Stand: 11.11.2012 19:12 Uhr  | Archiv

Als die Pest den Tod nach Hamburg brachte

Der Schwarze Tod - Geißel seit dem Mittelalter

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Mediziner glauben noch im 18. Jahrhundert, dass die Ansteckung über verseuchte Luft geschieht - manche tragen Masken, um sich vor der Pest zu schützen.

Die Pest ist seit dem Mittelalter neben Hunger und Krieg die am meisten gefürchtete Plage. Im 14. Jahrhundert, als die schlimmste Pandemie aller Zeiten umgeht, stirbt jeder dritte Europäer an der Pest und den Folgen. 1350 hatte die Krankheit, wohl aus Asien eingeschleppt, Norddeutschland erreicht - zuerst die großen Hansestädte mit ihren weitreichenden Handelsverbindungen. Niemand kennt damals die Ursache für den Schwarzen Tod, der sich rasend schnell ausbreitet. 300 Jahre später haben christliche Reformation und Buchdruck bereits die Grundlagen für das Zeitalter der Wissenschaft gelegt. Es ist der Vorabend der Aufklärung. Doch auch zum Beginn des 18. Jahrhunderts ist die Pest den Menschen ein Mysterium. Miasmen, also stinkende Luft oder krankmachende Ausdünstungen, halten selbst Gelehrte für den Auslöser. Und Gestank hat Hamburg genug zu bieten. Die Pestärzte versuchen, sich mit einer Art Schnabelmaske vor Ansteckung zu schützen. Sie atmen durch Tücher hindurch, die mit ätherischen Ölen getränkt sind. Dass die Pest durch Flöhe verbreitet wird, weiß zu dieser Zeit noch keiner.

Handelsfreiheit oder Seuchenhygiene?

Durch den Ausbruch der Seuche 1712 steht Hamburg vor einem Dilemma: Je schärfer die Maßnahmen gegen die Ausbreitung, desto offensichtlicher würde für die Handelspartner in aller Welt, dass die Stadt "verpestet" ist und man sich vor Kontakt hüten sollte. Die Historikerin Kathrin Boyens kommt zu dem Schluss, dass Hamburg sich für eine Begünstigung des Handels auf Kosten der Seuchenhygiene entscheidet: "Um die Bewegungsfreiheit der Kaufleute möglichst wenig einzuschränken, verzichten die hamburgischen Stadtväter zum Beispiel auf eine Quarantäne für Personen und Waren, obwohl dies zur Pestabwehr andernorts durchaus üblich war."

Nordischer Krieg: Hamburg gerät zwischen die Fronten

Pest heute noch gefährlich?

Wissenschaftler vermuten, dass die Menschheit sich über Jahrhunderte an den Erreger gewöhnt hat und daher die Opferzahlen der "Pestzüge" langsam abnahmen. Bei der schlimmsten, vermutlich aus Asien eingeschleppten Epidemie im 14. Jahrhundert starb etwa jeder dritte Europäer. Möglicherweise waren die Überlebenden genetisch besser gegen die Krankheit geschützt. Dies dürften sie an die Nachkommen vererbt haben. Aber auch heute noch kommt die Pest zum Ausbruch. Im Sommer 2012 etwa soll sich ein Amerikaner infiziert haben, als er einer Katze eine Maus aus dem Maul holte - er überlebte. In den USA gibt es jedes Jahr mehrere Infektionen, auch in Indien und China werden immer wieder Fälle gemeldet.

Hamburg steht in dieser Zeit laut Boyens vor großen Gefahren von außen: Als erstes profitieren die Dänen von der Schwäche der Hansestadt. Sie blockieren von Altona aus Hamburgs Schifffahrt und wüten in den Landgebieten wie Hamm und Billwerder. Im November 1712 kauft sich Hamburg frei. 250.000 Reichsthaler wechseln den Besitzer, die Dänen ziehen ihre Truppen ab. Das wiederum lässt Schweden eine Verschwörung mit dem Erzfeind wittern - es fordert die gleiche Summe von den Hamburgern. Nachdem die Schweden im Januar kurz vor einer Invasion stehen und das dänischen Altona in Brand setzen, zahlt Hamburg. Und noch eine Großmacht hält sich an der pestgeschwächten Stadt schadlos: Russland. Dessen Truppen plündern auf einem Durchmarsch so lange die Landgebiete, bis Hamburg im Mai 200.000 Reichsthaler zahlt.

