Stand: 14.12.2013 11:12 Uhr

Ein Spion bringt Willy Brandt zu Fall

von Dirk Hempel, NDR.de

Die Sicherheitsdienste versagen

Aber Guillaume schafft es nur an die Spitze, weil die westdeutschen Sicherheitsdienste versagt haben. Weder dem Sicherheitsreferenten des Kanzleramts noch den Verfassungsschutzbeamten, die Guillaumes Einstellungspapiere prüfen, fallen die Ungereimtheiten in seiner Fluchtgeschichte auf. Erst als Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesnachrichtendienst (BND) Verdachtsmomente gegen Guillaume finden, die vage auf eine frühere Agententätigkeit deuten, lässt der Sicherheitsreferent das Einstellungsverfahren vorläufig anhalten und informiert den Kanzleramtsminister Horst Ehmke.

Gespräch bei Horst Ehmke

Anfang Januar 1970 bestellt er Guillaume zum Gespräch. Als dieser die Vorwürfe abstreitet, reicht Ehmke die Einstellungspapiere an den Verfassungsschutz weiter. Dort versäumt man allerdings, die Abteilung für Spionageabwehr einzuschalten. So erfahren die prüfenden Beamten nicht, was die Abwehr schon seit Jahren weiß: Guillaumes einstiger DDR-Arbeitgeber, der Verlag "Volk und Wissen", gilt als Anwerbestelle für Agenten. Und seit Ende der 50er-Jahre fahndet die Abwehr nach einem Spion "G", der in der Bundesrepublik die SPD ausspäht.

Einblicke ins Privatleben

So kommen die Verfassungsschützer zu dem abschließenden Urteil, es gebe keine Erkenntnisse, die gegen eine Einstellung und gegen den Umgang mit Geheimakten sprächen. Nachdem auch Georg Leber für seinen ehemaligen Wahlkampforganisator "die Hand ins Feuer" legt, wird Guillaume Ende Januar eingestellt. Er hat Verbindungen zu Unternehmerverbänden und Gewerkschaften zu halten, später Kontakte zu Parlament, Parteien, Kirchen und Verbänden. Er macht auch hier Karriere, wird im Dezember 1972, nach Brandts gewonnener Wiederwahl, dessen Referent für Parteifragen. Arbeitet jetzt eng mit dem Kanzler zusammen, unterstützt ihn bei Gesprächen im Amt, auf Sitzungen des SPD-Vorstandes, der Fraktion. Und erhält Einblicke in Brandts Privatleben.

Nixonbrief im Norwegenurlaub

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Als Brandt im Sommer 1973 Urlaub in Norwegen macht, weiß er bereits von dem Verdacht gegen Guillaume.

Im Sommer 1973 begleitet er die Familie des Kanzlers in den vierwöchigen Norwegenurlaub. Das Blockhaus liegt mitten im Wald. Brandt angelt, sammelt Pilze. Die Fernschreibzentrale ist in einiger Entfernung in einer Jugendherberge untergebracht, von wo Guillaume die entschlüsselten Meldungen abholt und dem Kanzler bringt. Kopien verbirgt er in seinem Wäscheschrank. Hier bekommt er das wohl bedeutendste Geheimdokument seiner Agententätigkeit in die Hände, ein Schreiben des US-Präsidenten Richard Nixon an den Kanzler.

Dem Verdacht folgt die Enttarnung

Ausgerechnet die in der Fernschreibzentrale beschäftigten BND-Beamten händigen es ihm aus, loben hinterher in einem Bericht die gute Zusammenarbeit mit dem Parteireferenten. Sie wissen nichts von Guillaumes Doppelleben. Aber der Kanzler ahnt es längst. Sein angeblich so loyaler Referent steht vermutlich im Sold der Staatssicherheit der DDR. Durch einen Zufall ist er einige Monate zuvor unter Verdacht geraten. Im März 1973 ist sein Name mehrfach in Zusammenhang mit verhafteten DDR-Spionen aufgetaucht. Vielleicht ist Guillaume doch "ein krummer Hund", wie ein aufmerksamer Verfassungsschützer nun mutmaßt, gar der seit Jahren gesuchte "G", der auf die SPD angesetzt ist?

Den aufkeimenden Verdacht bestätigt die Stasi selbst, durch eine Unvorsichtigkeit: Jahre zuvor hat sie jeweils am 1. Februar verschlüsselte Geburtstagsglückwünsche an "G." geschickt. Was die Agenten nicht ahnen: Die westdeutsche Spionageabwehr hat den Zahlencode geknackt und die Nachrichten archiviert. Als die Verfassungsschützer die Akte Guillaume nun noch einmal prüfen, fällt ihr Blick als erstes auf das Geburtsdatum: Es ist der 1. Februar 1927. Nach weiteren Ermittlungen scheint im Mai 1973 festzustehen: "Guillaume ist ein Agent."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Feature | 15.12.2013 | 11:05 Uhr

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