Stand: 03.09.2020 05:00 Uhr

"Cancel Culture" - Was ist das eigentlich?

Ein Schlagwort ist in gesellschaftlichen Debatten immer häufiger zu hören: "Cancel Culture" - die Kultur des Absagens. Wobei es über dieses Phänomen keine Einigkeit gibt. Die einen beklagen, diese sogenannte Cancel Culture würde auch in Deutschland mehr und mehr um sich greifen. Andere behaupten, "Cancel Culture“ gebe es gar nicht - dies sei bloß ein Kampfbegriff in Diskussionen. In dieser und der kommenden Woche wollen wir in den Kulturredaktionen des NDR im Radio, im Fernsehen und im Internet der Sache etwas auf den Grund gehen und laden Sie zu einer Debatte ein mit dem Titel: "'Cancel Culture' - lieber absagen als aushalten?"

Feine Sahne Fischfilet beim Hurricane Festival 2018 in Scheeßel. © NDR Foto: Benjamin Hüllenkremer
Die Punkband Feine Sahne Fischfilet beim Hurricane Festival 2018 in Scheeßel.

Der Leipziger Maler Axel Krause wurde 2019 zur Leipziger Jahresausstellung eingeladen. Er ist auch Mitglied des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Das sorgte für Aufsehen. Nach öffentlichem Druck wurde die Einladung zurückgezogen. Die Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet sollte 2018 in der Aula des Bauhauses Dessau auftreten. Nachdem rechte Gruppierungen gegen den Auftritt mobil gemacht hatten, teilte die Bauhaus Stiftung mit, das Konzert sei abgesagt. 

Schauspieler werden aus Filmen, Gedichte von Hauswänden, Autoren aus Verlagsprogrammen und Autorinnen aus Debütanten-Salons entfernt. Seit einigen Monaten taucht auch in Deutschland in den Diskussionen über diese Vorgänge verstärkt ein Begriff auf: "Cancel Culture" - was Streich- oder Abbruchkultur bedeutet.

Der Versuch einer öffentlichen Ächtung

Lisa Eckhart © picture alliance/dpa Foto: Daniel Karmann
Die Kabarettistin Lisa Eckhart wurde beim Harbour Front Literaturfesival in Hamburg ausgeladen.

"Cancel Culture" bezeichnet den Versuch, ein vermeintliches Fehlverhalten, beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen - häufig von Prominenten - öffentlich zu ächten. Es wird zu einem generellen Boykott dieser Personen aufgerufen. "'Cancel Culture' - damit werde ich mich sicher noch auseinandersetzen, weil ich den Begriff sehr interessant finde", sagte die Kabarettistin Lisa Eckhart im August bei NDR Kultur, als ihre Ausladung vom Harbour Front Festival in Hamburg dazu führte, dass der Begriff in der öffentlichen Diskussion überall auftauchte: in den Zeitungen, im Internet, in Radiobeiträgen. "Ich sehe die Culture - also die Kultur - in dem Begriff 'Cancel Culture' nicht als das Subjekt - also als eine Kultur, die cancelt - sondern als das Objekt. Nämlich, dass man teilweise bestrebt ist, Kultur als Ganzes zu canceln. Das ist nicht etwas, das ich einem politischen Lager zuordnen würde, sondern eine Tendenz, die man in vielem sieht", so Eckhart weiter.

"Cancel Culture" entstand 2014 - als Spaß

Und doch sind es auch die politischen Lager, die sich bei der Bestimmung des relativ jungen Internet-Phänomens gegenüberstehen. Es entstand zunächst auf Twitter. 2014 wurde in den USA vom "canceln" gesprochen, gemeint war das als Spaß: Über jemanden, mit dessen Meinung man nicht übereinstimmte, schrieb man "diese Person ist für mich gecancelt". Doch schnell wurde der Protest ernsthafter, moralischer, lauter. Marginalisierte Gruppen verschafften sich unter dem Hashtag #CancelCulture Gehör, fordern seitdem Verbote und Boykotts von Personen, die ihrer Ansicht nach Unrecht begangen haben. Sie beschreiben diese Entwicklung als einen demokratischen Vorgang, der vom Internet ausgeht.

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Eine Frau der der Mund mit Klebeband verklebt ist, steht in einem Wald. © photocase.de Foto: Marjan Apostolovic

Ihre Meinung: Soll sich die Kultur selbst beschränken?

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Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit?

Doch dieser Vorgang hat Film-Sets und Universitäten, Verlage und Buchhandlungen, den gesamten öffentlichen Raum erreicht. Dagegen richtet sich in Deutschland ein "Appell für freie Debattenräume", den der Journalist Milosz Matuschek vor einigen Tagen veröffentlichte und unter dem Hashtag #CancelCancelCulture auf Twitter teilt. Darin heißt es: "Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral."

Gespenst oder ernsthafte Bedrohung?

Linke dagegen zweifeln, ob es die Verbotskultur wirklich gibt oder ob die, die sie beschwören, eher um den Verlust ihrer Meinungsführerschaft fürchten. So schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski bei "Spiegel Online": "Der Begriff 'Cancel Culture' ist im Grunde nur eine Umbenennung von "man darf ja wohl gar nichts mehr sagen", faktisch aber gefährlicher, weil ein gewaltbereiter, mächtiger Mob fantasiert wird."

Ist die "Kultur der Absagen" ein Gespenst, oder ist sie eine ernsthafte Bedrohung für jede Art von Debatte? Geht es um Wahrheit oder Zensur? Darüber diskutiert Deutschland gerade, mit einem Begriff, der allerdings uneindeutig und schlecht abzugrenzen ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 03.09.2020 | 06:40 Uhr

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