Stand: 26.03.2019 00:01 Uhr

Vor 25 Jahren: Anschlag auf Lübecker Synagoge

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Die Synagoge in der St.-Annen-Straße 13 in Lübeck ist am 25. März 1994 Ziel eines Brandanschlags.

Lübeck ist bekannt für seine malerische Altstadt, Backsteingebäude, das Holstentor und die Hanse. Doch in der Nacht zum 25. März 1994 löst ein Brandanschlag auf das jüdische Gotteshaus in der St.-Annen-Straße weltweites Entsetzen aus: "Lübeck wird als die Stadt in die Geschichte eingehen, in der zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder eine Synagoge gebrannt hat", bringt Lübecks damaliger Bürgermeister Michael Bouteiller die historische Bedeutung der Tat auf den Punkt. Am 25. März 2019 jährte sich der Tag des Anschlags zum 25. Mal.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD/2.v.l.) steht im März 1994 mit Beamten der Kriminalpolizei vor der Synagoge in Lübeck, auf die ein Anschlag verübt worden war. © Picture Alliance/dpa Foto: Stefan Hesse

Synagoge Lübeck: Die Wunden des Anschlags

NDR Info -

Am 25. März 1994 wurde ein Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge verübt. Die vier Täter wurden gefasst und verurteilt. Wie sieht es 25 Jahre nach dem Anschlag in der Synagoge aus?

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Brandgeruch in den Wohnungen über der Synagoge

Was ist geschehen? In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1994 bemerken Mitglieder der jüdischen Familien, die in den Wohnungen über der Synagoge leben, starken Qualm und alarmieren die Feuerwehr. Die kann innerhalb weniger Minuten das Feuer löschen und so die Gefahr für die fünf anwesenden Bewohner abwenden. Bei dem Brand wird der Vorraum der Synagoge zerstört, auch wertvolle Dokumente nehmen Schaden.

Mahnwachen wegen "Wahnsinnstat"

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Nach dem Anschlag ist die Solidarität innerhalb der Bevölkerung groß: Schon am selben Tag versammeln sich Bürger zu einer Mahnwache.

Die Nachricht von dem Anschlag verbreitet sich rasch in Lübeck, Deutschland und der ganzen Welt. Die Solidarität ist groß: Rund 200 Lübecker Bürger versammeln sich am Abend zu einer Mahnwache vor der Synagoge, in der die jüdische Gemeinde das Passahfest feiert. Am Folgetag demonstrieren in der Hansestadt 4.000 Menschen unter dem Motto "Lübeck hält den Atem an" gegen den Brandanschlag. Auch in anderen deutschen Städten finden Mahnwachen statt. Bürgermeister Bouteiller und Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis sprechen von einer "Wahnsinnstat" und einer Gefahr für "die Glaubwürdigkeit unserer Demokratie".

Bubis beschuldigt DVU und Republikaner

Politiker aus Land und Bund äußern sich entsetzt über die Tat, die in eine Zeit rechtsextremer Gewalttaten in Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992), Mölln (1992) und Solingen (1993) sowie wachsenden Zuspruchs für rechtsradikale Gruppierungen fällt. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält die Deutsche Volksunion (DVU) und die Republikaner für die "geistigen Brandstifter" des Übergriffs. Daraufhin bezeichnet Republikaner-Chef Franz Schönhuber Bubis als einen "der schlimmsten Volksverhetzer in Deutschland". Tatsächlich stellt der Verfassungsschutz in diesem Zeitraum eine systematische Kampagne der Republikaner gegen Juden fest.

Brandsatz führt auf die Spur der Täter

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Die Ermittler suchen mit Hochdruck nach den Tätern und sichern vor dem Gebäude Spuren.

Die Polizei arbeitet mit Hochdruck daran, die Täter zu finden. Die Bundesanwaltschaft zieht die Ermittlungen an sich. Ein nicht gezündeter Brandsatz, der am Tatort vorgefunden wird, führt die Ermittler auf die Spur von vier jungen Männern aus dem rechtsradikalen Lübecker Milieu. Der Haftbefehl lautet auf versuchten fünffachen Mord und schwere Brandstiftung. Stephan W., Boris H.-M., Nico T. und Dirk B., zwischen 19 und 24 Jahre alt, stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Ihr Motiv für den Anschlag mit Molotowcocktails: eine allgemeine Ausländer- und Judenfeindlichkeit. Inwieweit sie in Kontakt zu rechtsradikalen Organisationen stehen, bleibt ungeklärt.

Gericht verhängt mehrjährige Haftstrafen

Der Prozess gegen die vier jungen Männer endet im April 1995 mit einer Verurteilung zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren wegen Beihilfe zur Brandstiftung und Brandstiftung. Nach Auffassung des Gerichts gibt es keine sichere Grundlage für eine weitergehende Verurteilung wegen versuchten Mordes, da die Angeklagten bestreiten, von den Wohnungen im Obergeschoss gewusst zu haben. Der Vorsitzende Richter Herrmann Ehrich stellt fest, dass einige der Angeklagten nicht einmal gewusst hätten, was eine Synagoge sei.

Serie von Anschlägen in Lübeck

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Nach dem neuerlichen Anschlag 1995 besuchen Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis und Michel Friedman vom Zentralrat der Juden die Synagoge.

