Stand: 13.03.2014 14:00 Uhr  | Archiv

Als der Traum von der Großrohrpost starb

Für Michael Brandes vom Verein "Hamburger Unterwelten" ist es eine leichte Übung. Mit wenigen Handgriffen hebelt er den kleinen gusseisernen Deckel aus dem Bürgersteig nahe des Hauptbahnhofes heraus. "Post" steht drauf - mehr nicht. Und doch verrät die Schrift, was es mit dem Deckel auf sich hat: Er ist eines der wenigen noch sichtbaren Überbleibsel der Hamburger Großrohrpost. "Viel ist leider nicht mehr zu sehen", sagt Brandes. "In den letzten zwei, drei Jahren ist bei Straßenbauarbeiten viel verschwunden."

Was kaum ein Hamburger weiß: Unter dem Pflaster in der Innenstadt liegen noch immer Rohre, mit der die Bundespost ab 1962 "Briefbomben" von Postamt zu Postamt schickte. In Hamburg wurde das weltweit einzigartige System erprobt - es sollte später in allen Städten der Bundesrepublik mit mehr als 100.000 Einwohnern zum Einsatz kommen. Aber es kam anders.

Auf den Spuren der Großrohrpost

"Für Hubschrauber und Tunnelbahnen fehlt der Platz"

Die Hamburger Großrohrpost entstand aus der Not heraus. Die Bundespost rätselte, wie sie am Tag Hunderttausende Briefe in den Innenstädten transportieren sollte. "Die Enge der Straßen und die Verkehrsflut zwingen zu neuen Lösungen", urteilte Ende der 50er-Jahre das Bundespostministerium. "Für Hubschrauber und Tunnelbahnen fehlt meistens der Platz und eine 'Normal-Rohrpost' schafft zu wenig." Also kommt die Idee mit der Großrohrpost auf. Die erfahrene Hamburger Firma Carl August Schmidt & Söhne, die in den 20er-Jahren unter anderem eine Stadtrohrpost-Anlage in Buenos Aires errichtet hat, macht sich an die Entwicklung.

Historische Filmaufnahmen
01:56
NDR Fernsehen

Was spricht für die Großrohrpost?

NDR Fernsehen

Hamburgs Oberpostdirektor Heck erklärt 1960 im NDR Fernsehen die Vorzüge. Video (01:56 min)

Am 13. September 1960 erfolgt der erste Spatenstich. Zwei Monate später werden die ersten Versuche auf einem Teilstück von rund 500 Metern durchgeführt. Offizieller Startschuss für die 1.800 Meter lange Versuchsstrecke ist im Februar 1962. Bundespostminister Richard Stücklen drückt damals auf den "roten Knopf". Nun ist das Postamt 11 nahe des Rödingsmarktes unterirdisch mit dem Hauptpostamt am Hauptbahnhof verbunden. Auch die Tagesschau berichtet am Abend.

1962: Die Sturmflut beschädigt die Maschinen

Doch die Großrohrpost steht zunächst unter keinem guten Stern. Hamburgs Oberpostdirektor Georg Heck spricht von einem "unendlich und äußerst schwierigen Bau der Strecke". Mal steht ein Bunker-Rest oder ein Bahndamm im Weg, mal ergießt sich der stinkende Inhalt eines alten Abwasser-Siels in die Baugrube. Und nur neun Tage nach dem offiziellen Start im Frühjahr 1962 bricht die verheerende Sturmflut über die Stadt herein - und richtet auch an der Großrohrpost-Anlage schwere Schäden an. An der Endstation im Postamt 11 stehen die Kellerräume mit allen Maschinen zwei Meter unter Wasser. Die Fahrrohre unter der Erde laufen jedoch nicht voll. "Ein kaum fassbares Glück", hält Heck fest. Und doch dauert es ein halbes Jahr, bis die Anlage nach der Sturmflut-Katastrophe wieder funktioniert.

Immerhin: Technisch gibt es keine bösen Überraschungen. Alles läuft wie berechnet. Die Euphorie ist groß. Heck schwärmt in der Anfangszeit von den "fast phantastisch anmutenden guten Fahrergebnissen". So werden schon bald doppelt so lange Transportbüchsen auf die Reise geschickt. Bis zu 600.000 Briefe können nun theoretisch pro Stunde von Postamt zu Postamt geschickt werden. Auch im Ausland verfolgen Post-Experten das weltweit einmalige Projekt. Aus Israel, den USA, Südkorea, Kanada und der Sowjetunion reisen Gäste an.

