Die Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, im Porträt. © picture alliance/Annette Riedl/dpa Foto: Annette Riedl

Eine europäische Allianz der Kunstakademien

Stand: 09.10.2020 13:01 Uhr

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, lädt zu einer Allianz für die Autonomie der Kunst ein. Eine dreitägige Konferenz hat das Ziel, ein gemeinsames Manifest zu verabschieden.

von Oliver Kranz

Was unterscheidet Künstler von Seidenraupen? Das fragte der Schriftsteller Robert Menasse in seiner Eröffnungsrede und pflanzte dem Publikum geschickt, ohne es direkt auszusprechen, die Antwort in den Kopf: Sie dürften sich nicht in einen Kokon einspinnen:

Bei aller Einsamkeit, Isolation, die unsere Arbeit jedem einzelnen abverlangt, bei aller notwendigen Fixierung auf das eigene Werk, wir produzieren unsere Werke nicht so wie der Seidenwurm seine Seide spinnt, weil er nur das kann und sonst nichts - und eben dadurch bloß seine Natur bestätigt. Wir sind soziale und politische Wesen und wir haben eine entsprechende Aufgabe und Verantwortung und diese können wir nur wahrnehmen, wenn wir zusammen arbeiten, uns vernetzen, uns austauschen, die Stimme jedes einzelnen verstärken durch die Vielzahl unserer Stimmen. Robert Menasse

Solidarität unter den europäischen Kulturinstitutionen

Transnationale Solidarität sei das Gebot der Stunde, so Robert Menasse. Man dürfe nicht schweigen, wenn die Autonomie der Kunst in einigen Mitgliedsländern der Europäischen Union angetastet werde, man dürfe nicht schweigen zum Klimawandel, zum Nationalismus, zur sogenannten Flüchtlingskrise.

Wie groß war das Erstaunen, dass aus Ländern, an die Europa Waffen verkaufte, Menschen kommen, die vor diesen Waffen flüchteten. Und was hatte Europa? Werte - in jeder Sonntagsrede - aber von Montag bis Freitag keine gemeinsame Migrations- und Flüchtlingspolitik. Das hatten die Nationalstaaten durch mannigfache Vetos im europäischen Rat verhindert. Denn gewählt wird national und dann macht man eben Stimmen, wenn man verspricht, dass nicht zu viele Ausländer ins Land kommen, vor allem in Ländern, die keine EU-Außengrenze haben. Robert Menasse

Der österreichische Autor Robert Menasse, aufgenommen am Rande der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2017 im Römer. © picture alliance/Arne Dedert/dpa Foto: Arne Dedert
Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hielt die Eröffnungsrede der Konferenz.

Dass es eine Allianz der Kunstakademien bräuchte, daran ließen die Redner am Eröffnungsabend der Gründungskonferenz keinen Zweifel. Es gebe schließlich auch europäische Unternehmerverbände, Bauernverbände und sogar eine Allianz der europäischen Elektrohändler. Wer etwas erreichen möchte, schafft das in der Regel nicht im Alleingang - schon gar nicht in der Europäischen Union.

Kultur und Geschichte sind keine nationalen Erzählungen

Doch Europa ist nicht nur ein Wirtschaftsraum, sondern auch eine Wertegemeinschaft. Darauf wies Basil Kerski hin, der Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig:

Das Geniale an der Solidarność war: Sie hat nicht die Sprache der Interessen gesprochen, sie hat die Sprache der Werte gesprochen. Das hat sie so wirkungsvoll und sympathisch gemacht. Also in unserem Haus - wir sind ein Museum, eines der größten in Polen - als wir entstanden, gab es die Hoffnung, dass wir im Zusammenhang mit anderen Partnern, dem Jüdischen Museum in Warschau, dem Weltkriegsmuseum in Danzig, dem Schlesischen Museum in Kattowitz, sehr ähnlich erzählen über unser Schicksal, über unsere Region, aber offen für die Erfahrungen und die Kompetenz der anderen. Heute stehe ich, glaube ich, ziemlich einsam da. Basil Kerski

Der Direktor des Europäischen Zentrums für Solidarität, Basil Kerski, spricht auf einer Veranstaltung. © picture alliance / NurPhoto Foto: Michal Fludra
Als Vertreter des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig hat Basil Kerski an der Konferenz teilgenommen.

Denn die Direktoren der genannten Museen wurden alle ausgetauscht. Die polnische Regierung versucht, die Kulturinstitutionen nach und nach auf Linie zu bringen. "Polen zuerst" heißt die Devise. Kultur und Geschichte sollen nicht aus europäischer, sondern aus polnischer Sicht betrachtet werden. Und solche Tendenzen gibt es auch in anderen Ländern. Doch was können die europäischen Kunstakademien dagegen tun? Auch darüber waren sich die Redner des Eröffnungsabends einig: Geschlossenheit demonstrieren, aufklären, ein Stück weit auch aufrütteln. Der erste Schritt soll die Veröffentlichung eines gemeinsamen Manifests sein.

Die Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, im Porträt. © picture alliance/Annette Riedl/dpa Foto: Annette Riedl

AUDIO: Allianz der Akademien (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.10.2020 | 09:20 Uhr

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