Stand: 30.04.2018 07:55 Uhr

Mehr als ein Verkehrsprojekt - die Vogelfluglinie

von Christoph Heinzle, NDR Info

"Heute Vormittag hat für die Insel Fehmarn die Zukunft begonnen." Pathetisch begleitete ein NDR Reporter am 30. April 1963 die Einweihung der Fehmarnsundbrücke. Und Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm bezeichnete das ambitionierte Bauwerk als "Brücke des Friedens zwischen Deutschland und den nordischen Staaten Europas." Während Politiker den Brückenschlag Richtung Dänemark als historisch feierten, waren viele Fehmaraner skeptisch. "Auf ideellen Gebieten wird sich unser Fehmarnland sehr verändern. Wir werden eine ganz neue Kultur bekommen. Das Unberührte ist vorbei. Wir sind entdeckt", sagte Heimatforscher Peter Wilpert damals.

Die Vogelfluglinie gestern und heute

Die Brücke über den Fehmarnsund verband die Insel mit dem Festland und schuf damit die Grundlage für die Bahn- und Autoroute nach Dänemark. "Die Fehmaraner haben ihre Insel immer als Kontinent angesehen", sagt Carsten Watsack, langjähriger Fährschiffkapitän und Chronist der Vogelfluglinie. Doch nur mit der Fehmarnsundbrücke habe man die Vogelfluglinie realisieren können, "denn hätte man den Fehmarnsund weiterhin mit Fähren überqueren müssen, wäre der ganze Zeitgewinn, der Vorteil der Vogelfluglinie, dahin gewesen."

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Der dänische König Frederik IX. (l) und Bundespräsident Lübke (r) eröffnen die Fährverbindung zwischen Rødby und Puttgarden.
Bundespräsident Lübke eröffnete neuen Fährhafen

Zwei Wochen später - am 14. Mai 1963 - wurde die Schiffsverbindung zwischen Puttgarden und Rødby in Betrieb genommen. Es war ein großer Aufmarsch, ein Festtag, ein historisches Ereignis, über das NDR Chefreporter Hermann Rockmann berichtete: "Bei strahlender Sonne verließ das Fährschiff 'Theodor Heuss' über die Toppen geflaggt mit dem Bundespräsidenten Dr. Lübke und annähernd 400 Ehrengästen den neuen Fährhafen Puttgarden zur ersten offiziellen Fahrt über den Fehmarnbelt nach dem dänischen Fährhafen Rødby." Heinrich Lübke eröffnete die Vogelfluglinie mit großen, pathetisch formulierten Erwartungen. Die Vogelfluglinie werde die "Entwicklung guter menschlicher, kultureller, wirtschaftlicher und auch politischer Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern wieder fördern."

Stichwort Vogelfluglinie

Als Vogelfluglinie bezeichnet man seit den 60er-Jahren die direkte Verkehrsverbindung zwischen den Großräumen von Hamburg und Kopenhagen über Fehmarn. Die Bezeichnung leitet sich ab von dem auf gleicher Route verlaufenden Vogelzug der Kraniche und anderer Wasservögel. Die Zugvögel fliegen auf dieser Strecke von Skandinavien nach Mitteleuropa und umgekehrt. Auf diese Weise müssen sie nur einen kurzen Weg über dem offenen Meer zurücklegen.

Der Bundespräsident erhob sein Glas "auf die europäische Einigung, deren Verwirklichung wir alle aus vollem Herze wünschen." Dänemarks König Frederik IX. schloss sich dem Toast an und äußerte den Wunsch, "dass die neue Verkehrsverbindung dazu beitragen möge, diese positive Entwicklung zum Nutzen unserer beiden Länder und zur Förderung der europäischen Zusammenarbeit zu festigen."

Politisches Symbol der Annäherung nach dem Krieg

So viel Einigkeit war alles andere als selbstverständlich; 18 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Hitler-Deutschland Dänemark besetzt hatte. Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg ging die neue Bundesrepublik auch auf die ehemaligen Feinde und Opfer des NS-Regimes zu. Deshalb war die Vogelfluglinie mehr als ein wirtschaftliches Projekt, meint Tobias Etzold von der Stiftung Wissenschaft und Politik: "Der Austausch von Gütern und Menschen hat sicherlich - gerade zwischen Ländern, die vorher im Clinch lagen - eine wichtige politische Bedeutung, um die Länder enger zusammenzuführen." Das habe besonders für diese Zeit der fortschreitenden europäischen Integration gegolten, so der Berliner Skandinavien-Experte. Die Vogelfluglinie wurde zum Vorreiter und Symbol für offene Grenzen und eine neue Zusammenarbeit in Europa.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 30.04.2018 | 06:50 Uhr

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