Stand: 27.12.2016 17:30 Uhr  | Archiv

Als 20.000 Hamburger der Speicherstadt wichen

Die Aufnahmen aus dem Jahr 1883 sind ein einzigartiges Dokument der Hamburger Baugeschichte.

Die Bilder sind wie Grüße aus einer längst vergangenen Zeit: Der Hamburger Fotograf Georg Koppmann hat im Herbst 1883 die Straßenzüge festgehalten, die bald darauf für den Bau der Speicherstadt abgerissen werden sollten. Die Abzüge hat nun die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg digitalisiert. Und so sind die zeitgenössischen Dokumente erstmals für eine breite Öffentlichkeit leicht zugänglich. Die historischen Aufnahmen sind ein Schatz, der eine Zeitreise ermöglicht. In eine Zeit, als die Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm noch ein dicht besiedeltes Wohnquartier waren. In den 1880er-Jahren wird das Gebiet dann "zur hochmodernen und nichtbewohnten Speicherstadt" umgestaltet, wie Historiker Olaf Matthes vom Museum für Hamburgische Geschichte schildert. Rund 1.000 Häuser werden abgerissen. Mehr als 20.000 Menschen müssen weichen - vor allem Hafenarbeiter und Handwerker mit ihren Familien.

Arbeiterhäuser und Stadtpalais

"Die einfachen Hafenarbeiter wohnten vor allem auf der Elbinsel Kehrwieder - entsprechend schlicht waren dort die Häuser", erzählt Matthes. Ganz anders habe es auf dem Wandrahm ausgesehen. Dort fanden sich auch viele Häuser mit Steinfassade. "Das waren mitunter richtige bürgerliche Palais, in denen Senatoren wohnten", weiß Matthes. Aber auch die Häuser der Reichen bleiben nicht verschont.

Georg Koppmann: Vom Schlachter zum gefeierten Fotografen

Georg Koppmann (1842-1909) fotografiert die Häuser und Straßenzüge kurz vor Beginn der Abrissarbeiten. Und zwar im Auftrag der Stadt, genauer gesagt im Auftrag der Baudeputation. Koppmann hatte sich einen Namen als hervorragender Architektur-Fotograf gemacht. 1865 gründete er sein Atelier - das Geschäft befand sich zunächst am Neuen Wall 38, später in der Neustadt. Möglicherweise brachte er sich das Fotografieren selbst bei - denn eigentlich hatte er den Beruf des Schlachters gelernt.

Wo die Speicherstadt entstand

Etwa vier Mark pro Abzug

Als der Bau der Speicherstadt beschlossenen Sache ist, soll Koppmann 1883 "photographische Aufnahmen der abzubrechenden Theile der Kehrwieder-Wandrahminsel" herstellen. Koppmann soll drei Abzüge pro Motiv liefern, jeder Abzug wird mit etwas mehr als vier Mark vergütet. Für die Erfassung der Abrissviertel macht die Baudeputation exakte Vorgaben. Ein Großteil der Aufnahmen erfolgte auf 30 mal 40 Zentimeter großen Glasplatten.

Für Hafenarbeiter unerschwinglich

Anfang Dezember 1883 erscheint dann das erste Hamburger Mappenwerk Koppmanns: "Hamburg 1883. Aufnahmen der niederzulegenden Stadttheile". Darin enthalten sind unter anderem sieben Aufnahmen von Straßenszenen auf dem Kehrweider und acht Aufnahmen vom Grasbrook. Alle Bilder sind auf den Oktober 1883 datiert - sie entstanden aber wohl in der Zeit von September bis November 1883. "Der Preis der Fotomappe belief sich auf 140 Mark. "Manchmal wurde das Mappenwerk aber auch für 250 oder 300 Mark angeboten", erzählt Historiker Matthes. Das sei für die damalige Zeit extrem teuer gewesen. Ein gut verdienender Hafenarbeiter habe damals 80 Mark pro Woche erhalten.

Zur Orientierung: Ein Stadtplan von 1868 mit den alten Straßennamen - zum Zoomen

"Hochgradig kostbar"

Wie viele Exemplare der Mappe entstanden, ist unklar. "Es waren wohl mindestens 100 Stück, vielleicht auch 250 - aber das wäre schon sehr viel", sagt Matthes im Gespräch mit NDR.de. Das Werk sei Ende des 19. Jahrhunderts auch an Sammler in den USA gegangen, weil es auf der Weltausstellung 1893 in Chicago präsentiert wurde. Wer es heute noch besitzt, kann sich glücklich schätzen. "Das Mappenwerk von Georg Koppmann ist hochgradig kostbar", meint Matthes.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.10.2013 | 19:00 Uhr

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