Stand: 26.02.2020 14:34 Uhr  - NDR Info

Verzichten fürs Klima - auch in der Kultur

von Peter Helling

Ob ab Aschermittwoch oder während des Ramadan, für religiöse Menschen ist Verzicht ein ganz normaler Teil des Lebens. Verzicht klingt in den meisten Ohren aber nach "Gürtel-enger-schnallen", nach Einschränkung, nach trocken Brot. Verzicht kann aber auch heißen: ein Wettbewerb der klügsten Ideen, gerade in Zeiten des Klimawandels. Zwei Kultureinrichtungen in Hamburg - die Elbphilharmonie und die Kulturfabrik Kampnagel - denken gerade um.

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Das NDR Orchester spielt im Novemer 2019 Vivaldis "Vier Jahreszeiten" - auf Basis von Klimadaten allerdings anders als gewohnt.

Das Projekt "For Seasons" von Dirigent Alan Gilbert und dem NDR Elbphilharmonie Orchester mag im ersten Moment wie ein Unfall klingen - ist es aber nicht. Vivaldis Klassik-Ohrwurm "Vier Jahreszeiten" wurde im vergangenen November mithilfe der Klimadaten der letzten 200 Jahre geschreddert - ja, entstellt. Ein Algorithmus der auf wissenschaftlichen Daten von Forschungsinstituten, Umweltagenturen und Universitäten basiert, wurde auf die Originalpartitur von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" übertragen. Das Projekt sei eine Metapher für die Veränderung, in der wir uns befinden - einer massiven Klimakrise, sagt Gilbert. Auch abseits der großen Bühne wollten er und sein Orchester reagieren. Zum Beispiel mit weniger Flügen. Verzicht heiße aber nicht: zurück zur Steinzeit. "Die Hauptsache ist doch, dass es nicht perfekt sein muss. Wir werden ja nicht anfangen, in Höhlen zu leben, keine Kleidung mehr zu kaufen oder die Handys nicht mehr zu benutzen," sagt Dirigent Gilbert. "Aber als Individuen können wir etwas bewegen: weniger Fleisch, weniger Flüge, Fahrrad statt Auto. Als Orchester können wir den Zug nehmen, anstatt zu fliegen. Und das machen wir." Längere Anfahrtszeiten nähmen sie in Kauf. Verzicht scheint das Gebot der Stunde.

Die Bahn ist das Fortbewegungsmittel der Wahl

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Dirigent Alan Gilbert und das Orchester fahren immer häufiger mit dem Zug zu Auftritten.

Verzicht fordern viele ein. Nur "sexy" ist er nicht. Kartoffeln statt Avocado-Dip? Fahrrad statt SUV? Zug statt Billigflieger? Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. "Wenn man an den Flughafen geht und fragt: 'Wie sind die Flugzahlen?', heißt es: 'Sie sind gestiegen - in Hamburg, in London, in New York", warnt Amelie Deuflhard, Intendantin der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg. Darauf angesprochen, was sie und ihr Team konkret gegen den Klimawandel täten, bekennt sie ganz ehrlich: "Wir tun viel und wenig zugleich, so wie wahrscheinlich die meisten." Gerade bei den Flugreisen. Schließlich müssten sie und ihr Team regelmäßig um die halbe Welt fliegen, um interessante Künstlergruppen zu finden und nach Hamburg einzuladen. Immerhin würden sie umdenken: "Wir machen keine Flugreisen mehr innerhalb Deutschlands, außer bei extremster Termin-Enge. Normalerweise fahren wir innerhalb Deutschlands und auch in nahe europäische Städte mit dem Zug, wenn es irgendwie geht." Dirigent Gilbert geht beim CO2-Fußabdruck sogar noch weiter. "Ich rede mit meinen Kollegen und Freunden darüber, eine Allianz von Dirigenten und Solisten zu gründen, die sich dem Klima verpflichtet fühlen und einen Prozentsatz ihrer Einnahmen spenden, um unseren CO2-Abdruck auszugleichen."

Das Theater der Zukunft ist klimaneutral

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Auch Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard steigt zunehmend häufiger in den Zug statt in den Flieger.

Amelie Deuflhards Kampnagel-Kulturfabrik wird demnächst für viel Geld komplett saniert. Hier stecke die große Chance, schon im Prozess zum Modell für klimafreundliches Bauen zu werden. Hin zu einem komplett klimaneutralen Theater? "Ob man das dann komplett schafft oder nicht, lass ich jetzt erstmal offen", sagt Deuflhard. Aber es gebe die Überlegung, ob das Gebäude mittels passiv-solarer Energien nicht mehr ganz so viel beheizt werden müsse. "Was dann heißt: mehr Transparenz schaffen. Die ganzen schwarzen Scheiben aufmachen, damit das Tageslicht den ganzen Tag rein kann und damit auch die Wärme." Statt Klimaanlagen: kluge Belüftung. Kampnagel wird also neu gedacht. Auch mit Verzicht, schon im ganz Kleinen: "Einweg-Plastik ist total zu vermeiden und selbst unsere Gastkünstlerinnen bekommen inzwischen Kampnagel-Flaschen für Wasser, die dann immer beim Container stehen."

Mehr Absprachen und bessere Planung

Was der Intendantin aber besonders wichtig ist: eine ganz neue Planung des eigenen - internationalen - Spielplans: "Wenn wir Gruppen aus anderen Kontinenten einladen, wollen wir keine Einzel-Auftritte mehr buchen. Sondern wollen dann sagen, wir machen eine Tour innerhalb Europas. Und wenn die noch nicht organisiert ist, organisieren wir sie gegebenenfalls selbst." Es gehe also um bessere Logistik, bessere Absprachen. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, sagt Deuflhard: "Dass die Gastspiele günstiger werden, weil man die Interkontinentalflüge mit Partner-Institutionen teilen kann."

Sowohl Amelie Deuflhard als auch Alan Gilbert setzen auf einen Vorbild-Effekt. Verzicht als neuer Kulturbegriff: Wieso nicht? Auf Kultur an sich werde man in Zukunft nicht verzichten müssen - wohl aber auf den allzu bequemen Weg dorthin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 28.02.2020 | 06:00 Uhr