektion

Was können wir nun tun? Philosoph Jan Skudlarek rät zu ein bisschen mehr Gelassenheit und Reflexion. "Wir müssen uns bestenfalls Gedanken darüber machen, dass wir nicht mit Automaten kommunizieren, sondern mit anderen Menschen. Und uns selber fragen: 'Wie würde ich mich fühlen, würde ich die Nachricht, die ich gerade schicke, selber bekommen wollen?' Das wäre eine sinnvolle Frage."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 10.09.2018 | 06:55 Uhr