Stand: 30.01.2014 07:00 Uhr  | Archiv

1979: Der Ihlenberg wird zur Deponie

von Henning Strüber, NDR.de

Am 30. Januar 1979 fasste das Politbüro des Zentralkomitees der SED einen Entschluss, der zur Errichtung einer der größten Sondermülldeponien Europas führen sollte. In der Sperrzone zwischen Selmsdorf und Schönberg (heute Kreis Nordwestmecklenburg) - nur 14 Kilometer Luftlinie von Lübeck und 200 Meter von der nächstgelegenen Siedlung entfernt - wurden die Planer fündig. Ein Areal rund um den 82 Meter hohen Ihlenberg wurde ausgewählt, später die "VEB Deponie Schönberg" gegründet. Mit zähen Bürgerbeteiligungen musste man sich nicht lange aufhalten. Auch eine Bewertung der Bodenverhältnisse hinsichtlich Lage, Tiefe, Grundwasser und Schichtungen fehlte oder wurde geheim gehalten.

Die größte Sondermülldeponie Europas

Erst Bauschutt, dann auch Sondermüll

Schon im Mai 1979 rollten die ersten Lastwagen - beladen mit Bauschutt aus dem Raum Lübeck - auf die Deponie. 15.000 Tonnen wurden in den ersten Monaten auf den Ihlenberg gebracht. Ab 1980 kamen auch Sonderabfälle dazu. Eine Basisabdichtung, wie sie heute vorgeschrieben ist, war damals nicht erforderlich. Schon Anfang der 1980er-Jahre wurden Stimmen laut, dass die hohe Dioxinbelastung der Abfälle Auswirkungen auf die Gesundheit der Mitarbeiter haben könnte, doch der giftige Abfall wurde weiterhin angenommen.

Reger Ost-West-Grenzverkehr

Schon Jahre vor dem Zusammenbruch des Sozialismus galten auf dem Ihlenberg die Gesetze des freien Marktes. Denn die Beschaffung von Devisen für die notorisch klamme Staatskasse der DDR war der eigentliche Zweck, den die Deponie erfüllen sollte. Das tat sie auch. Auf dem Ihlenberg etablierte die Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des Ministeriums für Außenhandel der DDR eine ebenso einfache wie erfolgreiche Geschäftsidee: Müll zu Geld machen. Die Müllabfuhr zum Dauertiefpreis, um ein Vielfaches günstiger als im Westen, stieß auf große Nachfrage. Im Nu entwickelte sich ein reger Grenzverkehr von West nach Ost - für Mülltransporte aus der Bundesrepublik und später ganz Europa.

Müllkippe und Goldgrube

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Der Müllhandel versprach einträgliche Gewinne.

Auf der Deponie landete so ziemlich alles, was man im Westen schnell loswerden wollte: Bauschutt, Hausmüll - auch Giftmüll. Kontaminierter Erdboden vom alten Dubliner Hafen ebenso wie belasteter Schredderstaub aus der Autoverwertung. Auch Fässer mit dem Seveso-Gift Dioxin wurden und werden auf dem Ihlenberg vermutet. Was dort so alles vergraben liegt, ist bis heute nicht genau bekannt. Zu DDR-Zeiten schien die Devise zu gelten: Hauptsache, die Kasse stimmt. Und sie stimmte: Rund 250 Millionen DM-Mark soll die KoKo bis zur Wende mit der Deponie für die DDR-Staatskasse erlöst haben. Der Müllhandel wurde wie der Kunst-Export und der Gefangenen-Freikauf zu einem ebenso fragwürdigen wie florierenden Geschäftsfeld der KoKo.

Der Schatten des Müllbergs

Den Zusammenbruch der DDR konnten die Mecklenburger Müll-Millionen freilich nicht abwenden. Der VEB fiel an die Treuhand, das Land Mecklenburg-Vorpommern kaufte die Deponie für zehn Millionen D-Mark. Aus dem "VEB Deponie Schönberg" wurde die Deponie Ihlenberg. Das Geschäft mit dem Müll versprach auch nach der Wende sprudelnde Einnahmen. Doch nun zeigte sich immer deutlicher die Schattenseite des Müllbergs. Schon zu DDR-Zeiten hatte sich ein undurchsichtiges Geflecht von Geschäftspartnern in Ost und West gebildet, dessen Akteure auch nach der Wende die Beschaffung des Mülls organisierten. 1993 beklagte der Landesrechnungshof ein "Gewinnabschöpfungssystem". Durch die aus Landessicht ungünstig abgeschlossenen Verträge seien Mecklenburg-Vorpommern Einnahmen von rund 100 Millionen D-Mark entgangen. Die vermeintliche Goldgrube entpuppte sich zunächst als Millionengrab.

Politische Folgen

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Die Affäre um den Kauf der Deponie durch das Land kostete 1993 die damalige Umweltministerin Mecklenburg-Vorpommerns, Petra Uhlmann, und Staatssekretär Peter-Uwe Conrad die Posten. (Archivbild)

Einer, der das Land damals bei den Verhandlungen beriet, war der schleswig-holsteinische Anwalt und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags stellte 1994 erhebliche Ungereimtheiten bei Abschluss der Verträge fest. Kubicki hatte für seine Tätigkeit ein Honorar von 860.000 Mark kassiert. Das Land verklagte Kubicki auf Schadenersatz, es meinte, schlecht beraten worden zu sein. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, den erst der BGH zugunsten Kubickis entschied. Zwischenzeitlich legte Kubicki wegen der Affäre sein Amt als FDP-Landesvorsitzender nieder, was ihn aber nicht an einem Comeback hindern sollte. Im Zuge der Affäre verloren die damalige Umweltministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Petra Uhlmann (CDU), und Staatssekretär Peter-Uwe Conrad (CDU) 1993 ihre Posten.

Schlummernde Gefahren

Der von 1979 bis 2005 befüllte Altteil, auf dem auf 60 Hektar rund 18 Millionen Kubikmeter abgelagert wurden, wird seit 2011 aufwendig versiegelt. Seitdem erfolgt die Ablagerung unter modernen technischen Standards auf einer neuen Müllhalde nebenan. 2011 wurden dort 622.000 Tonnen endgelagert, 426.000 Tonnen waren hochgradig schadstoffbelastete Abfälle aus der Müllverbrennung, Bauschutt, Asbest und Bodenaushub. Bürgerinitiativen, Umweltschützer und Parteien forderten immer wieder die Schließung der Deponie. 2008 zeigte eine Untersuchung, dass die Krebsrate unter den Mitarbeitern fast doppelt so hoch ist wie bei der übrigen Bevölkerung. Doch eine von Experten geforderte Langzeitbeobachtung gibt es bis heute nicht.

Bürgerproteste verhindern Asbestschlamm-Lieferung

Auch das Oberflächenwasser wird wegen der teils fehlenden Basisabdichtung als mögliche Gefährdung für das Trinkwasser eingestuft. Ein weiteres Problem: Im Sickerwasser des alten Deponieteils wurden erhöhte Werte des radioaktiven Tritiums nachgewiesen. 2011 gerät die Deponie wegen geplanter Asbestschlamm-Transporte aus der Region Hannover erneut in die Schlagzeilen. Doch nach heftigen Bürgerprotesten stoppt das Land Mecklenburg-Vorpommern die Anlieferung des giftigen, unverpackten Abfalls.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 30.01.2014 | 07:00 Uhr

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