Stand: 18.03.2019 11:37 Uhr

Der Streit ums Binnen-I und Gender-Sternchen

von Susanne Birkner

"Lehrer" werden zu "Lehrenden", "Teilnehmer" zu "Personen" und aus dem "Rednerpult" wird das "Redepult": Die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover hat vor Kurzem in E-Mails, Formularen und Flyern gendergerechte Sprache eingeführt. Für den Verein Deutsche Sprache aus Dortmund ist das "Gender-Unfug." In einem Brief ruft er wörtlich zum "Widerstand" dagegen auf. Es gibt viele prominente Unterzeichner wie die Kabarettisten Dieter Hallervorden und Dieter Nuhr, Fernsehmoderator Peter Hahne, die Schriftstellerinnen Judith Hermann und Monika Maron oder Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen - und auf der anderen Seite harsche Kritik an dem Appell.

"Hässlich" und "Gaga"

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Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff unterzeichnete den Appell als eine der ersten.

"Die blöden Sternchen bringen mich zur Raserei", schreibt Erstunterzeichnerin Sibylle Lewitscharoff in der Zeitung "Die Welt". Die Büchnerpreis-Trägerin findet: Das Binnen-I oder Gender-Sternchen, mit denen Autorinnen und Autoren klarmachen wollen, dass alle Geschlechter gemeint sind, führen zu einer mutwillig verhässlichten Sprache. "Gaga" nennt CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär diese Schreibweisen. "Albern und lächerlich" der Journalistenausbilder Wolf Schneider, der den Appell initiiert hat. "Uns stört, dass uns allmählich die Sprache abhanden kommt", sagt Oliver Baer, Geschäftsführer beim Verein Deutsche Sprache. "Sie wird hässlicher, unzugänglicher, schwerer zu verstehen."

Ablehnung des Sprachwandels als Ablehnung eines Kulturwandels?

Für den Linguisten Anatol Stefanowitsch deutet die Heftigkeit der Debatte allerdings darauf hin, dass es nicht nur um Sprache gehe. "Man hat den Eindruck, der Sprachwandel wird deshalb abgelehnt, weil er auf einen Kulturwandel hindeutet", sagt er. "Das war bei den Lehnwörtern so, bei den Anglizismen und das ist jetzt bei der geschlechtergerechten Sprache so. Man möchte die Zeit zurückdrehen, man möchte zu einer Zeit zurück, als alles noch einfacher war und Feministinnen und andere Gruppen noch nicht auf gleichen Rechten bestanden haben."

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Der Linguist Anatol Stefanowitsch wünscht sich von Kritikern Alternativen zum Gender-Sternchen.

Mehrere Studien hätten ergeben, so der Linguist: Die Texte bleiben lesbar, auch wenn Begriffe mit Binnen-I oder Gender-Sternchen genutzt werden. Bleibe also der ästhetische Aspekt. "Ich würde mir wünschen, gerade von Kabarettistinnen und Kabarettisten, Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Lyrikerinnen und Lyrikern, die unterzeichnet haben, dass sie als Expertinnen und Experten für ästhetische Sprache bessere Vorschläge machen würden", so Stefanowitsch.

Alice Weidel unterstützt Appell

Mehr als 32.000 Menschen haben nach Angaben des Vereins Deutsche Sprache den Appell unterschrieben. Für Geschäftsführer Oliver Baer ein Zeichen, dass die Empörung groß sei: "Das ist doch eine Manipulation von oben her, wenn wir den Leuten sagen, wie wir denken oder schreiben sollen. Das erinnert mich an George Orwells '1984'", so Baer. Die Unterzeichner begeben sich damit in trübe Gesellschaft, findet die "Süddeutsche Zeitung". Denn genauso argumentieren auch Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten wie die AfD-Politikerin Alice Weidel in dieser Woche, die den Appell unterstützt. Das "Orwell-Projekt" gendergerechte Sprache "vergewaltige" unsere Muttersprache und wolle unser Denken kontrollieren, so Weidel.

"Unser Thema ist die Sprache, nicht die Nation"

"Ja, sollen wir deswegen aufhören, unsere Sprache vor Unfug zu schützen? Nur weil ein paar verkehrte Leute auch der Meinung sind? Es gibt bei uns Mitglieder, die das auch so sehen. Aber unser Thema ist nicht die Nation, es ist die Sprache", sagt Baer.

Aber Sprache formt eben auch Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit hat auch das Bundesverfassungsgericht vor Kurzem anerkannt: Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Die Sprachwissenschaft habe nachweisen können, so Anatol Stefanowitsch, dass Texte, in denen allein die männliche Form benutzt werde, auch in weiten Teilen so wahrgenommen würden: Hier geht es um Männer. Sich andere Menschen dazuzudenken, dazu brauche es immer eine Extra-Anstrengung. "Und wenn man diese kleine Extra-Anstrengung multipliziert über den ganzen Tag und die ganze Woche und das ganze Jahr, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass dieses generische Maskulinum neben vielen anderen diskriminierenden Strukturen dazu beiträgt, dass es Frauen eben schwerer haben, in bestimmte Positionen zu kommen, sich in bestimmten Situationen angesprochen zu fühlen und dadurch auch auf die Idee zu kommen, dass sie an bestimmten Dingen teilhaben", sagt Stefanowitsch.

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NDR Info | Kultur | 14.03.2019 | 09:55 Uhr