Stand: 25.06.2019 15:12 Uhr

Lübecker Altstadt: Last und Pfund

von Katrin Bohlmann

"Die Lübecker Altstadt ist ein Gesamtkunstwerk." Das hat das Welterbe-Komitee der UNESCO gesagt und die Lübecker Innenstadtinsel 1987 zum Welterbe ernannt. Mit seinen Kirchen und sieben Türmen, dem Rathaus und vielen Altstadthäusern steht der Kern der Hansestadt komplett unter Denkmalschutz. Eine Herausforderung für die Verantwortlichen in der Stadt und für die Bewohner. So wie Lübeck geht es im Norden nur noch Wismar und Stralsund. Die Städte in Mecklenburg-Vorpommern sind beide seit 2002 ebenfalls Welterbe.

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Das Altstadthaus "Die Reederin" wird kernsaniert.

Alte Gotland-Bodenfliesen liegen lose herum, Wände sind eingerissen, der Stuck an der Decke ist freigelegt. Das Altstadthaus in der Lübecker Großen Altefähre wird zurzeit kernsaniert. Hier saß viele Jahrzehnte die Reederei Bertling. Seit einigen Jahren steht das Haus von 1865 leer. Nun hat es neue Besitzer und wird zu einem kleinen Hotel umgebaut. Die Architektin Nicola Petereit ist damit beauftragt worden. "Bevor wir in eine konkrete Bauantragsplanung gehen können, müssen wir bei den denkmalgeschützten Häusern immer gucken, was sich alles unter den Holzverschalungen und Verkleidungen versteckt - an Schäden und auch an wertvollem Kulturgut", sagt Petereit. "Was muss erhalten bleiben? Es ist Auflage der Denkmalpflege, dass erst mal ein Freilegungsantrag gestellt wird. Da liegen die Wunden, aber auch die Schätze offen, die wir dann in die Planung mit einbeziehen."

Das Alte erhalten - das Neue erkennen

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Jahrzehntelang war das Altstadthaus der Sitz der Reederei Bertling.

Die Lübecker Architektin saniert seit 20 Jahren Häuser in der Altstadt. Ihr Ziel: so viel wie möglich vom Alten erhalten. Und Neues muss als solches auch zu erkennen sein. Dafür muss sie eng mit der Lübecker Denkmalpflege zusammenarbeiten, denn von der Behörde gibt es strenge Auflagen bei der Sanierung und Pflege der Altstadthäuser. Doch Nicola Petereit sagt, man müsse keine Angst vor der Denkmalpflege haben, auch wenn das viele denken. "Die Behörde für Denkmalpflege macht eine gute Beratung. Und die Lübecker Altstadt kann weiter so schön aussehen, wie sie aussieht. Die Lübecker Altstadt sieht wirklich wesentlich besser aus als Görlitz oder Bamberg, weil es zum Beispiel keine große Anzahl an isolierverglasten Sprossenfenstern gibt", sagt Petereit. "Wir sind nur eine kurze Zeit in der Lebenszeit des Hauses da. Wir müssen uns genau überlegen, was wir dem Haus in der Zeit zumuten und was wir uns anmaßen zu verändern. Deswegen ist es gut, dass die Denkmalpflege hier so gut aufpasst."

Denkmalschutz in Lübeck: Last und Chance zugleich

Natürlich dauern deshalb einige Genehmigungen mal länger als bei einem Neubau, so die Architektin. Aber das Ergebnis zählt. Eine ganze Stadt unter Denkmalschutz, das sei eine Last und ein Schatz, sagt Irmgard Hunecke, Leiterin der Behörde für Denkmalpflege: "Es ist eine Last, weil natürlich auch die Planungen in der Stadt viel Rücksicht nehmen müssen auf diesen Welterbe-Bestand. Man muss sich mehr Gedanken machen als in einer nicht so historisch gewachsenen Stadt. Es ist gleichzeitig natürlich auch das Pfund, mit dem man wuchern kann. Denn aus diesem Grund kommen sehr viele Menschen nach Lübeck. Der Tourismus hat sehr stark zugenommen. Das ist natürlich etwas, was die Hansestadt Lübeck grundsätzlich, die Bewohner und die Geschäftswelt, sehr freut."

250 Bauanträge pro Jahr

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Die gesamte Lübecker Altstadt gehört zum UNESCO-Welterbe.

Rund 1.300 Kulturdenkmale gibt es auf der Altstadtinsel. Zusammen bilden sie das Weltkulturerbe. Bis zu 250 Bauanträge im Jahr muss die Behörde für Denkmalpflege bearbeiten. Neun Mitarbeiter hat die Leiterin für die gesamte Stadt. Nur einer von ihnen ist für die Altstadt zuständig. Das sei ein Problem, sagt Hunecke: "Ich hätte gerne mehr Kollegen. Wir würden uns wünschen, dass wir viele der Denkmale noch genauer untersuchen können - auf ihre Baugeschichte und ihren Bestand. Also das, was es an Ausstattung alles in diesen Gebäuden gibt. Und dass wir das dann auch dem Eigentümer und der Öffentlichkeit mitteilen können. Das ist etwas, was leider viel zu kurz kommt, weil wir immer im alltäglichen Baugeschäft stecken."

Denkmalschutz hört nie auf - ständig müssen die Häuser und Kirchen saniert werden. Die Lübecker Architektin Petereit empfiehlt, dass sich Bauherren auf die Altstadthäuser einlassen und sich kompromissbereit zeigen - dann klappe es auch mit dem Denkmalschutz.

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NDR Info | Kultur | 26.06.2019 | 19:00 Uhr