Stand: 06.09.2020 06:00 Uhr

Nix darf man mehr?! - "Cancel Culture" in den USA

von ARD-Korrespondentin Katharina Wilhelm

"Cancel Culture" - frei übersetzt heißt das etwa: die Kultur des Absagens, Boykottierens. Zum Beispiel, wenn eine Person etwas gesagt hat, das als rassistisch, sexistisch, diskriminierend gilt und daraufhin aus sozialen oder beruflichen Kreisen ausgeschlossen wird. Oft kommt dazu eine hohe Aufmerksamkeit in den sozialen Medien - die Person, um die es geht, wird beschimpft und verunglimpft. Kritiker meinen, die "Cancel Culture" komme vor allem aus einer linksintellektuellen Richtung und wolle Amerikanern vorschreiben, was gesagt werden darf - und was nicht. Doch das ist nur ein Teil der Debatte. Katharina Wilhelm aus dem ARD-Studio Los Angeles wirft für uns einen Blick auf die "Cancel Culture".

"Cancel Culture" ist zu einem Reizwort in den USA geworden. Was "Cancel Culture" ist, sein soll, ob sie gerechtfertigt ist oder gefährlich, das wird derzeit diskutiert, in den Feuilletons, Universitäten, in den Medien.

HBO Max cancelt "Vom Winde verweht"

Clarc Gable mit Zigarre im Mund und Hattie McDaniel im Filmklassiker "Vom Winde verweht" von 1939, Regie: Victor Fleming © picture alliance/United Archives
Sklaverei verharmlost? Der Filmklassiker "Vom Winde verweht" wurde zeitweise abgesetzt.

Beispiele für "Cancel Culture" gibt es zahlreiche und sehr unterschiedliche. Zum Beispiel im Bereich TV und Film: Der Hollywood-Klassiker "Vom Winde verweht", auch er wurde - zeitweise - gecancelt. Der Film wurde zunächst vom Streamingdienst HBO Max von der Plattform genommen und durch Hinweise ergänzt. Nämlich, dass der Film aus dem Jahr 1939, der zur Zeit des Bürgerkriegs in den 1860er-Jahren in den Südstaaten der USA spielen soll, Sklaverei verharmlose. Schwarze versklavte Menschen würden als dümmlich und folgsam dargestellt, ihre weißen Sklavenhalter als nobel und gütig. Eine rassistische Verzerrung der Geschichte.

Serie "Cops" nach Black-Lives-Matter-Protesten abgesetzt

Der Vorwurf, dass der Film rassistische Elemente in sich trage, ist nicht neu. Durch die "Black Lives Matter"-Proteste und den Fokus auf den Rassismus in den USA hat er aber wieder an Fahrt aufgenommen.

Auch die Reality-TV-Serie "Cops" wurde gecancelt, also tatsächlich abgesetzt. Dort werde die Polizeiarbeit glorifiziert, hieß es. 

Shitstorms in sozialen Medien

Der Fall von Amy Cooper gehört ebenfalls in den Kontext der "Cancel Culture". Cooper hatte im New Yorker Central Park die Polizei alarmiert. Ein Mann hatte sie darum gebeten, ihren Hund anzuleinen - er selbst hatte im Park Vögel beobachtet, dort herrscht Leinenpflicht. Cooper erklärte der Polizei am Telefon, von einem schwarzen Mann bedroht zu werden - der Betroffene filmte ihre Reaktion, die sich als äußerst übertrieben darstellte. Die Folge für Amy Cooper: Ein Shitstorm in den sozialen Medien, sie verlor außerdem ihren Job.

Für viele Kommentatoren spiegelte Amy Coopers Verhalten das wider, was viele schwarze Menschen jeden Tag in den USA erleben: Vorurteile und Hass nur aufgrund einer Hautfarbe.

Hilft "Cancel Culture" den Anliegen von Minderheiten?

"Cancel Culture" sei ein Mittel, das vor allem Minderheiten - Menschen ohne eine starke Lobby in der Gesellschaft - helfen könne, sich Gehör zu verschaffen, sagt Medienwissenschaftlerin Meredith Clark von der University of Virginia dem Sender CBS: "So können sich normale Menschen ein Stück Macht zurückerobern."

Konservative sehen neue Form des Totalitarismus

Aus Sicht vieler konservativer Amerikaner und Amerikanerinnen ist "Cancel Culture" aber kein Hilfsmittel für Minderheiten, sondern ein Druckmittel der Linken. Auch Präsident Donald Trump hat sich wiederholt kritisch dazu geäußert. "Cancel Culture - Menschen aus ihren Jobs vertreiben, Andersdenkende beschämen und Gehorsam fordern von allen, die nicht zustimmen: Das ist die Definition von Totalitarismus und hat keinen Platz in den USA."

Offener Brief prangert Gefahr für die Debattenkultur in den USA an

Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie 2009 bei einer pressekonferenz in Helsinki. © dpa - Report Foto: Lehtikuva Timo Jaakonaho
Auch die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie fühlte sich durch Anfeindungen "stumm gemacht".

Doch auch in eher liberalen und links-geprägten Kreisen wird über "Cancel Culture" debattiert. Das Magazin "Harper's Bazaar" beispielsweise  veröffentlichte einen offenen Brief, in dem Wissenschaftler und Autoren wie J. K. Rowling, Salman Rushdie oder auch Daniel Kehlmann ihre Sorge äußerten, die Debattenkultur in den USA sei in Gefahr. 

Eine der Unterzeichnerinnen des Briefes, die Journalistin Bari Weiss, hatte für Aufruhr gesorgt, als sie der Zeitung "New York Times" den Rücken kehrte und schrieb, dass ihre konservativen Ansichten, für die man sie in das Meinungsressort der Zeitung geholt hatte, nicht erwünscht seien. Zuvor schon hatte der Chef des selben Meinungsressorts gekündigt, weil es eine Kontroverse um den Beitrag eines republikanischen Hardliners gegeben hatte. In dem Artikel "Send in the Troops" hatte sich der republikanische Senator Tom Cotton für die Entsendung des Militärs zu den "Black Lives Matter"-Protesten ausgesprochen.

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Einen Niedergang der Debattenkultur beklagt auch die nigerianische Bestseller-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die in den USA lebt und als Sprachrohr eines neuen  Feminismus gilt. Sie hatte in einem Interview gesagt, dass es einen Unterschied gebe zwischen Transfrauen und biologischen Frauen und daraufhin viel Kritik auch in den sozialen Medien erlebt. "Natürlich meinte ich damit nicht, dass Transfrauen nicht zum Feminismus gehören. Ich habe nur nicht die richtige Sprache dazu gewählt", resümiert sie. "Die Linke ist gewillt, eine komplexe Wahrheit auszuschließen. Ich musste mir auf einer öffentlichen Bühne 30 Minuten lang anhören, dass ich Transfrauen damit töte, kein Mitgefühl hätte! Die Antwort ist keine Debatte, sondern, dich stumm zu machen. Und das finde ich problematisch", erklärt Adichie in einem Interview mit dem Magazin "The New Yorker". 

Die Debatte um "Cancel Culture" zeigt sehr deutlich, wie tief die Gräben in den USA sind, nicht nur zwischen links-liberal und rechts-konservativ, sondern auch inmitten der eigenen Reihen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 05.09.2020 | 06:20 Uhr

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