Der antisemitische Anschlag von 1994 ist der Beginn einer Serie von Übergriffen in der Hansestadt, die zumindest einen rechtsextremen Hintergrund vermuten lassen. Der Lübecker Pastor Günter Harig äußert die Befürchtung, dass durch die Tat von 1994 ein Tabu gebrochen worden sei. In der Nacht auf den 8. Mai 1995 - den Gedenktag anlässlich des Kriegsendes vor 50 Jahren - gibt es erneut einen Brandanschlag auf die Synagoge, bei dem ein angrenzender Schuppen vollständig ausbrennt. Die Tat bleibt unaufgeklärt. Im selben Jahr verletzt eine Briefbombe - möglicherweise gesendet von österreichischen Rechtsextremen - im Rathaus den Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft schwer an der Hand. Adressiert war die Post an den stellvertretenden Bürgermeister Dietrich Szameit, der das Urteil gegen die Brandstifter von 1994 als zu milde bezeichnet hatte.

1996: Zehn Tote bei Brand in Asylbewerberheim

Für Entsetzen in Lübeck - und weltweite Berichterstattung in den Medien - sorgt am 18. Januar 1996 ein Feuer in einem Asylbewerberheim, bei dem zehn Menschen sterben. Schnell kommt der Verdacht auf, Rechtsextreme hätten einen Anschlag auf das Haus verübt. Doch die Hintergründe des Brandes sind bis heute unklar. Ein angeklagter Bewohner des Asylbewerberheims wird freigesprochen.

Drohungen gegen Pastor Harig und Günter Grass

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Die Schmiererei an der St. Vicelinkirche richtet sich gegen Pastor Harig, der sich für Toleranz einsetzt und Migranten Kirchenasyl gewährt.

Ab 1997 erscheinen zunächst Schmierereien rund um Lübecker Kirchen und Häuser von Kirchenmitgliedern, bevor im Mai die katholische St. Vicelinkirche durch Brandstiftung fast zerstört wird. Drohungen auf Hauswänden gegen Pastor Harig, der Migranten Kirchenasyl gewährt, sowie Günter Grass in Verbindung mit Hakenkreuzen folgen. Der Schriftsteller hatte die Verschärfung des Asylrechts stark kritisiert. Nicht nur in Lübeck, auch in Hamburg und Husum kommt es zu gewalttätigen Aktionen gegen Kirchen.

Aktionen für mehr Toleranz

Mit einer intensiven Jugend- und Sozialarbeit sowie mit Veranstaltungen für mehr Toleranz versucht die Stadt Lübeck ab Mitte der 90er-Jahre, rechtsextremem Gedankengut vorzubeugen. Doch Aufmärsche und Übergriffe Rechtsradikaler gibt es weiterhin.

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In der Reichspogromnacht haben SA-Männer die Thora der Lübecker Synagoge zerrissen. Nach jüdischer Tradition wurden die Reste auf einem Friedhof begraben. Bis heute wird danach gesucht. Video (05:48 min)

Synagoge wird rund um die Uhr bewacht

Die Folgen der beiden Brandanschläge spürt die mehr als 600 Mitglieder große Jüdische Gemeinde bis heute: Die Synagoge wird rund um die Uhr bewacht - wie die meisten anderen jüdischen Einrichtungen in Deutschland auch. Anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 2019, bei dem an den Lübecker Brandanschlag erinnert wird, mahnt Schleswig-Holsteins Landtagspräsident Klaus Schlie, aktuellen antisemitischen Tendenzen entschieden entgegenzutreten. "Es reicht nicht, kein Antisemit oder Rassist zu sein", sagt er.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Lübeck, Alexander Olschanski, erklärt, die große Empörung und die Solidarität der Lübecker mit der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag hätten ihm damals gezeigt, dass es kein Fehler gewesen sei, nach Deutschland zu ziehen. "Trotz mancher Schwierigkeiten ist Deutschland für die meisten von uns ein zweites Zuhause und für unsere Kinder und Enkelkinder eine echte Heimat geworden." Die derzeit laufende Sanierung der Synagoge sei die beste Bestätigung für eine freie Religionsausübung.

Die Synagoge Lübeck

Seit 1880 steht die Synagoge Lübeck in der St.-Annen-Straße. Während der Reichspogromnacht 1938 wird die Synagoge im Inneren verwüstet, das Gebäude selbst bleibt verschont - wohl, weil ein Verkauf an die Stadt bereits vorgesehen ist. Die Stadt verwandelt die Synagoge von einem Gebäude im maurisch-byzantinischen Stil mit Kuppel in einen schlichten Backsteinbau und nutzt es unter anderem als Turnhalle. Den ersten Gottesdienst nach dem Ende der Nazizeit feiern die verbliebenen etwa 250 Lübecker Juden am 1. Juni 1945. Am 1. September wird die Synagoge neu eröffnet.

In den folgenden Jahrzehnten sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder weiter, da viele Juden auswandern. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1991 erfährt die Gemeinde eine Neubelebung und zählt heute mehr als 600 Mitglieder. Seit 2014 wird das Gotteshaus umfangreich saniert, bis Ende 2019 soll der Umbau abgeschlossen sein. Die Jüdische Gemeinde hofft, dass sie dann ihre Synagoge wieder nutzen kann. Seit Beginn der Sanierung musste sie ihre Gebete meist im Keller des benachbarten Bürogebäudes abhalten.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.01.2019 | 19:30 Uhr

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