Stand: 07.04.2008 14:58 Uhr  | Archiv

Johann Hinrich Wichern - Der Menschenretter

von Nils Zurawski

Strafvollzug und Gefängnisreform

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Das Modellgefängnis Moabit in Berlin entstand nach englischem Vorbild. Es wurde 1955 abgerissen.

1857 wurde Wichern Vortragender Rat für das Strafanstalts- und Armenwesen in Preußen. König Friedrich Willhelm IV. war auf ihn aufmerksam geworden, als er sich 1849 in einer Denkschrift verstärkt für die kirchliche Mitwirkung im Strafvollzug einsetze. Der König wollte mit ihm die Gefängnisreformen durchsetzen, die ihm sein Parlament immer wieder verweigerte.

Wichern sorgte dafür, dass das vom König favorisierte sogenannte Pennsylvania-System in Preußen konsequent eingeführt wurde. Dieses System wurde unter anderem im damaligen Modellgefängnis Pentonville in England praktiziert und geht auf Ideen der Quäker in Amerika zurück. Der König war bei einem Besuch von Pentonville so begeistert, dass er dieses System auch in Preußen haben wollte. Im Zellengefängnis Lehrter Straße (später JVA Moabit) nahmen diese Reformen Gestalt an.

Bei diesem neuen Gefängnistyp handelte es sich um sternförmige Bauten, die eine fast vollständige Kontrolle der Gefangenen ermöglichten. Die Gefangenen waren in Einzelzellen untergebracht und hatten keinen Kontakt miteinander. Sie lebten isoliert in den Zellen, abgeschottet - sogar im Gottesdienst, wo sie in Betstühlen saßen, die nur den Blick nach vorn auf die Kanzel erlaubten.

Wichern scheiterte mit seiner Reform des Strafvollzuges am Widerstand der Liberalen. Zum einen, weil diese ihn letztlich nicht als einen der ihren akzeptierten und mit seinen Ideen, aber vor allem mit seinen Gehaltsforderungen und seinen mit dem König ausgehandelten Vertragsbedingungen auf Kriegsfuß standen. So hatte er sich unter anderem zusichern lassen, die Hälfte des Jahres im Rauhen Haus und die andere Hälfte in Berlin verbringen zu können. Zum anderen scheiterte er, weil Teile des preußischen Landtages das System der Einzelhaft ablehnten sowie das zu "religiöse" und unmenschliche Regime der als Wärter eingesetzten Brüder des Rauhen Hauses kritisierten.

Wichern und die Politik

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Die Revolution von 1848 - hier die erste Nationalversammlung in der Paulskirche - war für Wichern kein Thema.

Politisch war Wichern konservativ, unberührt von der Revolution 1848, die er als gottlos beschrieb. Er wandte sich gegen die neuen Bewegungen und Strömungen wie Kommunismus und Sozialdemokratie. Sein Engagement für den preußischen König lag auch darin begründet, dass er dessen Ansichten von einem christlichen Staat, geprägt von einer christlichen Obrigkeit, teilte. So revolutionär Wicherns Sozialreformen innerhalb der Kirche und auch für die Gesellschaft waren, so konservativ und rückwärtsgewandt waren sein Staats- und Herrschaftsverständnis.

Die Ideen der Erweckungsbewegung hatten einen wichtigen Einfluss und ließen ihn zwar die Armut und Verelendung sehen, daraus aber sehr eigene Schlüsse ziehen. Für ihn waren die Einflüsse des Kommunismus und der Sozialdemokratie, die er als gottlos und gegen den Staat orientiert ansah, für diese Verelendung mitverantwortlich. Er sah diese Verelendungen nicht als Folge der gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit an, sondern als Mangel an Glaube, zu dem eben auch die Revolution und die Arbeiterbewegung beitrugen.

Seine Arbeit in der Jugendfürsorge wirkt allerdings bis heute nach und hat das Wohlfahrtssystem über die Kirche hinaus nachhaltig reformiert.

Wichern starb nach mehreren Schlaganfällen und anschließendem langem Siechtum als mürrischer Mann am 7. April 1881 in Hamburg.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.04.2008 | 19:30 Uhr

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