Stand: 21.01.2019 00:01 Uhr

Der widersprüchliche Umgang mit dem Tier

von Alexandra Friedrich

In dieser Woche beschäftigen sich die Kulturredaktionen von NDR Info, NDR Kultur, dem NDR Fernsehen und NDR.de in ihrer Debatte mit dem Thema Tierwohl. Unter dem Titel "Gequält und gehätschelt - wir und das Tier" geht es um unser schwieriges Verhältnis zu Tieren.

Große Fürsorge für "Heimtiere"

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Heimtiere werden oft wie menschliche Freunde behandelt. Ist das im Sinne des Tierwohls?

Waren Hund und Katze in früheren Jahrhunderten zum Schafehüten und Mäusejagen da, werden sie heute nach den neusten Modetrends eingekleidet, vom Tierheilpraktiker behandelt, mit Biofutter ernährt und nach ihrem Ableben luxuriös bestattet. Die Rolle des Haustiers hat sich stark verändert, hat Peter Kunzmann festgestellt, Professor für Tierethik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: "Das, was ursprünglich mal Haustier war, diese Einheit von Tieren, die der Mensch zugleich in seiner unmittelbaren Nähe hatte, aber auch einen bestimmten Nutzen damit verbunden hatte, diese Einheit ist weitgehend aufgebrochen. Menschen halten sich heute 'Heimtiere'. Das sind Tiere, die der Mensch sich aus Interesse am Tier hält. Da geht es also wirklich um die Nähe, die Beziehung zum Tier."

Oft katastrophale Bedingungen für "Nutztiere"

Dem "Heimtier" gegenüber steht das "Nutztier". Einem Schwein und einer Kuh begegnen viele Menschen im Alltagsleben nur noch als Currywurst am Imbiss oder Steak beim Discounter. Aber durch Berichte über Schlachthof-Skandale, Anti-Pelz-Kampagnen mit prominenten Gesichtern, Sachbücher wie "Tiere essen" und Dokumentarfilme wie "Earthlings" erhalten auch die von Kuh und Schwein entfremdeten Stadtbewohner Einblicke in deren oft dramatische Lebensbedingungen. Und viele wollen sich nach diesen Berichten nun nicht mehr mitschuldig am Leid der Tiere machen.

Bewusstsein für Tierschutz setzt sich langsam durch

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Viele Menschen wollen wenig Geld für Fleisch ausgeben. Doch wer zahlt den Preis?

Bis sich der Gedanke des Tierschutzes fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert, ist es allerdings noch ein langer Weg, sagt Rüdiger Jürgensen von der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten": "Mit dem Umweltschutz hat es auch lange gedauert, bis es sich in der Gesellschaft festgesetzt hat. Da ging es in den 1970er-Jahren los und heute ist der Umweltschutz natürlich überhaupt nicht mehr wegzudenken. Man weiß, man muss etwas dafür tun. Und ich glaube, es ist ähnlich mit dem Tierschutz, dass sich immer mehr das Bewusstsein durchsetzt, dass hier etwas nicht stimmt, dass mit Tieren anders umgegangen werden muss."

Kein gesellschaftlicher Konsens

Wie wir Tiere behandeln, wird ein immer größeres Thema. Aber von einem gesellschaftlichen Konsens sind wir weit entfernt, beobachtet der Tierethiker: "In unserer Gesellschaft gibt es Gemeinschaften - Milieus, sagen die Soziologen -, in denen es heute schon vollkommen undenkbar ist, in ein Schnitzel zu beißen. Und es gibt Milieus, in denen es vielen Leuten überhaupt nicht einleuchtet, dass man sich darüber Gedanken macht", erklärt Kunzmann. "Man muss zu Kenntnis nehmen, dass die Gesellschaft da jetzt schon sehr spannungsreich denkt. Ich nehme an, dass diese Spannung noch größer werden wird." 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.01.2019 | 07:20 Uhr