Stand: 18.01.2012 11:54 Uhr  | Archiv

Der Generalplan Küstenschutz

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Bei der Sturmflut 1962 gab es viele Deichdurchbrüche.

Als nach der Sturmflut 1962 Deichschau gehalten wurde, war es für die Deichgrafen, Bürgermeister und Wasserbauer ein Horrortrip. Heute sind Deichschauen an der schleswig-holsteinischen Westküste fast ein nettes Ritual. Immer noch geht es um Zustand, notwendige Arbeiten und Projekte, doch am Ende wird fast stereotyp festgestellt: "Die Deiche sind sicher und in einem wehrhaften Zustand." Das ist das Ergebnis des größten und noch nicht vollendeten Küstenschutzprojektes in der Geschichte des Landes.

Nach der "Hamburgflut" wurde in Schleswig-Holstein 22 Monate gerechnet, projektiert und verworfen. Am 20. Dezember 1963 lag der "Generalplan Deichverstärkung, Deichverkürzung und Küstenschutz in Schleswig-Holstein" vor. Obwohl bis heute an die drei Milliarden Euro in den Küstenschutz geflossen sind, ist der Generalplan noch nicht abgearbeitet. Neue Aufgaben kommen auf das Land durch den Klimawandel zu. Zwei Tage vor dem 50. Jahrestag der "Hamburgflut" am 16. Februar wird deshalb seine vierte Fortschreibung vorstellen. 

Glück und Schock der "Hollandflut"

Am 1. Februar 1953 passierte ein Wunder. Über der Nordsee braute sich eine Sturmflut zusammen. Ein Orkantief zog über den Nordatlantik heran. Es war die Zugbahn, die bisher stets der Westküste Schleswig-Holsteins die schlimmsten Sturmfluten beschert hatte. Doch plötzlich schwenkte das Sturmtief mitten über der Nordsee. Die Westküste blieb verschont. Dafür  brachen die Deich im Delta des Rheins, der Maas und der Schelde an 67 Stellen. Fast 2.000 Menschen und 47.000 Stück Vieh ertranken. Die "Hollandflut" war für die Betroffenen eine Katastrophe biblischen Ausmaßes. Für die Menschen in den Marschen zwischen Hamburg und List war es ein Schock.

Die Sicherheit der Deiche war nun Thema. Und die Bilanz war erschütternd. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg war an den Deichen zu wenig oder nichts getan worden. Von den 560 Kilometern Festlandsdeichen musste, so die damalige Analyse, die Hälfte verstärkt und erhöht werden. Wo das passiert war, hielten die Deiche in der Nacht von 16. auf den 17. Februar 1962.

Nach der "Hollandflut" 1953 begann auch ein Prozess des Umdenkens. Mit dem Deichschluss des Friedrich-Wilhelm-Lübke-Kooges am 21. Oktober 1954 endete die Geschichte der reinen Landgewinnung. Zwar wurde auch noch das nächste Deichprojekt durch das "Programm Nord" getragen, doch es folgte einer neuen Philosophie. Im 1958 bis 1960 gebauten Hauke-Haien-Koog waren weniger als die Hälfte des Neulandes für die Landwirtschaft gedacht. Der Rest dient als Speicherfläche, um die Entwässerung des Binnenlandes zu sichern. Der neue Deich schützt die nun hinter der zweiten Deichlinie liegende alte Marsch. Das Ziel war nicht mehr neues Land zu gewinnen, sondern die Küste zu schützen.

Die Lehren aus der "Hamburgflut"

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Die Deiche wurden nach der Sturmflut zur See hin abgeflacht, damit sich das Wasser totlaufen kann. (Archivbild)

Aus der Februarflut von 1962 wurden mit dem "Generalplan Küstenschutz" die Lehren gezogen. Die Deiche mussten erhöht werden. Dafür genügte es nicht, einfach oben ein Stück draufzusetzen. Die vorne und hinten zerschlagenen Deichkronen hatten deutlich gemacht: der alte Typ war nicht nur zu niedrig für die zu erwartenden Sturmfluten, er war auch zu steil. Der Querschnitt der Deiche – das so genannte "Bestick" - musste geändert werden. Zur See hin mussten sie so abgeflacht werden, dass anstürmendes Wasser sich tot lief, die Wellen ihre Kraft verloren. Auch die Binnenseite musste flacher werden, damit Wasser überlaufen konnte ohne die gefürchteten Kronenbrüche (eben die auf der Innenseite) zu verursachen.

Um solche Deiche zu bauen, brauchten die Wasserbauer mehr als das Doppelte des bis dahin notwendigen Materials. Der Stoff aus dem die Deiche bis 1962 fast ausschließlich bestanden, war der schwere tonige, bläulich braune Marschboden, der Klei. Er wurde traditionell in direkter Nähe zum Deich entnommen. Für die neuen Deiche gab es davon nicht mehr genug. Deshalb wurden die alten Deiche geschlitzt, ein neuer hoher Kern aus Sand eingespült und die Außenberme mit etwa einem Meter Klei abgedeckt, die Binnenseite mit einem halben Meter.

Nicht nur wegen des enormen Materialbedarfs war das zweite Ziel des Generalplans, die Deichlinie zu verkürzen. Auf dem Festland wurden die Seedeiche um 207 auf 355 Kilometer verkürzt. Größten Anteil daran hatten die Sperrwerke. Pinnau, Krückau, Stör und Eider– durch das 1973 fertig gestellte Jahrhundertbauwerk – wurden zu Binnengewässern.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 16.02.2017 | 21:10 Uhr

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