Sendedatum: 10.11.2014 00:05 Uhr  | Archiv

Die Trabi-Invasion

von Thorsten Philipps, NDR 1 Welle Nord

Schatzsuche in der DDR

Aber irgendwie fühlten sich die Schwankes als Grenzbewohner immer zum Osten hingezogen. Beim kleinen Grenzverkehr war Familie Schwanke ganz groß dabei: Seit 1973 waren sie 30 mal in der DDR. So konnten sie Veränderungen gut miterleben - und sahen auch viele Ähnlichkeiten in West und Ost: "Wir bekamen mit, dass es Handtaschenraub auf offener Straße genauso wie bei uns im Westen gab. Und im Laufe der Zeit haben die Menschen immer mehr zur Alkoholflasche gegriffen - ich werde nie vergessen, wie ich vier oder fünf Menschen zur Mittagszeit angetrunken im Bus mit Bierflasche in der Hand rumsingend erlebt habe. Das hätte ich mir bis dahin gar nicht vorstellen können," wundert sich Horst Schwanke heute noch ein wenig.

An ihre erste Fahrt in die DDR 1973 erinnern sich beide noch ganz genau - sie waren mit ihrem roten VW-Golf nach Boltenhagen gefahren, und schon die Begegnung mit den DDR-Grenzern bleibt unvergessen: "Die waren wirklich unfreundlich bei der Kontrolle, wir mussten Kofferraum und Motorhaube aufmachen. Im Innenraum wurde alles abgesucht," erzählt Traute Schwanke. "Dann waren wir in Boltenhagen und haben unseren Wagen, den unser Sohn mit bestimmt 100 Stickern beklebt hatte, auf dem Marktplatz stehen lassen. Nach einem fünfstündigen Bummel durch das Städtchen kamen wir wieder zurück, und suchten nach dem mit Stickern übersäten Golf - nur fanden wir das Auto zuerst nicht. Dann sahen wir was passiert war: Unglaublich, alle Sticker unseres Sohnes waren abgekratzt - als er das sah hat der Zehnjährige ganz bitter geweint."

Auf der Suche nach Antiquitäten

Damals habe es auch noch keine Südfrüchte gegeben. "Ein paar Jahre später gab es dann Südfrüchte zu kaufen." Dennoch hatte sich im Laufe der Jahre die Stimmung in der Bevölkerung eher verschlechtert: "In den Achtzigerjahren schienen die Menschen immer gleichgültiger zu werden - niemand mochte mehr daran glauben, dass das geteilte Land mal wiedervereint werden würde," so Horst Schwanke. Dadurch erklärt sich vielleicht auch der zunehmende Alkoholkonsum, den die Schwankes in der Nähe von Schwerin beobachten konnten, als sie immer häufiger in den Achtzigerjahren die Cousine von Traute Schwanke besuchten.  

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Traute Schwanke mit ihrem in den Achtzigern geschmuggelten Bügeleisen.

Für die leidenschaftliche Sammlerin von Stickereien und antiken Bügeleisen war die DDR ein Eldorado: "Ich schmuggelte häufiger was mit rüber und hatte jedes Mal eine Riesenangst, erwischt zu werden. Eine Stickerei aus dem 19. Jahrhundert hatte ich einmal in meiner Strumpfhose am Bauch - es ging alles gut." Auch ein anderes Mal, als sie ein Bügeleisen in einer als Abfalltüte getarnten Tasche schmuggelte, wurde sie nicht erwischt.

"Schon toll, wenn man bedenkt, dass wir heute einfach nach Schwerin fahren können, ohne Probleme und ohne den ganzen Stress," sagt Traute Schwanke und ihr Mann ergänzt: "Durch das Jubiläum sind all diese Erinnerungen erst wieder richtig  präsent geworden: Es war eine spannende Zeit, gerade die Wende, schön, dass wir das miterleben durften!"

 

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10.11.2014 | 00:05 Uhr

Norddeutsche Geschichte