Stand: 28.06.2013 08:46 Uhr  | Archiv

75 Jahre Wolfsburg - ein junger Jubilar

Wer Wolfsburg hört, denkt an Volkswagen: Es gibt wohl kaum eine andere Stadt in Deutschland, deren Existenz so eng mit einem Industrie-Konzern verbunden ist. Tatsächlich gehen die Ursprünge Wolfsburgs auf den Autohersteller zurück. Als das VW-Werk 1938 gegründet wurde, gibt es in der landwirtschaftlich geprägten Gegend im Osten Niedersachsens kaum mehr als einige Dörfer. Für die Produktion des VW-Käfer soll eine neue Stadt mit 100.000 Einwohnern wachsen. Aus dem sperrigen Namen "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" wird später Wolfsburg. Jetzt feiert die Stadt ihr 75. Jubiläum. Damit ist sie eine der jüngsten Großstädte Europas.

Der Beginn im Krieg

Der Wohnungsbau für die Arbeiter des Volkswagenwerks beginnt 1938, doch aus dem Traum von der modernen Autostadt wird zunächst nichts. Im Zweiten Weltkrieg produziert das Volkswagenwerk mit Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Insassen von Konzentrationslagern Rüstungsgüter. Bei Kriegsende 1945 sind die Anlagen zu etwa zwei Dritteln zerstört, die Wohngebiete jedoch kaum. Allerdings gibt es erst rund 2.200 Wohnungen in Steinhäusern und zahlreiche Baracken. Am 25. Mai 1945 entscheidet sich die Stadtverordneten-Versammlung auf Anregung der Alliierten für den neuen Namen Wolfsburg. Er geht auf ein Schloss an der Aller zurück, das 1302 als "Wolfsburg" erstmals urkundlich erwähnt wurde.  

Die Alliierten geben grünes Licht

"Erst die Entscheidung der britischen Militärregierung, die Käfer-Fertigung im Dezember 1945 anlaufen zu lassen, gab Unternehmen und Stadt neue Perspektiven", so Manfred Grieger, Unternehmenshistoriker bei Volkswagen. Es entstehen neue Pläne für eine Stadt mit 35.000 Einwohnern. Flüchtlinge aus dem Osten sorgen dafür, dass Wolfsburg rasch wächst und 1952 bereits mehr als 30.000 Bewohner hat. Neue Stadtteile, Schulen, ein Krankenhaus und die Stadthalle werden gebaut. Lebensader Wolfsburgs bleibt das Volkswagenwerk, das erfolgreich Autos produziert: Am 5. August 1955 rollt das millionste Fahrzeug vom Band. Doch die Stadt mit rund 55.000 Einwohnern hat weder ein Rathaus noch einen Bahnhof. Sie folgen 1957 und 1958.

Arbeit für Deutsche und Italiener

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In den 60er-Jahren strömen täglich bereits Tausende Arbeiter durch das Werkstor von VW. Der Konzern wächst schnell - und mit ihm Wolfsburg.

Der Personalbedarf von VW steigt weiter. Jobs und gute Löhne locken Menschen aus ganz Deutschland an die Grenze zur DDR. Seit den frühen 60er-Jahren wandern außerdem viele Gastarbeiter aus Italien ein. Noch heute gilt Wolfsburg als größte italienische Stadt nördlich der Alpen. Doch längst nicht alle Menschen, die bei VW auf der Gehaltsliste stehen, wohnen auch in der Stadt. Rund 74.000 von ihnen pendeln aus dem Umland zur Arbeit, manche selbst aus Braunschweig und Hannover.

Der Stadt fehlt das Flair

Seit der Gebietsreform von 1972 gehören 20 weitere Gemeinden und Städte der Region zu Wolfsburg, das damit auf 131.000 Einwohner kommt. Inzwischen liegt die Zahl bei etwa 120.000. Als attraktiver Wohnort gilt die VW-Stadt dennoch nicht. So fehlt ihr eine charmante Altstadt ebenso wie das Flair von Universitätsstädten wie etwa Göttingen.

Die Geschichte prägt Struktur und Stadtbild: Außer dem Schloss gibt es in der Kernstadt kaum historische Gebäude. Häuser aus den 1950er- und 60-Jahren prägen das Bild. Selbst die Kirche, in anderen Städten ein jahrhundertealtes Gebäude, stammt wie die katholische Pfarrkirche St. Christophorus von 1951. Ganz anders präsentieren sich die vielen eingemeindeten Stadtteile: Ihr Kern besteht meist aus historischen Fachwerkhäusern, um die Einfamilienhäuser aller Nachkriegsbaujahre entstanden sind. Mit 204 Quadratkilometern ist die Fläche der weitläufigen Stadt genauso groß wie die von Hannover - bei nur einem Viertel der Einwohnerzahl.

VW bleibt dominant

Im Wettbewerb um begehrte Arbeitskräfte unterstützt Volkswagen die Stadt umfassend. Zum einen kommen die Steuer-Millionen dem Gemeinwesen zugute, zum anderen fließen regelmäßig direkte Zuwendungen des Konzerns für den Bau von Einrichtungen wie Schwimmbad, Theater oder Stadthalle. Auch die Bundesliga-Kicker des VfL dürften ohne VW kaum in der Topliga mitspielen.

Stadtporträt

Wolfsburg: Es muss nicht immer Auto sein

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Die Stadtoberen versuchen seit Jahren, diese Abhängigkeit zu verringern und Wolfsburg als Touristen-Ziel zu etablieren. So entstanden ehrgeizige Projekte wie die Wissenschaftsschau Phaeno, ein Kunstmuseum und das Badeland. Die Landesgartenschau lockte 2004 Zehntausende Besucher in die Stadt. Kern und Mittelpunkt der Stadt ist aber nach wie vor das VW-Werk. Es dominiert das Zentrum zwischen Fußgängerzone und Schloss. Von der viel befahrenen Berliner Brücke über den Mittellandkanal und die Eisenbahn-Trasse fällt der Blick auf die Autostadt des Volkswagen-Konzerns mit den beiden markanten Glastürmen, in denen Neuwagen auf ihre Auslieferung warten. Wechselnde Ausstellungen zu technischen Themen finden dort ebenso unter der Obhut von Volkswagen statt wie kulturelle Angebote, etwa die "Movimentos"-Festwochen im Frühsommer mit zeitgenössischem Tanz, Konzerten, Lesungen und Matineen. 

Karte: Wolfsburg

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Kulturjournal | 18.04.2016 | 22.45 Uhr

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