Viel schneller als die Postfahrzeuge

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So sieht eine Transportbüchse aus, die durch die Großrohrpost-Anlage geschickt wurde.

Anfangs gibt es nur ein Fahrrohr, durch das die Briefe hin- und hergeschickt werden. Vom Postamt 11 aus werden die Briefbüchsen per Druckluft durch die Rohre gejagt, in Gegenrichtung werden sie angesaugt. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 58 Kilometer pro Stunde. Zweieinhalb Minuten dauert eine Fahrt. Ein Postfahrzeug brauchte für dieselbe Strecke in den Verkehrsstoßzeiten mitunter mehr als 20 Minuten. Anfang 1966 ist der Bau der Gegenlinie endgültig abgeschlossen. Nun können die Büchsen im Ringverkehr versandt werden. Die beiden Strecken sind nun zusammen 4.000 Meter lang. Die weiteren Planungen sehen vor, das Netz auf mehr als 49 Kilometer auszubauen - unter anderem, um den Flughafen mit der Luftpost anzubinden. Auch Postämter in Wilhelmsburg und Harburg sollen in den Genuss der Großrohrpost kommen.

Das schleichende Ende

Aber die Bundespost scheut sich, weiteres Geld in die Großrohrpost zu stecken. Die Betriebskosten sind hoch - zu hoch. Schon 1968 hat Oberpostdirektor Heck einräumen müssen, dass die Kosten "gegenüber dem bestehenden Verkehr mit den Kfz noch immer etwa doppelt so hoch" sind. Hinzu kommt, dass die Anlage im Laufe der Jahre störanfälliger wird. Immer wieder bleiben Büchsen in den Fahrrohren stecken. "Die Erschütterungen durch den Straßenverkehr und die vielen Baustellen der damaligen Zeit machten den Rohren zu schaffen", sagt der Hamburger Autor Ulrich Christiansen, der seit Jahren die Geschichte der Großrohrpost erforscht. "Denn die Rohre lagen oft nur knapp unter der Oberfläche." Auch ein anderer Punkt spricht gegen die Großrohrpost: Das Briefaufkommen ist längst nicht so stark gestiegen wie erwartet.

Alle Maschinen werden abgebaut

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Die beiden dunklen Rohre unter der Graskellerbrücke zeugen bis heute von der Großrohrpost in Hamburg.

Die Pläne für den Ausbau liegen einige Jahre lang auf Eis, 1976 kommt dann das endgültige Aus. Die Maschinen in den Postämtern werden restlos abgebaut und die Rohre mit Erde gefüllt. Nur an einer Stelle sind noch Rohre der Großrohrpost zu sehen. "Unter der Graskellerbrücke in der Nähe des Rödingsmarkts hat die Bundespost für den geplanten Weiterbau schon Mantelrohre verlegen lassen, in denen später die Fahrrohre eingelassen werden sollten", erzählt Brandes. Verwendet wurden sie nie. Aber sie erinnern noch an die Zeit, als der Traum von der Großrohrpost starb.

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In den 60er-Jahren sollte die Post in den Großstädten unterirdisch durch ein Rohrsystem geschossen werden. Hamburg war Vorreiter. Ein Blick zurück mit einem Zeitzeugen. Video (03:56 min)

Die Rohrpost in Hamburg

Die erste Stadtrohrpost-Strecke in Hamburg wird 1887 in Betrieb genommen. Verbunden sind zunächst das Telegrafenamt in der Börse und das zwei Kilometer entfernte Haupttelegrafenamt. Das Netz mit Rohren von 6,5 Zentimetern Durchmesser wird zügig ausgebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg müssen alle Rohre erneuert werden. Auch im Zweiten Weltkrieg gibt es starke Beschädigungen. 1965 weist das Rohrpost-Netz in der Hansestadt 40 Kilometer auf. Zu dieser Zeit besteht auch schon ein Teil der Großrohrpost in der Innenstadt. Die neuen Rohre haben einen Durchmesser von 45 Zentimetern. Mitte der 70er-Jahre gibt die Bundespost beide Rohrpost-Netze auf.

Karte: Hier verlief die Hamburger Großrohrpost

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.06.2014 | 19:30 Uhr

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