Stand: 14.10.2015 21:30 Uhr  | Archiv

Als die DDR auf Kreuzfahrt ging

15. Oktober 1985: In Rostock-Warnemünde läuft das Kreuzfahrtschiff MS "Arkona" zu seiner ersten Fahrt unter DDR-Flagge aus. An Bord befinden sich 654 Passagiere, allesamt verdiente Genossen, die an dem Törn über die Ostsee bis Riga und Leningrad teilnehmen dürfen. Auch viele Westdeutsche verfolgen das Auslaufen der "Arkona" mit Interesse. Sie kennen das Schiff, das nun der neue Stolz des Arbeiter- und Bauernstaates ist, noch als "Traumschiff" der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie. Darin war es als Sinnbild bundesdeutschen Wohlstands über die Weltmeere gekreuzt.

Ostseekreuzfahrt mit der MS "Arkona"

Von der "Astor" zur "Arkona"

Ursprünglich von den Howaldtswerken gebaut, läuft der Luxusliner unter dem Namen "Astor" am 16. Dezember 1980 in Hamburg vom Stapel. Doch das Kreuzfahrtschiff der Hamburger Reederei HADAG fährt trotz seiner Bekanntheit ein Millionen-Defizit ein. 1983 verkauft die HADAG es nach Südafrika. 1985 wechselt die "Astor" für 165 Millionen D-Mark erneut den Besitzer: Die DDR kauft das Schiff - allerdings über eine westdeutsche Strohfirma, denn mit dem Apartheidstaat machen die Genossen offiziell keine Geschäfte. Für den finanziell klammen Arbeiter- und Bauernstaat ist es ein große Investition, die man dort als Beweis für die angeblich so erfolgreiche Wirtschaftspolitik feiert. Am 29. August 1985 wird in Hamburg die Flagge der Bundesrepublik eingeholt und die der DDR gehisst, statt "Astor" heißt das Schiff nun "Arkona".

Mit West-Urlaubern auf Kreuzfahrt

"200 Tage für die Werktätigen unterwegs", so heißt es in Werbeprospekten für das DDR-Kreuzfahrtschiff. Was nur wenige wissen: An den restlichen Tagen schippern die MS "Arkona" und ihre Besatzung für den westdeutschen Reisekonzern TUI und seine Tochterfirma Seetours über Nord- und Ostsee, Atlantik und Mittelmeer. Die Idee dazu stammt von DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski und bringt zwischen 1987 und 1989 geschätzt mehr als neun Millionen West-Mark in die DDR-Kassen.

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Ein Schiff als Devisenbringer: Außerhalb der Hauptsaison schippert die "Arkona" West-Touristen über die Meere.

Die Besatzung ist zu äußerster Zurückhaltung und Professionalität im Umgang mit den westdeutschen Gästen angehalten. Die Trinkgelder sind üppig - bis zu 4.000 Westmark pro Servicekraft und Saison. Sogar Bibeln liegen in den Nachttischen der Passagiere. Ansonsten ist die Arbeit gleich. Nur heißt es im Frühsommer immer "Herr" und "Frau", ab August wieder "Genosse" und "Genossin". Nach den TUI-Reisen werden die Speisekammern umgerüstet, denn trockene Weine mögen die meisten DDR-Gäste nicht.

Luxus für verdiente DDR-Bürger

Die "Arkona" ist nicht das erste Kreuzfahrtschiff der DDR. Weitere Traumschiffe sind die "Fritz Heckert" und die "Völkerfreundschaft". Schon ab den 50er-Jahren wollen Parteichef Walter Ulbricht und die Ideologen der DDR-Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) der Arbeiterklasse mit Schiffsreisen und Urlaubsheimen an der Ostsee und im Harz das Leben versüßen. "Der Sieg des Sozialismus bedeutet schöneres und herrliches Leben für die Werktätigen", so die vollmundige Botschaft. Tatsächlich ist der Luxus an Bord geradezu verschwenderisch: Gala-Diners und riesige Buffets, Sportprogramme, Konzerte und eine exklusive Schiffsboutique gehören dazu. Legendär ist die Bord-Bar mit ihren exotischen Cocktails.

"Das Schiff hatte Ohren"

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Sonnendeck der "Arkona": Mitreisen durfte nur, wer als politisch absolut zuverlässig eingestuft wurde.

Mitfahren dürfen allerdings nur als zuverlässig eingestufte DDR-Vorzeigebürger. Meist vom Betrieb vorgeschlagen, warten diese jahrelang auf ihre Reise. Zusätzlich kontrollieren Stasi-Mitarbeiter die potenziellen Passagiere. Genauso kritisch wird die Besatzung ausgesucht und einzelne Mitglieder von der Stasi als Inoffizielle Mitarbeiter angeheuert. "Das Schiff hatte Ohren, und das wusste auch jeder", erinnert sich der letzte Kapitän der "Arkona". Er selbst muss der Reederei regelmäßig Bericht erstatten, von dort gehen Durchschläge an SED und Stasi. Besatzungsmitglieder, die er für unzuverlässig und damit ungeeignet für die Auslandsreisen hielt, meldet er.

Trotz aller Vorkehrungen nutzen mehr als 200 Menschen, Urlauber wie Besatzungsmitglieder, die Kreuzfahrten zur Flucht - auf Landgängen ebenso wie per Sprung über Bord mit anschließendem Versuch, an Land zu schwimmen. Die SED verhängt immer neue Vorschriften, um Fluchtversuche zu verhindern. Sie lässt Fahrten ins kapitalistische Ausland streichen, später ist den sozialistischen Urlaubern der Landgang nur in Gruppen gestattet.

3. Oktober 1990: Die DDR-Flagge wird eingeholt

Bis zum 3. Oktober 1990 fährt die "Arkona" unter DDR-Flagge. Am Tag der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten holt man die DDR-Flagge ein und hisst die des wiedervereinigten Deutschlands. Schon bald ist auch an Bord alles anders: Die Nachfrage nach den einst so begehrten Seereisen bricht drastisch ein, das Schiff muss sich gegen die Konkurrenz größerer und moderner Schiffe behaupten. Schließlich kauft der Bremer Kreuzfahrtveranstalter "Transocean" das einstige Traumschiff der DDR, modernisiert es und verpasst ihm 2002 den neuen Namen "Astoria". Nach einem Zwischenspiel 2012 unter dem Namen "Quest for Adventure" kreuzt das Schiff seit Ende 2013 mittlerweile als "Saga Pearl II" unter maltesischer Flagge über die Weltmeere.

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Das Hamburg Journal berichtet im Dezember 1980 über den Stapellauf der "MS Astor", der späteren "MS Arkona". Der Bau des Schiffes hatte sich durch einen Brand verzögert. Video (01:57 min)

Die "Völkerfreundschaft" - Urlauberschiff der DDR

Von 1960 bis 1985 kreuzte die "Völkerfreundschaft" über die Weltmeere. Das erste Urlauberschiff der DDR ermöglichte nicht nur "verdienten Werktätigen" luxuriöse Kreuzfahrten in exotische Länder. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hamburg Journal | 19.07.2000 | 19:30 Uhr

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