Stand: 23.01.2018 16:28 Uhr

"Musik verändert das Gehirn von jedem Menschen"

Eckart Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin. In dieser Funktion hat er auch unter die Lupe genommen, worüber die NDR Kultur Redaktionen in dieser Woche schwerpunktmäßig sprechen wollen, nämlich, wie es um den Musikunterricht bestellt ist und was er bewirken kann.

Herr Altenmüller, lässt sich das auf einen Punkt bringen, was Musik bei jungen Menschen ausmacht?

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"Musik ist in der DNA von uns kodiert", sagt Eckart Altenmüller.

Eckart Altenmüller: Auf einen Punkt kann man das sicherlich nicht bringen, aber auf drei. Zunächst einmal ist Musik ein unglaublich wichtiger und reichhaltiger emotionaler Reiz, und es ist wichtig, dass unsere jungen Menschen eine Expertise im Fachwissen darüber erwerben, wie Musik wirkt und welche Wirkung Musik auch auf sie haben kann. Der zweite Punkt ist wichtig: Musik fördert alle möglichen kognitiven Fertigkeiten, insbesondere Sprachverständnis, Sprachfertigkeiten. Und der dritte Punkt ist: Musik gehört einfach zur genetischen Ausstattung des Menschen dazu. Musik ist ein Teil von uns selbst, ein Teil unserer genetischen Information. Musik ist in der DNA von uns kodiert.

Macht Musik wirklich schlauer?

Altenmüller: Wenn man ein Jahr lang ein Musikinstrument erlernt, dann hat man hinterher einen verbesserten Intelligenzquotienten von etwa acht Punkten. Das ist eigentlich schön. Man muss allerdings sagen, wenn Sie dann drei Wochen nach Mallorca in den Urlaub fahren, haben Sie einen verschlechterten Intelligenzquotienten von etwa zehn Punkten. Das heißt, es ist nicht so wichtig, ob Musizieren den Intelligenzquotienten erhöht - der ist nicht festgefahren, sondern das ist immer eine Leistung pro Zeit. Viel wichtiger ist beim Musizieren, dass wir emotionale und prosoziale Kompetenzen erwerben.

Es gibt Musikrichtungen ohne Ende. Ist klassische Musik wertvoller fürs Hirn als Hardrock?

Altenmüller: Entscheidend ist nicht so sehr das Genre, sondern wie der Hörer diese Musik bewertet und ob der Hörer die Musik interessant und motivierend empfindet - und das kann Death Metal genauso sein wie Frührenaissance-Musik.

Pädagogen beobachten im Musikunterricht immer mehr die positiven Effekte von Musik: Jüngere Menschen lernen, sich an Regeln zu halten, in Gruppen gemeinsam zu musizieren. Das sind soziologische und pädagogische Kriterien. Lässt sich ähnlich Positives auch neurologisch oder physiologisch sagen?

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Altenmüller: Musizieren und auch das intensive Musikhören fördern Strukturierungen im Gehirn, sogenannte Exekutivfunktionen. Wer Musik hört oder wer Musik macht, hat immer auch die Notwendigkeit zu planen. Jeder Klang erzeugt den nächsten Klang, jede Melodie erzeugt die nächste Melodie. Und dazu benötigt unser Hirn einen sehr anspruchsvollen Mechanismus, der im Stirnhirn verortet ist und der uns z.B. im richtigen Moment Hemmungen auferlegt, etwas zu tun, oder Beschleunigungen, etwas schneller zu tun. Und das ist eine ganz elementare Form der Musik, dass Musik immer Erwartungen erzeugt und immer eine Reaktion erfordert, sei es eine Wahrnehmung, eine Aktion, und dass das unser Gehirn als generellen Anreiz dazu bringt, diese Organisation des Handelns zu verbessern. Musik fördert exekutive Funktionen.

Ab wann stellt sich dieser Effekt ein?

Altenmüller: Wir gehen davon aus, dass jede Form von Musik Hirntraining ist und gleichzeitig auch Gehörbildung. Auch wenn Sie 20 Minuten auf dem Kamm blasen oder wenn Sie zehn Minuten einen Song hören, ist Ihr Gehirn nach dem Hören des Songs anders als vorher. Das nennt man Neuroplastizität. Musizieren verändert das Gehirn von jedem Menschen und Musikhören verändert die Hörregion von jedem Menschen.

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Am häufigsten fällt an norddeutschen Schulen der Musikunterricht aus. Wenn irgendwo gespart wird, dann am ehesten da. Wie fatal finden Sie diese Entwicklung?

Altenmüller: Ich finde diese Entwicklung ganz fatal, weil eine Art von Kultur dadurch bedroht wird, die den Menschen nachhaltig mehr Lebensqualität, mehr soziales Engagement und mehr Gemeinschaftsgefühl gibt. Eine Kompetenz im Musikunterricht zu erwerben, ist unabdingbar, weil wir auch sehr viel mit Musik in Berührung kommen. Wir müssen das einordnen können, wir müssen auch gegen die negativen Wirkungen von Musik gefeit sein. Wir müssen schauen, wie Filmmusik unsere Gefühle manipuliert, wie die Werbung mit Musik arbeitet - all diese Dinge gehören zu einem kulturell verantwortungsvollen jungen Menschen dazu.

Sie haben gerade von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sehr hohe Fördermittel bekommen, um zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover zu arbeiten. Können Sie dieses Projekt kurz beschreiben?

Altenmüller: Wir haben diese hohe Summe bekommen, um insgesamt 60 zwischen 64 und 76 Jahre alte Menschen mit Musikunterricht zu beglücken. Als Ausgangspunkt messen wir Denken, Fühlen und Lebensqualität und vermessen ganz genau das Gehirn, die Gehirnstruktur und die Vernetzung der Gehirnzentren. Anschließend werden die Teilnehmer zufallsbedingt in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhält ein Jahr lang Klavierunterricht - wir stellen auch die Klaviere. Die andere Gruppe erhält ein Jahr lang sehr attraktiven Unterricht in Musikgeschichte, Operngeschichte, Geschichte des Jazz, des Rock, mit Hörbeispielen. Nach einem halben Jahr und nach einem Jahr testen wir das Gehirn und die Emotionen wieder. Nach einer weiteren sechsmonatigen Pause wird es zum dritten Mal gemessen. Damit wollen wir die Auswirkungen von Musikunterricht - sei es Theorie, sei es praktisch am Klavier - auf unsere Lebensqualität und auf die Gehirnstruktur messen. Das ist die erste Studie, die über so einen langen Zeitraum ein solches Projekt im Auge hat.

Wir haben schon ganz viele, sehr berührende Bewerbungen für das Projekt bekommen. Da sind die Menschen aus der Region Hannover und Umland unglaublich engagiert. Wir beginnen jetzt mit dem Rekrutieren, im Mai werden wir die Auswahl treffen, die Messungen beginnen im August/September und der Musikunterricht wahrscheinlich Anfang Oktober.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.01.2018 | 19:00 Uhr

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