Weitwinkelblink auf den Saal 101 im Strafjustizzentrum in München - im Vordergrund Schild: Reserviert für Presse. © picture alliance / dpa Foto: Andreas Gebert

Saal 101: ARD-Dokumentarhörspiel über den NSU-Prozess

Stand: 18.02.2021 14:28 Uhr

Der NSU-Prozess als Hörspiel: Aus Zeugenaussagen und Protokollen von ARD-Gerichtsreportern hat der Bayerische Rundfunk ein mehrstündiges Dokumentarhörspiel gemacht.

Redakteurin Katja Huber vom Bayerischen Rundfunk war an der Entstehung des ARD-Hörspiels beteiligt. Frau Huber, wie ist die Idee zu diesem Hörspielmarathon entstanden?

Der gesamte NSU-Prozess wurde von 2013 bis 2018 an allen 438 Verhandlungstagen von ARD-Gerichtsreportern und -Reporterinnen mitprotokolliert - vor allem, um daraus Nachrichtenmeldungen zu machen. Schon 2014 hat uns dann ein Kollege vom Schallarchiv vom Bayerischen Rundfunk darauf aufmerksam gemacht, dass diese Mitschriften, also diese Protokolle, archiviert werden. Meine Kollegin Katarina Agathos hat sich die Mitschriften dann relativ schnell angeschaut und war sofort in den Bann gezogen von diesen Befragungen der Zeuginnen und Zeugen. Also da gibt es dieses Frage - Antwort - Frage - Schweigen; dann vielleicht noch ergänzt durch eine Anmerkung von einem Gerichtsreporter, einer Gerichtsreporterin wie: 'Der Zeuge scheint die Frage wirklich nicht verstanden zu haben, er durchsucht hektisch seine Unterlagen.' Das hat von der Form her schon was hochdramatisches.

VIDEO: "Saal 101": Ein Dokumentarhörspiel über den NSU-Prozess (5 Min)

Und so hat sich Katarina Agathos eigentlich sofort dazu entschieden, dazu ein Hörspiel zu machen, ein dokumentarisches Hörspiel. Sie hat dann schon Ende 2014 intensiv Protokolle gesichtet. Es war aber relativ bald klar, dass wir mit dem Hörspiel nicht anfangen können, solange der Prozess nicht abgeschlossen ist, weil wir gar nicht genau wissen, was eigentlich relevant für die Urteilsfindung ist. Also haben wir das Projekt 2015 erstmal auf Eis gelegt und dann ein zweites Mal nach Prozessende aufgesetzt. 2019 haben wir dann die Bücher geschrieben, mit denen wir dann Ende 2019 und 2020 für mehrere Wochen ins Studio gegangen sind.

438 Prozesstage wurden protokolliert auf mehr als 6.000 Seiten. Was erwartet die Hörerinnen und Hörer, wie wurde das umgesetzt?

Es erwartet einen tatsächlich eine insgesamt zwölfstündige Bearbeitung dieser knapp 6.000 Seiten Mitschriften. Die Protokolle, die von den Gerichtsreportern angefertigt wurden, folgen eigentlich nur der Chronologie des Prozesses. Die haben gar kein eigenes Narrativ, sondern protokollieren die Vernehmungen in der Reihenfolge, in der sie stattgefunden haben. Und deswegen haben wir uns dazu entschieden, dass wir uns relevant erscheinende Themenkomplexe herausarbeiten. Also in je einer Folge geht es zum Beispiel um die Angeklagten, also die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und die vier Mitangeklagten.

Es gibt mehrere Folgen, die sich mit der Jugend und der Sozialisation von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auseinandersetzen und auch mit ihrem Weg in den Untergrund. Und all das können die Hörer und Hörerinnen erfahren, indem sie unmittelbar in den Gerichtssaal A101 eintauchen, indem sie die von uns bearbeiteten Protokolle hören, gesprochen von einem sehr guten, achtköpfigen Ensemble. Das schafft es hoffentlich, die Nähe zum Dargestellten zu vermitteln, aber eben auch die nötige Distanz reinzubringen. Da werden ja auch teilweise sehr grausame Sachen vermittelt. Es wird gelogen, Aussagen werden verweigert und so weiter. Und wir wollen natürlich einer möglichst breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit bieten nachzuvollziehen, was in diesem Prozess eigentlich genau verhandelt wurde. Und deshalb freuen wir uns auch sehr, dass alle Landesrundfunkanstalten plus Deutschlandfunk zweimal sechs Stunden ausstrahlen und dass es das Dokumentarhörspiel eben auch als 24-teiligen Podcast in der ARD Audiothek gibt.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.02.2021 | 07:20 Uhr