Stand: 25.08.2019 23:59 Uhr

Brauchen wir noch Klassiker? Pro und Kontra

"Tschick statt Werther - wozu brauchen wir noch Klassiker?" Unter dieser Fragestellung untersuchen die Kulturredaktionen des NDR das, was zum Beispiel an Theatern gespielt wird oder an den Schulen gelesen und gelernt werden soll: die Klassiker. Brauchen wir die eigentlich alle? Und wenn ja, wozu? Ein Pro-und-Kontra-Kommentar.

Pro: "Klassiker bilden die Grundlage unserer Kultur"

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Jan Ehlert meint, wir brauchen Klassiker heute dringender als je zuvor.

Max Frisch hat mein Leben verändert. Die Geschichte des Romans "Mein Name sei Gantenbein", den ich ohne die Schule vermutlich nie in die Hand genommen hätte, habe ich größtenteils vergessen, aber ich erinnere mich noch genau, mit welch fiebriger Erregung ich nachts wachgelegen und nachgedacht habe. Nicht über das Buch, sondern über das, was es mir sagte: Du bestimmst, wer du sein willst, nicht die Gesellschaft, die es zu hinterfragen und zu kritisieren gilt.

Und das ist es, was gute Klassiker im besten Falle ausmacht: Sie ermöglichen uns Leserinnen und Lesern eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen, vor denen die meisten von uns in ihrem Leben früher oder später stehen werden. Wer über 1.000 Seiten mit Anna Karenina oder Konstantin Lewin geliebt, gerungen und gezweifelt hat, der hat ganz sicher ein tieferes Verständnis von der Liebe als jemand, der 1.000 Folgen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" geschaut hat. Und damit bieten sie im Unterricht die Möglichkeit, am Beispiel des Romans über die großen ethischen und sozialen Themen zu sprechen. "Emilia Galotti" zum Beispiel wäre eine wunderbare Vorlage für Diskussionen über #MeToo und Zwangsheiraten.

Wer fordert, Klassiker vom Lehrplan zu nehmen, der macht sich nur nicht die Mühe, sich mit dem, was sie uns zu sagen haben, wirklich auseinanderzusetzen. Nicht umsonst haben sich Generationen von Leserinnen und Lesern für sie begeistert. Außerdem bilden Klassiker noch immer die Grundlage unserer Kultur - und im Mathematikunterricht werden die Grundrechenarten schließlich auch nicht infrage gestellt, obwohl seit Generationen Schülerinnen und Schüler darüber klagen. Das heißt ja nicht, dass man nicht auch Neues ausprobieren kann. Aber es sind gerade die Klassiker, davon bin ich überzeugt, die unsere Fähigkeit zu Empathie und Toleranz stärken - und ganz nebenbei unser Gefühl für Sprache. Daher brauchen wir sie heute eigentlich dringender denn je.

Kontra: "Schüler brauchen keine Klassiker"

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Verena Gonsch hält das Festhalten an der Lektüre der Klassiker für überholt.

Hand aufs Herz: Was wissen Sie noch von Klassikern wie E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi", von "Der Sandmann", von "Emilia Galotti" und Lessing, von Hebbel und "Maria Magdalena"? Alles Klassiker, die derzeit in norddeutschen Schulen auf dem Lehrplan stehen, ja, natürlich auch Goethes "Faust". Im Zweifel nicht mehr viel. Und oftmals ist da nur noch eine unklare Erinnerung an ziemlich quälende Schulstunden.

Den heutigen Schülerinnen und Schülern geht es nicht anders, nur, dass sie sich dank des Internets nicht mehr durch die gesamte Lektüre quälen müssen. Wozu gibt es Wikipedia und die vielen nützlichen Seiten, auf denen die Bücher zusammengefasst werden. Und zu dick dürfen die Bücher auch nicht sein. Das beklagen auch Fachlehrkräfte, die wissen, dass Jugendliche von heute viel zu viel Medienauswahl zur Verfügung haben, um sich stundenlang einem 300-Seiten-Schmöker zu widmen.

Lust auf Lernen und auf Literatur sieht anders aus. Ich halte das Festhalten an der Lektüre der Klassiker für überholt. Besser wäre es, Jugendlichen weiter Lust aufs Lesen zu machen. Mit Büchern, die sie interessieren. Warum nicht Poetry Slammer analysieren und zu deren Veranstaltungen gehen. Warum nicht Fantasy-Romane auseinandernehmen und Tolkien mit Markus Heitz und Kerstin Gier vergleichen. Und den Jugendlichen ermöglichen, im Deutschunterricht an ihre Erfahrungswelt anzuknüpfen. Da besteht dann auch die Chance, dass sie die Bücher und Gedichte wirklich lesen. Und vielleicht sogar Lust auf mehr bekommen. Damit aus lesehungrigen Kindern und Jugendlichen auch Erwachsene werden, die in Zukunft noch ab und an ein Buch zur Hand nehmen.

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NDR Info | Kommentar | 26.08.2019 | 06:55 Uhr