Stand: 23.06.2020 10:19 Uhr  - NDR Kultur

#kritischesWeißsein: Aktion gegen Rassismus

von Ole Wackermann

Der Fernsehreporter Malcolm Ohanwe und die Afrikawissenschaftlerin Josephine Apraku fordern: Es reicht nicht, wenn nur wir Schwarze über Rassismus sprechen. Das müssen auch und gerade die Weißen tun. In sozialen Netzwerken rufen Sie Weiße dazu auf, sich kritisch mit ihrer Prägung und ihren Privilegien auseinanderzusetzen. NDR Kultur hat mit den beiden gesprochen und genau das getan.

Malcolm Ohanwe sitzt mir gegenüber und fragt mich: "Warum willst du nicht weiß sein? Was sträubt sich in dir, wenn du jetzt sagst, dass du dich als weiß identifizierst?" Und ich antworte: "Weil ich das Gefühl habe, dass wir uns da schon ein Stück weit in einem rassistischen Kontext bewegen, wenn man das so nach vorn stellt: Jemand ist weiß, jemand ist schwarz. Ich würde mir wünschen, dass das keine Rolle spielen würde." Malcolm Ohanwe fügt an: "Ich weiß und dann kommt so: Wir wollen die Gesellschaft nicht weiter spalten, indem wir rassistische Klischees reproduzieren. Aber das Kind ist schon in den Brunnen gefallen!"

Gedanken über Privilegien

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

#kritischesWeißsein: Aktion gegen Rassismus

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Der Fernsehreporter Malcolm Ohanwe und die Afrikawissenschaftlerin Josephine Apraku rufen dazu auf, dass sich Wei0ße kritisch mit ihren Privilegien auseinandersetzen.

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Malcolm Ohanwe lässt nicht locker. Ich sehe die Sache nicht so pessimistisch, wie er. Aber ich habe keinen Migrationshintergrund, eine weiße Hautfarbe und bin durchaus privilegiert. Malcolm Ohanwe will, dass sich Weiße wie ich genau darüber Gedanken machen. Dafür hat er beim Kurznachrichtendienst Twitter den Hashtag "kritisches Weißsein" ins Leben gerufen.

Der Anstoß dafür: Nach dem Tod von George Floyd in den USA klingelte pausenlos sein Handy: Medien wollten wissen, wie er sich als Schwarzer in Deutschland fühlt: "Nun haben wir sehr viele Menschen, die sich nicht gut damit auskennen, sonst würden sie mich nicht pausenlos anrufen und um Rat fragen. Aber was weiße Menschen können: Sie können über ihr Weißsein reden. Deshalb habe ich diesen Hashtag gestartet, damit schwarze Menschen auch mal über etwas anderes reden können, über Naturwissenschaften zum Beispiel. Und dass Weiße trotzdem effizient und intelligent gegen Rassismus kämpfen können."

Platte Bekenntnisse reichte nicht

Ganz ähnlich ging es auch Josephine Apraku, als sie die Aufrufe in sozialen Netzwerken sah, Solidarität mit Schwarzen zu zeigen: Ein plattes Bekenntnis, das reichte ihr nicht: "Und so habe ich eben damit begonnen auf meinem Handy Fragen einzutippen, die ich mir vorstellen kann für weiße Menschen, um über das Thema Rassismus und vor allem auch über ihr eigenes Weiß-Sein zu reflektieren."

Antworten kamen unerwartet viele, erzählt Apraku: "Ernsthaft und teilweise auch sehr emotional. Leute schreiben: Da schäme ich mich, oder da hätte ich genauer hingucken sollen." "Kritische Weißheiten" nennt  Josephine Apraku ihre Aktion bei Instagram. Sie ist Mitbegründerin des Instituts für Diskriminierungsfreie Bildung. Ihre erste Frage zur Selbstreflektion: Wann ist dir zum ersten Mal bewusst geworden, dass du weiß bist?

Ich kann mich noch ziemlich gut an den Moment erinnern, als ich begriff, dass es unterschiedliche Hautfarben gibt. Meine Großeltern haben mir aus einem Buch vorgelesen, von zehn kleinen Kinderlein mit dunkler Hautfarbe, die eines nach dem anderen starben. Kein anderes Kinderbuch, das ich kannte, ging so mit seinen Protagonisten um. An das Buch kann ich mich erinnern, aber nicht daran, dass irgendjemand in meinem Umfeld diskriminiert wurde. Und später, warum gab es so wenige Nicht-Weiße an der Universität, gibt es so wenige schwarze Kolleginnen und Kollegen? Hatte ich als Weißer Vorteile, über die ich nicht nachgedacht habe? Muss ich mich als Weißer sehen, um das erkennen zu können? Das fällt mir irgendwie schwer.

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Chance auf Veränderung

Josephine Apraku bringt es auf diesen Begriff: Es ist Abwehr, was wir empfinden. Und sie findet: Weiße sollten stattdessen die Chance auf Veränderung sehen: "Dass die Privilegien, die sie haben, sie in eine Position versetzen, aus der heraus sie Rassismuskritik üben können. Und ihnen Ressourcen geben, unser rassistisches System zu verändern."

Also frage ich Malcolm Ohanwe: Sollten Weiße kritisch über das reflektieren, was ihr Weißsein ausmacht, mit dem Fernziel, Kategorien wie Schwarz und Weiß aufzulösen? Und er meint: "Ja. Ja! Und schwarze Menschen können das nicht alleine. Weiße haben halt überall gewonnen, haben dieses System installiert und sie haben auch die Macht es wieder zu deinstallieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.06.2020 | 11:20 Uhr

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