40 Totengräber und Todesstrafe gegen Plünderer

Die Pest in Hamburg erreicht ihren Höhepunkt 1713. Im heutigen St. Pauli besitzt die Stadt seit 1606 einen Pesthof, der als Behandlungsstätte für Erkrankte dienen soll. Doch wegen der Schließung des Millerntores kann dieses Spital kaum genutzt werden. Hamburg lässt vier weitere Lazarette errichten. Dort werden Infizierte aufgenommen, die aus ihren Wohnstätten heraus müssen. Zum Beispiel Mägde und Knechte, die von ihrer Herrschaft vor die Tür gesetzt werden, sobald sie Anzeichen einer Infektion zeigen. Stadtführerin Johannsen berichtet, dass Hamburg zum Höhepunkt der Epidemie sechs städtische Pestärzte beschäftigt, 30 "Pflegeweiber", zwei Pestprediger, ebensoviele Pesthebammen, vier "Lieger", die Plünderungen verhindern sollen - und 40 Totengräber. Und offenbar ist es notwendig, den städtischen Bediensteten strenge Regeln zu geben:

  • Aus dem Eid der Totengräber

    "Bey Abholung der Todten will ich mit denen Körpern bescheidentlich verfahren. Dieselbe ja nicht die Treppen herunter werfen, noch wie das Vieh schleppen und handhaben; sondern sie mit aller Stilligkeit aus denen Häusern, Wohnungen, Sahlen, Kellern heraus und herunter tragen, in den Sarg legen, diesen zunageln, auf den Todten-Wagen setzen, in der Stille und ohne Gezänke, Geräusche, Geschrey oder anderen Muthwillen wegführen und wegtragen."
    ("Eyd der Pest-Träger", Hamburger Pestbuch 1712/13)

  • Aus dem Eid der Lazarett-Wärterinnen

    "Ich will aber insonderheit, da ich zur Wärterin im Lazareth bestellet bin, die Armen Inficirten fleißig und treulich verpflegen und mich dabey keine Mühe, Verdruß, Sorge und Gefahr verdriessen lassen, ich will auch fleißig mit ihnen beten und singen und sie zur Beichte und Communion vermahnen." - Erst nach dem Singen und Beten folgt das Versprechen, "die verordnete Medicamenta ihnen zu rechter Zeit wie auch Speise und Tranck verordneter massen" zu reichen. (Eyd der Wärterinnen im Lazareth, Hamburger Pestbuch 1712/13)

  • Gesetz gegen Plünderungen

    "Solte sich aber jemand unterstehen, um etwas heraus zu nehmen, solche verschlossene Wohnungen zuerbrechen oder sich in selbige auf eine oder andre Art hinein zu practisiren, soll derselb, und wenn gleich das gestohlene oder heraus genommene Gut von keinen Werth ist, ohne einige Gnade am Leben gestraffet werden." (Hamburger Pestmandat vom September 1713)

  • Aus dem Eid der Köchinnen im Lazarett

    "Für meine Persohn aber aber reinliche und saubere Kleidung und Leinen tragen und des Umgangs mit gesunden Leuten, ohne die mir zugeordnet sind, mich entäussern. Sollte ich jedennoch mit Uninficirten Leuten sprechen wollen oder müssen, will ich solches auf freyen Felde in gebührlicher unschädlicher Entfernung thun und sie warnen mir nicht zu nahe zu kommen, der stadt aber, wärenden meinen Dienstes mich gänzlich enthalten und sonsten thun was einer redlichen Köchin zustehet. (Eyd der Köchinnen im Lazareth, Hamburger Pestbuch 1712/13)

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Glockengeläut und Freudensalven - Gott sei Dank, es ist vorbei!

Vor dem Dammtor entsteht ein Massengrab, der Pesthügel. Für die Totengräber gibt es viel zu tun: Fast 11.000 Hamburger erliegen der Seuche - etwa jeder siebte Einwohner kommt ums Leben. Dann endlich - im Winter 1713/14, ebbt die Epidemie ab. Die Hamburger danken dem Lieben Gott. Dass der Winter oft das Ende eines Pestzuges bedeutet, weil sich dann die krankheitsübertragenden Flöhe nicht mehr vermehren, wissen die Menschen damals noch nicht. Am 22. März 1714 feiern die Überlebenden mit einem Gottesdienst in St. Petri die überstandene Pest. Alle Glocken der Stadt läuten, die festlich beflaggten Schiffe feuern Freudensalven ab.

Karte: Leichenfunde, Pesthof, Massengrab
Pestarzt Dr. Chicogneau , 1720 /Kupferst. vor dem Nikolaifleet (Montage) © picture-alliance / akg-images Fotograf: akg-images, Oliver Dietrich

Was ist der "Schwarze Tod"?

Angst und Schrecken verbreitete die Seuche im Mittelalter. Abertausende Europäer fielen der Pandemie zum Opfer.

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NDR Info | 19.01.2012 | 18:00 Uhr

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